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Der Wesselinger Silberschatz: Ein Jahrtausendfund auf dem Acker

Andreas Raffeiner
vor 7 Stunden
5 Min. Lesezeit

Der Traum liegt erfahrungsgemäß tief verborgen unter einer Schicht aus rheinischer Ackerkrume. Für Hobby-Schatzsucher ist es die Triebfeder unzähliger Stunden im Freien: das monotone Summen des Metalldetektors, das rhythmische Schwenken der Sonde und die Hoffnung, dass alles plötzlich in einen anderen, hellen Ton verfällt.


Am späten Nachmittag des 22. September 2026 wurde dieser Traum für Oliver Riedl auf einem ganz gewöhnlichen Feld bei Wesseling, südlich von Köln, zur Realität. Der Familienvater verwandelte sich binnen weniger Stunden von einem passionierten Sondengänger in den Entdecker eines archäologischen Sensationsfundes, der die numismatische Fachwelt in helle Aufregung versetzen sollte.


Oliver Riedl im WDR-Interview

Bildquelle: WDR


Das Signal, das keine Ruhe gab


Alles begann wie ein gewöhnlicher Ausflug auf dem Feld. Riedl, der eine offizielle Suchgenehmigung besaß, ging den Boden systematisch ab. Plötzlich schlug sein Gerät an. Ein klares, starkes Signal. Er grub vorsichtig nach und hielt kurz darauf die erste römische Silbermünze, einen antiken Denar, in den Händen. Doch das war erst der Anfang. Die Sonde gab einfach keine Ruhe.


Wo andere Laien im Jagdfieber vielleicht unkontrolliert weitergegraben hätten, bewies Riedl beispiellose Umsicht. Selbst als er bereits fünfzehn Silberstücke geborgen hatte und der Detektor noch immer heftig ausschlug, hielt er inne. Für ihn war klar, dass hier etwas Größeres im Boden ruhen musste.


Anstatt auf eigene Faust weiterzugraben und sensible archäologische Schichten zu zerstören, traf er die einzig richtige Entscheidung: Er stoppte die Suche und informierte das Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (Landschaftsverband Rheinland, LVR).


Sensation im Labor: 934 Denare im Erdblock


Kurze Zeit später machten sich die Archäologen auf den Weg nach Wesseling. Das vorbildliche Verhalten des Finders ermöglichte eine wissenschaftliche Meisterleistung: Die Fachleute bargen den Fund im sogenannten Erdblock. Das bedeutet, dass die Münzen mitsamt dem umgebenden Erdreich als Ganzes gehoben und unberührt in die Restaurierungswerkstatt des LVR-Landesmuseums nach Bonn transportiert wurden.


Diese Methode erlaubt es den Experten, die Fundlage millimetergenau im Labor zu analysieren und organische Reste zu sichern, die auf dem offenen Feld längst vergangen wären. Die Freilegung brachte ein sensationelles Ergebnis zutage: Insgesamt 934 römische Silberdenare wurden aus dem Block isoliert – ein gigantischer Schatz mit einem Gesamtgewicht von mehr als drei Kilogramm reinem Edelmetall.


Der Münzschatz umfasst insgesamt über 900 römische Silbermünzen – hier ein kleiner Ausschnitt.

Copyright: Marcel Zanjani/LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland


Nach ersten Auswertungen durch das LVR-Amt steht fest: Es handelt sich hierbei um den größten Münzschatz aus der Regierungszeit des römischen Kaisers Hadrian, der jemals in Deutschland entdeckt wurde. Weltweit belegt dieser Fund den fünften Platz unter den Hortfunden aus dieser Epoche.


Die Experten datieren die Vergrabung des Schatzes in das zweite Viertel des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Kaiser Hadrian, der das Römische Reich von 117 bis 138 n. Chr. regierte und heute vor allem für den Hadrianswall in Nordengland bekannt ist, stand an der Spitze des Reiches, als diese Münzen der rheinischen Erde anvertraut wurden.


Ein numismatischer Ritt durch die Jahrhunderte


Das numismatische Spektrum des Wesselinger Schatzes ist jedoch weitaus faszinierender als seine reine Menge. Der Großteil der Münzen wurde nämlich nicht erst unter Hadrian geprägt, sondern stammt aus erheblich älteren Epochen. Die zeitliche Bandbreite der Denare erzählt die Geschichte der römischen Geldwirtschaft über Jahrhunderte hinweg.


Das älteste Fundstück stammt aus dem Jahr 148 v. Chr. – einer Epoche, in der Rom noch eine Republik war und von einem Kaiserreich noch niemand zu träumen wagte. Diese Münze war bereits über 270 Jahre alt, als sie schließlich im Boden vergraben wurde. Dass sie trotz ihres Alters immer noch als gültiges Zahlungsmittel im Umlauf war, zeugt von der enormen Stabilität und Langlebigkeit des römischen Münzwesens, das primär auf dem Materialwert des Edelmetalls basierte.


Unter den Münzen sind auch einige besondere, wie eine stark abgenutzte Münze,

deren Wert mit einem Gegenstempel nachträglich bestätigt wurde (rechts).

Copyright: Marcel Zanjani/LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland


Das Geheimnis des namenlosen Römers


Die Entdeckung wirft unweigerlich die Frage nach den historischen Hintergründen auf. Warum vergrub ein Mensch im zweiten Jahrhundert nach Christus ein solches Vermögen auf einem Feld nahe dem Rhein? Da es im antiken Römischen Reich kein Bankensystem im modernen Sinne gab, war das Vergraben im Boden die gängigste Methode der Vermögenssicherung.


Der Leiter des LVR-Amtes, Erich Claßen betont jedoch, dass man über die genauen Beweggründe des Besitzers nur spekulieren kann. Der Hort wurde offensichtlich mit der Absicht versteckt, ihn später wieder zu bergen. Dass dies nie geschah, deutet auf ein plötzliches Ereignis hin. Möglicherweise fiel der Besitzer einem plötzlichen Tod zum Opfer, verstarb in den Wirren eines Konflikts oder erlitt ein anderes Schicksal, ohne jemandem das Versteck mitgeteilt zu haben. So nahm er sein Geheimnis mit ins Grab, und die Münzen blieben fast zwei Jahrtausende lang unberührt im Dunkeln.


Sechs Jahre Sold: Der antike Wert des Schatzes


Um die wirtschaftliche Dimension des Fundes zu verstehen, hilft ein Blick auf die damaligen Lebenshaltungskosten. Rahel Otte, wissenschaftliche Referentin des LVR-Amtes, rechnet vor, dass ein einfacher römischer Legionär zu dieser Zeit einen Bruttojahresverdienst von etwa 300 Denaren hatte. Davon wurden den Soldaten jedoch erhebliche Summen für Verpflegung und Ausrüstung in Rechnung gestellt, sodass am Ende etwa 150 Denare zur freien Verfügung übrigblieben.


Um eine Summe von 934 Denaren anzusammeln, hätte ein Legionär also rund sechs Jahre lang jeden einzelnen Cent seiner freien Löhnung sparen müssen. Der Wesselinger Schatz stellte somit das beträchtliche Vermögen einer wohlhabenden Privatperson oder die Ersparnisse eines hochrangigen Offiziers dar.


Im Unterschied dazu steht der reine heutige Materialwert des Silbers, der auf etwas mehr als 6.000 Euro geschätzt wird. Der wissenschaftliche Wert für die historische Forschung ist hingegen aufgrund des Erkenntnisgewinns unbezahlbar.


Der Großteil der Münzen stammt aus der Zeit der flavischen Herrscher

und zeigt deren Profil, wie diese hier das des Kaisers Domitian.

Copyright: Marcel Zanjani/LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland


Vorbildlicher Fund mit verdienter Belohnung


Die Laborarbeit in Bonn förderte zudem faszinierende Details über die Art und Weise der Verbergung zutage. Dank der aufwendigen Blockbergung konnten die Restauratoren kleinste Fragmente eines Keramiktopfes sowie mikrofeine Strohreste nachweisen.


Die Archäologen vermuten daher, dass die Münzen ursprünglich sorgfältig in einen mit Stroh ausgepolsterten Tontopf geschichtet wurden, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen, bevor das Gefäß im Erdreich versenkt wurde.


Dieser Fund unterstreicht auch die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Hobby-Schatzsuchern und der staatlichen Denkmalpflege. Oliver Riedl hatte im Vorfeld eine fundierte Schulung absolviert, die für den Erhalt einer Sondengänger-Genehmigung zwingend erforderlich ist, und besaß das ausdrückliche Einverständnis des Grundstückseigentümers.


Nach geltendem Recht in Nordrhein-Westfalen geht ein solcher Hortfund durch das sogenannte Schatzregal in das Eigentum des Landes über. Der Finder geht jedoch keineswegs leer aus: Das NRW-Heimatministerium hat bereits angekündigt, Riedl eine angemessene Belohnung für seine Ehrlichkeit und seine vorbildliche Kooperation zukommen zu lassen. Für die Öffentlichkeit schließt sich der Kreis nun im LVR-Landesmuseum in Bonn, wo die 934 silbernen Zeitzeugen erstmals ausgestellt werden und die Besucher einladen, das Relief einer Epoche zu bestaunen, in der die Hoffnung eines Römers schwerer wog als das Silber selbst.


Andreas Raffeiner

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