Schatz aus 78 Kilogramm Gold: Das numismatische Rätsel von Dendermonde
- Andreas Raffeiner
- vor 7 Stunden
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Der Fund von rund 49 Goldbarren und über 4.000 Goldmünzen mit einem Gewicht von 78 Kilogramm im August beherrscht kürzlich die Tagespresse. Die Barren und Münzen waren bei Renovierungsarbeiten im Haus einer Wohltätigkeitsorganisation in einem Keller im belgischen Dendermonde entdeckt worden. Der 18-jähriger Ferienjobber Kobe Philips war dabei, einen Teil des Kellerfundaments abzutragen, um Rohre zur Entwässerung und für das Abwasser zu verlegen. Da fielen dem jungen Mann eingemauerte Gegenstände auf, die wie Münzen aussahen. Zunächst hielt Kobe die Stücke für gewöhnliche Münzen im Wert eines Euros. Er informierte die übrigen Arbeiter. Die stellten fest, dass es sich um einen riesigen Hort von Goldbarren und Münzen handelt. Während die meisten Medien sich lediglich mit dem astronomischen Gesamtwert von gut neun Millionen Euro und die ungeklärten Besitzansprüche beschäftigten, übersehen sie ein für Münzsammler und Historiker spannendes Detail: Bei den Geldstücken handelt es sich offenbar nur um britischen Sovereigns.

Bildquelle: Dendermonde Police
Kein typischer Fund
Aus numismatischer Sicht wirft dieser spezifische Münztyp ein völlig neues Licht auf den Fund und hebt ihn von einem reinen Edelmetall-Depot zu einer geschichtsträchtigen Zeitkapsel. Dendermonde liegt im Kerngebiet der einstigen Lateinischen Münzunion, in der damals die Währungen Belgiens, Frankreichs und der Schweiz als Standardwährungen galten. Die Währungsunion wurde allerdings nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst. Für dem Umlauf bestimmte Goldmünzen gab es in Belgien seitdem nicht mehr. Dass die Eigentümer – vermutlich die vermögende Brauereifamilie Van Assche – ihr Vermögen in britischen Pfundmünzen anlegten, zeugt von einem tiefen Misstrauen gegenüber den Währungen des europäischen Festlands während der Krisenjahre des frühen 20. Jahrhunderts.
Der seit 1817 geprägte Sovereign mit dem ikonischen Motiv des Hl. Georg, dem Drachentöter, war das unangefochtene Weltgold – extrem fälschungssicher, global akzeptiert und stabiler als jede Papierwährung der Epoche. Die etwa acht Gramm schwere Münze fungierte als die ultimative geopolitische Absicherung. Bis zum Ersten Weltkrieg und teilweise auch danach noch für den Umlauf geprägt, war sie im internationalen Handel so akzeptiert wie heute der US-Dollar.

Bildquelle: Dendermonde Police
Interessantes Detail der Münzen
Der jüngste Barren ist auf das Jahr 1960 datiert. Während die Barren jedoch nur einen modernen Schmelzwert aufweisen dürften, blicken Numismatiker jetzt gebannt auf die Details der 4.000 Münzen. Sovereigns wurden keineswegs nur in London geprägt. Winzige Prägebuchstaben (Mintmarks) im Bodenbereich des St.-Georg-Motivs verraten, ob Teile des Schatzes aus den damaligen Kolonial-Prägestätten des British Empire stammen: S für Sydney, M für Melbourne, P für Perth, C für Ottawa (Kanada) und I für Bombay (Indien). Sollte die chronologische Auswertung der Jahrgänge (von Queen Victoria über Edward VII. bis George V.) einen hohen Anteil an Übersee-Prägungen zeigen, könnte dies Rückschlüsse auf weltweite Handelsbeziehungen oder gezielte internationale Devisenkäufe der Familie in den 1920er- und 1930er-Jahren zulassen. Es könnte sich allerdings auch um viel später erworbene Anlagemünzen handeln. Die jüngsten Münzen stammen, wie auf einem Foto erkennbar, aus der frühen Regierungszeit von Königin Elizabeth II. Die Sovereigns mit dem Jugendporträt der Königin, die in einem Eimer zu sehen sind, wurden in den Jahren 1957 bis 1968 geprägt.
Für Experten ist ein Hortfund dieser Größenordnung auf dem europäischen Festland, der aus Sovereigns besteht, ist extrem ungewöhnlich. Dieser Umstand zeigt, dass wohlhabende Bürger in der Zeit zwischen den Kriegen und danach der Stabilität des britischen Empires oft mehr vertrauten als ihren eigenen Landesbanken. Für uns Numismatiker ist das eine historische Schatzkammer.

Bildquelle: Dendermonde Police
Materialwert oder numismatischer Sammlerwert?
Und auch hier gibt es einen großen Unterschied. Während die Tagespresse pauschal mit dem aktuellen Goldpreis rechnet, sind für Sammler die Seltenheit und der Erhaltungsgrad die entscheidenden Faktoren. Da die Münzen über Jahrzehnte hinweg geschützt und unzirkuliert in einer gemauerten Truhe lagen, besteht die Chance, dass zahlreiche Stücke in makellosem „Stempelglanz“ vorliegen. Seltene Jahrgänge oder noch rarere Kombinationen aus Jahrgang und Prägestätte könnten den numismatischen Wert der Münzen den reinen Materialwert um ein Vielfaches übersteigen lassen. Der Sovereign gilt zwar mit einer Gesamtauflage von über einer Milliarde Exemplaren als auflagenstärkste Goldmünze weltweit. Es gibt jedoch Ausgaben mit großem Seltenheitswert, beispielsweise jene aus der kurzen Regierungszeit von König Edward VIII. im Jahr 1936. Die wissenschaftliche Katalogisierung durch die belgischen Behörden wird in hoffentlich nicht allzu langer Zeit zeigen, ob sich in der riesigen Menge von 4.000 Sovereigns numismatische Raritäten befinden. Für Spannung ist also gesorgt!
Andreas Raffeiner




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