• Michael Kurt Sonntag

Erichthonios, der Nachfolger des Kekrops


Betrachtet man den folgenden Elektronstater aus Kyzikos etwas eingehender, so erkennt man auf seiner Vorderseite den Oberkörper einer nach rechts gewandten Frau, die in ihren Armen einen Knaben hält, den sie ganz offensichtlich jemandem zeigen oder gar überreichen will.

Kyzikos (Mysien). Stater (um 450-330 v. Chr.), Elektron, 16,03 g, Ø [Höhe Vs.] 19 mm, Münzstätte Kyzikos. Bildquelle: Roma Numismatics Ltd., Auktion XIV (21. September 2017), Los 228.

Numismatiker sehen in den Abgebildeten Gaia, die Personifikation der Erde, und den Erichthonios-Knaben. Will man verstehen, warum ausgerechnet Gaia diesen Knaben hochhält und was sie damit bezweckt, so muss man die antike griechische Mythologie etwas bemühen. Aus dieser erfahren wir, dass Hephaistos, der Gott des Feuers und der Schmiedekunst, der übrigens ein Sohn des Zeus und der Hera war, versuchte Athena zu verführen, als diese zu ihm kam, um mehr Waffen bei ihm zu bestellen. Als Athena ihn allerdings abwies, versuchte er sie zu vergewaltigen. Doch obgleich sein Vergewaltigungsversuch erfolglos blieb, fiel sein Samen auf ihren Schenkel. Athena wischte diesen kurzerhand mit einem Stück Wolle weg und warf die Wolle anschließend auf die Erde. Die Erde oder besser gesagt Gaia empfing den Samen und gebar 9 Monate später den Erichthonios.

Athena nimmt den Erichthonios-Knaben aus den Händen Gaias in Empfang. Links im Bild Hephaistos. Attisch-rotfiguriger Stamnos (um 470-460 v. Chr.). Standort: Staatliche Antikensammlungen. München. Bildquelle: Bibi Saint-Pol, Wikipedia.

Nach dessen Geburt tauchte sie, die sie im Übrigen auch die Mutter des Uranos (Personifikation des Himmels), des Pontos (Personifikation des Meeres), der Ourea (der Personifikationen der Gebirge) sowie einer Vielzahl von Göttern, Ungeheuern und Giganten war, aus einer Erdspalte auf der Akropolis auf und übergab den Knaben Athena. Diese wiederum legte ihn in einen Korb mit Schlangen, händigte diesen dann Aglauros, Pandrosos und Herse, den Töchtern des verstorbenen Königs Kekrops aus, und gebot den Mädchen, diesen Korb auf keinen Fall zu öffnen. Da Verbote aber schon immer zur Übertretung reizten, öffneten die Kekrops-Töchter den Korb und erschraken beim Anblick dessen Inhalts so sehr, dass sie sich von der Akropolis in den Tod stürzten. Auf diese Weise wurde Erichthonios König und Nachfolger des Kekrops und Begründer einer eigenen Dynastie – doch das ist eine andere Geschichte.