• Dietmar Kreutzer

Der geheimnisvolle Diskus: Kalender auf Münzen und Medaillen


Kretische Messingmedaille mit dem „Diskos von Phaistos“

Bildquelle: Autor

Wer als kulturhistorisch interessierter Tourist auf Kreta unterwegs ist, wird schon nach kurzer Zeit auf das Phänomen des „Diskos von Phaistos“ stoßen. Die beidseitig beschriftete Scheibe aus der Bronzezeit ist das Prunkstück des Archäologischen Museums von Iraklion. Gefunden wurde das Artefakt aus gebranntem Ton im Jahr 1908 bei Ausgrabungen auf dem Gelände der minoischen Palastanlage von Phaistos. Alle bisherigen Versuche, die unbekannte Zeichenschrift zu entziffern, scheiterten. So wird dem Besucher an der Ausgrabungsstätte eine kleine Medaille aus Messing in die Hand gedrückt: Er möge zu Hause versuchen, das Rätsel zu entschlüsseln. Gelingt es ihm, werde er berühmt!

Mexikanischer „Aztekenkalender“

20 Pesos (Aztekenkalender, Gold, Mexiko, 1917)

Bildquelle: Scheideanstalt

Sammler von Münzen und Medaillen drängt sich sofort der Gedanke an die Kalenderdarstellungen auf, die auf diversen Münzen und Medaillen zu finden sind. Vor allem der „Stein der Sonne“ aus dem Reich der Azteken wird ihm präsent sein. Dieser sogenannte Kalenderstein ist auf einer mexikanischen Goldmünze zu 20 Pesos aus der Zeit der mexikanischen Revolution zu finden. Als Motiv diente ein 24 Tonnen schwerer Stein aus Basalt, dessen Durchmesser etwa 3,6 Meter beträgt. Das Artefakt, das einst ein Opferstein gewesen sein dürfte, war 1790 bei Ausgrabungen am Haupttempel von Tenochtitlán (Mexiko-Stadt) entdeckt worden. Auf Anordnung des spanischen Vizekönigs wurde der Stein als „Montezumas Uhr“ am Westturm der Kathedrale angebracht. Einer der Ringe gibt 20 Tageszeichen wieder, weshalb er als Kalenderstein bezeichnet wurde. Tatsächlich gibt es Bezüge zum sogenannten Azteken-Kalender, der aus zwei miteinander verschränkten Kalender-Zyklen besteht, dem des bürgerlichen Jahres von 365 Tagen und jenem eines Ritualkalenders von 260 Tagen. Der „Aztekenkalender“ zu 20 Pesos ist eine beliebte Sammler- und Anlagemünze, die erstmals zwischen 1917 und 1921 geprägt wurde. Nachprägungen tragen das Datum 1959.

Fantasievolle „Kalendermünzen“

2.000 Dobras (São Tomé und Príncipe, Silber, 1998)

Bildquelle: Numista, Sander

Aktuelle Kalenderdarstellungen stammen zumeist aus dem Bereich der Agenturprägungen. Diese oft unkonventionell vertriebenen Produkte sind Sammlermünzen, die von privaten Prägeanstalten im Namen exotischer Staaten ausgegeben werden. Die Milleniums-Münze zu 2.000 Dobras (São Tomé und Príncipe, 1998, 925er Silber, 25 Gramm) ist ein Beispiel dafür. Auf ihr ist ein zirkularer Kalender für das Jahr 2000 abgebildet. Die Jahresziffer im Innenkreis gibt zugleich den Nominalwert an. Die übrigen Kreise sind in sieben Segmente für ein, zwei oder drei Monate des Jahres aufgeteilt. Den abgekürzten Wochentagen der aufgeführten Spalten lassen sich die Ziffern der einzelnen Tage zuordnen. O Terceiro Milenio (Das dritte Jahrtausend) lautet die Umschrift. Hersteller ist die Valcambi Mint (Chiasso, Schweiz). Eine Münze zu 4.000 Kwacha (Sambia, 2000, 999er Silber, 23 Gramm) zeigt ebenfalls einen zirkularen Jahreskalender, allerdings für 2001. Die siebeneckige Münze trägt auf der Vorderseite die Aufschrift „Bank of Sambia“, darunter ein Porträt der britischen Königin Elisabeth II. als Staatsoberhaupt: Sambia ist Mitglied des Commonwealth of Nations. Auf der Vorderseite sind das Staatswappen, das geteilte Ausgabejahr 2000 sowie Angaben zu Wert und Feinheit verzeichnet. Emittent ist Coin Invest Trust (Liechtenstein). Besonders außergewöhnlich kommt eine Münze zu 1.500 Ngultrum daher (Bhutan, 2005, 999er Silber, 142 Gramm). Die Vorderseite zeigt das Staatswappen mit der Umschrift „Kingdom of Bhutan“. Auf die Rückseite ist eine Scheibe mit einem 50 Jahre gültigen, drehbaren Kalender montiert. Seitlich sind das Ausgabejahr und der Wert vermerkt. Hersteller ist die Mayer Mint (München-Karlsfeld). Einige Jahre später erschien für die Republik Fidschi eine Ausgabe „Apokalypse 2012“ im Wert von 10 Fidschi-Dollar (Fidschi, 2012, 925er Silber, 20 Gramm). Thema ist ein im Kalender der Maya angeblich prophezeiter Weltuntergang. Die ovale Sammlerprägung trägt ebenfalls das Porträt und Schriftzug der britischen Königin, außerdem den Schriftzug des Staates, das Ausgabejahr und die Wertangabe. Beidseitig vertieft ist eine farbige Erdkugel aus Glas mit dem amerikanischen Kontinent im Zentrum erkennbar. Seitlich davon lodert ein Flammenmeer. Hersteller ist die Helvetische Münze (Rothenburg, Schweiz).

Traditionelle Kalendermedaillen

Silberne Kalendermedaille (Österreich, 1946)

Bildquelle: Münzen Möller

Die beispielhaft vorgestellten Prägungen können als Variation der traditionsreichen Kalendermedaillen gelten. Diese Medaillen kamen im 17. Jahrhundert in Mode. Auf der Website der Münze Österreich heißt es: „Sie wurden damals auch als Taschenkalender verwendet, da sich auf den Rückseiten der Medaillen traditionell die Sonn- und Feiertage befinden. Auf der anderen Seite ist der astrologische Jahresregent abgebildet. In der Regel bezieht sich die Darstellung auf die Götter der Römer. Der Zyklus umfasst 7 Jahre und beginnt mit Saturn. Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond folgen. Neben den Jahresregenten steht auch immer ein Tierkreiszeichen im Mittelpunkt.“ Seit 1932 werden von der österreichischen Münzprägestätte fortlaufend Kalendermedaillen in Gold, Silber und Bronze ausgegeben. Doch nicht nur in Österreich gibt es eine derartige Tradition, sondern auch in Japan, Frankreich und einigen anderen Ländern. Das Bildwerk zu dem aktuellen Kalendarium enthält häufig Sand- oder Sonnenuhren sowie Tierkreiszeichen und andere astrologische Symbole. Als unangefochtenes Standardwerk zum Thema gilt das vor 15 Jahren erschienene Buch „Die Zeit in der Numismatik – Kalendermedaillen, Münzen, Medaillen, Plaketten zum neuen Jahr“ von Werner Strothotte. Es enthält nicht nur Angaben zur Geschichte dieser numismatischen Ausdrucksform, sondern auch einen umfassenden Katalogteil.