Zwischen Mittelalter und Moderne: Dickabschlag eines Pilgergroschens Wilhelms I. von Hessen (um 1492)
- Leu Numismatik AG
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Am 30. Mai kommt bei der Leu Numismatik im Rahmen der Auktion 22 ein Kleinod der hessischen Münzgeschichte unter den Hammer. Warum es sich um den ersten hessischen Taler und die erste hessische Gedenkmünze handelt, und was eine Pilgerreise mit tragischen Folgen damit zu tun hat, erfahren Sie im Folgenden.
Wilhelm I. und die Pilgerreise
Das Jahr 1492 markiert einen tiefgreifenden Umbruch in der europäischen Geschichte. Mit der Reise des Christoph Kolumbus und der „Entdeckung“ der Neuen Welt begann eine Epoche globaler Verflechtungen, die Europa wirtschaftlich wie geistig nachhaltig veränderte. Zugleich fand mit dem Fall von Granada der jahrhundertelange Kampf der Reconquista seinen Abschluss, wodurch sich die politischen und religiösen Strukturen auf der Iberischen Halbinsel grundlegend wandelten. Diese Entwicklungen stehen exemplarisch für den Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, in dem sich Machtverhältnisse, Weltbilder und Kommunikationsräume neu formierten.
Im selben Jahr kehrte Wilhelm I. von Hessen (1466-1515), genannt „der Ältere“, von einer Pilgerreise ins Heilige Land über Zypern und Rom in seine Residenz nach Kassel zurück. Einer seiner Begleiter, der anlässlich der Reise zum Ritter geschlagene Dietrich von Schachten, hielt die Ereignisse in einem überlieferten Tagebuch fest. Der landgräfliche Pilgerzug blieb nicht von Gefahren verschont: Überfälle, ein verheerendes Erdbeben in Nikosia sowie mehrere schwere Seestürme prägten die Reise.

Epitaphs Wilhelms I., Elisabethkirche Marburg. Foto: H. Lemberg.
Was Dietrich von Schachten nicht wusste – oder bewusst verschwieg – war die Erkrankung des Landgrafen an Syphilis im Zuge zahlreicher Hofbesuche und Festlichkeiten. In der Folge der Geschlechtskrankheit verschlechterte sich Wilhelms körperlicher und vor allem geistiger Zustand rapide. Bereits im Juni 1493 musste er aufgrund „geistiger Verwirrung“ zugunsten seines Bruders Wilhelm II. von Hessen abdanken. Er starb 1515 auf Schloss Spangenberg an den Spätfolgen seiner Erkrankung.
Den wohlwollenden Chronisten zufolge galt Wilhelm I. als beliebter Landesherr, der kirchliche Reformbestrebungen und umsichtige Politik mit persönlicher Frömmigkeit verband. Es verwundert daher kaum, dass er seine Pilgerreise nach Jerusalem auch für die Nachwelt sichtbar machen wollte. Pilgerfahrten ins Heilige Land galten im Mittelalter als höchste Form christlicher Frömmigkeit und versprachen besondere Heilwirksamkeit für Pilger, ihre Familien und Untertanen. Die nachhaltigste Erinnerung an diese Reise bilden die sogenannten Pilgergroschen, die ab 1492 in Kassel geprägt wurden.
Der Pilgergroschen
Der Groschen war seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Hessen etabliert und hatte den zuvor dominierenden Pfennig abgelöst, der meist weniger als ein Gramm wog. Mit dem Aufschwung des Handels und der zunehmenden Komplexität der Finanzwirtschaft erwies sich der Pfennig als unzureichend. Der Groschen – benannt nach dem grossus denarius Turonensis, einer seit 1266 in Tours unter Ludwig IX. von Frankreich (1214-1270) geprägten Silbermünze – bot eine praktikablere Alternative.
Dieses Nominal verbreitete sich rasch, insbesondere in Regionen mit reichen Silbervorkommen. Nach den Meraner Groschen (ab 1271) gewannen vor allem die Prager Groschen unter Wenzel II. von Böhmen (1271-1305) um 1300 große Bedeutung. Ihre Nachahmung, etwa in Meißen ab 1338, führte dazu, dass der Pfennig im ost- und mitteldeutschen Raum weitgehend verschwand. In Hessen verbreiteten sich ab Ludwig I. von Hessen (1401-1458) eigene in Kassel geprägte Groschen.
Der Pilgergroschen Wilhelms I. stellt innerhalb der spätmittelalterlichen Groschenprägung eine besondere Erscheinung dar. Er besitzt deutlichen Denkmünzencharakter und gilt als erste hessische Gedenkmünze – wenngleich er primär als Zahlungsmittel diente. Ein Würzburger Münztarif nennt ihn 1496 als gangbare Münze. (1) Dennoch verweist er unmissverständlich auf die Pilgerreise seines Münzherren, indem er auf der Vorderseite rechts neben der Helmzier das Jerusalemkreuz und links das päpstliche Pilgerschwert samt Barrett zeigt. Zudem ziert der neapolitanische Greifenorden, den Wilhelm I auf seiner Pilgerreise verliehen bekommen hat, das Schild mit den Wappen von Hessen, Ziegenhain und Nidda.

Jerusalemkreuz
Papstschwert und Hut (Fidei defeonsor)
Orden der Kanne und des Greifs (Orden de la Jarra y el Grifo)
Wappen von Hessen
Wappen von Nidda
Wappen von Ziegenhain
Die Rückseite zeigt die Heilige Elisabeth von Thüringen, die als dynastische Ahnenfigur eine zentrale Rolle für das hessische Herrscherhaus spielte. Sie wurde 1235 heiliggesprochen und gilt bis heute als Landespatronin von Thüringen und Hessen. Als Gemahlin des thüringischen Landgrafen Ludwig IV. war sie zudem die Mutter Sophies von Brabant, die die Eigenständigkeit der Landgrafschaft Hessen begründete.

Kirchenmodell und Wasserkrug (Attribute der heiligen Elisabeth von Thüringen)
Wappen von Ungarn
Wappen von Hessen
Groschen und Taler in einem: Der Dickabschlag
Auch numismatisch befand sich die Welt um 1492 im Wandel. Dies zeigt sich besonders eindrucksvoll im hier vorgestellten Dickabschlag des Pilgergroschens. Dickabschläge – auch Dickstücke genannt – sind Münzen, die mit regulären Stempeln, jedoch auf ungewöhnlich dicken Schrötlingen geprägt wurden. Sie dienten vermutlich sowohl als technische Proben als auch als Donative, also repräsentative und wertvolle Geschenke landesherrlicher Gunst.
Während Dickstücke des 16. und insbesondere die Dicktaler des 17. Jahrhunderts vergleichsweise häufig sind, gehören entsprechende Prägungen des 15. Jahrhunderts zu den größten Seltenheiten. Sie wurden meist mit Groschen- oder Vierteltalerstempeln hergestellt. Besonders bekannt sind Dickabschläge von Prager Groschen, die spätestens unter Wenzel IV. von Böhmen (1361-1419) belegt sind. Weitere Beispiele liefern die sächsischen Schreckenberger (1498–1500) sowie der Tiroler Pfundner unter Sigismund von Tirol (1427-1496).
Vom Pilgergroschen selbst sind lediglich fünf Exemplare bekannt; von dessen Dickabschlägen waren bislang nur zwei Stücke nachweisbar. Während der Pilgergroschen selbst, mit dessen Stempeln der Dickabschlag geprägt wurde, bereits 1496 in einem Würzburger Münztarif erwähnt wurde, taucht der Dickabschlag in der Literatur erst im 17. Jahrhundert auf. Trotz fehlender zeitgenössischer Schriftquellen liegt die Vermutung nahe, dass Wilhelm I. diese Dickstücke in Auftrag gab, um sie als persönliche Gunstbeweise am Hof zu verschenken. Die ursprüngliche Auflagezahl zu rekonstruieren ist unmöglich. Bei zwei überlieferten Stücken und der Seltenheit der Pilgergroschen, die nur kurzzeitig geprägt wurden, dürften es jedoch nur eine sehr überschaubare Zahl gewesen sein.

Hessen. Landgrafschaft. Wilhelm I., 1483–1493.Dickabschlag (Piéfort) im Gewicht eines Talers (Silber, 29 mm, 29,24 g, 4 h) eines sogenannten „Breit-“ oder „Pilgergroschens“. Kassel, ohne Jahr (um 1492).
Vs. VIL' SEI' OR (Jerusalemkreuz) – (Schwert mit aufgestecktem Barett) LAT' GRAVLandgräflicher Helm mit Helmzier, aufgesetzt auf geviertem hessischen Wappenschild mit den Wappen von Ziegenhain, Nidda und zwei hessischen Löwen.
Rs. MONET•' NO-VΛ•CΛSSELLES
Gekrönte und nimbierte hl. Elisabeth von Ungarn (Elisabeth von Thüringen), frontal stehend, in der Linken die Marburger Kirche haltend, in der Rechten einen Krug; im linken Feld das ungarische Wappen, im rechten Feld das hessische Wappen.
Sammlung Anton Günther II. von Schwarzburg-Arnstadt (1712), S. 127.
Hofmann (Münzschlüssel), S. 281 f.
Hoffmeister 180.
Madai 1236.Müller 1651 (Anm.).
Schütz 358.1.
Sammlung Sedgwick-Berend (Hess, 30. Oktober 1887), Nr. 52.
Auch wenn der Donativcharakter dieses Dickabschlags im Vordergrund steht, ist die Münze auch darüber hinaus für die Geldgeschichte von enormer Bedeutung. Denn das Gewicht von 29.24 Gramm ist nicht zufällig gewählt. Es entspricht dem des in dieser Zeit gerade aufkommenden Talers.
Mit dem Aufstieg einer zunehmend komplexen Finanzwirtschaft wuchs der Bedarf an höherwertigen Münzen. Während dieser in Südeuropa teilweise durch Goldprägungen gedeckt wurde, fehlten nördlich der Alpen ausreichende Goldvorkommen. In Tirol ließ daher Sigismund „der Münzreiche“ ab etwa 1480 silberne Guldengroschen im Wert eines Goldguldens prägen. Diese knapp über 29 Gramm schweren Stücke bildeten den Ursprung des Talers, der sich rasch in ganz Europa verbreitete und zahlreiche Nachfolgewährungen beeinflusste. Der Name Taler lebt bis heute in der Währung «Dollar» fort.
Vor diesem Hintergrund erscheint der hessische Dickabschlag als bemerkenswerte Vorwegnahme dieser Entwicklung. Zwar war er aufgrund seiner Funktion als Donativ noch kein reguläres Umlaufnominal, doch entspricht sein Gewicht bereits dem neuen Großsilberstandard. Es ist daher durchaus gerechtfertigt, ihn als ersten hessischen Taler zu bezeichnen.
Rezeption und Provenienz
Die Besonderheit dieser Prägung hat bereits im 17. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Gelehrten erregt. 1683 beschreibt Leonhard Willibald Hoffmann, Generalmünzwardein des Fränkischen Kreises, in seinem Münzschlüssel diese Prägung mit den folgenden Worten:
Es liese auch Wilhelm der Aeltere Land=Graff zu Hessen / als er von seiner Reise auß dem gelobten Land wieder anheimb kommen / Thaler Münzen / darauf nebens dem Hessische Wappen das Schwerd unf der Hut / damit er von Pabst Innocentio begabet worden /abgebildet war […]. (2)
Auch im legendären Thaler-Cabinet des David Samuel Madai wird 1765 diese Prägung unter der Nummer 1236 als rarer Thaler beschrieben. (3)
Eines der zwei bekannten Exemplare befindet sich heute im Hessischen Landesmuseum in Kassel; es wurde bereits 1887 in einer Auktion für die damals bemerkenswert hohe Summe von 680 Goldmark veräußert. (4) Das zweite Stück lässt sich bis in die Sammlung des Grafen Anton Günther II. von Schwarzburg-Arnstadt (1653–1716) zurückverfolgen, der es später an Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1676–1732) verkaufte. Bis 1945 verblieb der Dickabschlag im Besitz der herzoglichen Sammlung in Gotha. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Stück jedoch veräußert, woraufhin sich seine Spur verliert.
Bedauerlicherweise ist dieses Exemplar lediglich durch einen Stahlstich aus dem frühen 18. Jahrhundert dokumentiert; ein fotografischer Nachweis aus der Gothaer Sammlung existiert nicht. Daher lässt sich nicht mit letzter Sicherheit klären, ob es sich bei dem hier vorgestellten Stück um das 1945 veräußerte Gothaer Exemplar oder um ein bislang unbekanntes drittes Stück handelt.
Dass dieses außergewöhnliche Stück schließlich seinen Weg in eine angemessene Auktion gefunden hat, ist der Integrität eines liechtensteinischen Edelmetallhändlers zu verdanken. Ende des vergangenen Jahres wurde die Münze bei der Firma Elements Trading in Vaduz dem Firmeninhaber Peter Matt zum Verkauf vorgelegt.
Anstatt jedoch auf einen raschen Abschluss zu drängen – zumal die Preisvorstellungen des Besitzers deutlich unter dem tatsächlichen Sammlerwert einer solchen Seltenheit lagen – wandte sich Herr Matt an das Auktionshaus Leu Numismatik AG, um eine fundierte Einschätzung der Prägung einzuholen. Auf Grundlage der daraufhin erzielten Übereinkunft mit dem Besitzer wird das Stück nun am 30. Mai im Rahmen der Leu Auktion 22 angeboten.
Dieser Dickabschlag des Pilgergroschens vereint in einzigartiger Weise persönliche Frömmigkeit, dynastische Selbstdarstellung und monetäre Innovation. Er steht an der Schwelle zweier Epochen – nicht nur historisch, sondern auch numismatisch – und darf mit Recht als eines der bemerkenswertesten Zeugnisse der europäischen Münzgeschichte des ausgehenden Mittelalters gelten.
Vgl. Klüßendorf, Niklot: Numismatik und Geldgeschichte, Peine 2015, S. 21.
Hoffmann, Leonhard Willibald: Münzschlüssel, Nürnberg 1683, S. 281f.
Madai, David Samuel: Vollständiges Thaler=Cabinet. Erster Theil, Königsberg 1765, S. 395f. Nr. 1236.
Die Sammlung W. B. Sedgwick-Berend, Paris. Versteigerung bei Adolph Hess, Frankfurt am Main am 30. Oktober 1887, Nr. 52 («kleiner Dickthaler»).




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