Interview mit Til Horna von Leu Numismatik aus Winterthur (Schweiz)
- Dietmar Kreutzer

- vor 3 Stunden
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Bis zum Oktober 2024 war Til Horna leitender Redakteur von Münzen-Online. Seitdem arbeitet er als Senior Numismatiker beim Schweizer Auktionshaus Leu Numismatik. Während eines Besuchs in Winterthur fragte ich ihn nach seinem ersten Kontakt mit Münzen, der Entwicklung zum Numismatiker und seinen Erfahrungen im Auktionsgeschäft.
Münzen-Online: Seit wann sammeln Sie Münzen? Bestimmt als Kind schon!
Til Horna: Mein Zugang begann über die Geschichte, die ich zunächst als Unterrichtsfach hatte – das muss ich ganz klar sagen. Am Anfang stand also die Geschichte, erst danach kam die Numismatik. Und bis heute ist es auch die Geschichte, die mich an Münzen am meisten fasziniert.
Natürlich ist es etwas Besonderes, Gold und Silber in der Hand zu halten. Doch noch reizvoller ist die Vorstellung, wer ein bestimmtes Stück wohl zuletzt besessen oder benutzt hat. Gerade die mittelalterliche Numismatik übt auf mich deshalb einen besonderen Reiz aus: Wir haben es oft mit Zeiten zu tun, aus denen nur äußerst wenige Quellen überliefert sind.

Firmenausleger in der Bahnhofstraße von Winterthur
Münzen-Online: Und das hat Sie schon von Kindesbeinen an interessiert?
Til Horna: So richtig vertieft hat sich das Ganze erst gegen Ende der Schulzeit. Als Kind haben mich natürlich Ritter und der Wilde Westen fasziniert – ein gewisser Bezug zur Geschichte war also immer schon da. Mit dem eigentlichen Münzensammeln habe ich jedoch erst um das Jahr 2009 begonnen. Anschließend versuchte ich, mir eine Art Generalsammlung aufzubauen, ohne mich zunächst allzu sehr festzulegen – ich wollte erst einmal herausfinden, was mich überhaupt interessiert.
Dabei lernte ich einen Händler in Freiberg in Sachsen kennen, mit dem ich bis heute in gutem Kontakt stehe; wir treffen uns regelmässig. Im Grunde war er so etwas wie mein Mentor. Von ihm habe ich dann auch meine ersten internationaleren Stücke bekommen – etwa eine Rupie aus Afghanistan aus den 1920er Jahren, eine aus Tibet oder auch ein Stück aus den indischen Fürstenstaaten.
Münzen-Online: Waren das immer ältere Stücke oder auch ganz aktuelle?
Til Horna: Ich habe von Anfang an versucht, eher ältere Stücke zu erwerben. Das Interesse an neueren Prägungen kam erst um das Jahr 2012 auf, in der Zeit des Silber-Booms. Auch beim Gold bin ich damals – noch als Schüler – ein Stück weit mit eingestiegen. So habe ich zum Beispiel einige Philharmoniker gekauft und später wieder verkauft.
Das blieb allerdings immer eher ein Nebenschauplatz. Im Mittelpunkt standen für mich stets die historischen Münzen.

Til Horna am Empfangstresen von Leu Numismatik
Münzen-Online: Dann wollten Sie bestimmt Geschichte studieren!?
Til Horna: Ursprünglich wollte ich unbedingt Archäologie studieren. Nach der Armeezeit entschied ich mich letztlich aber für Geschichte und Germanistik auf Lehramt. Gegen Ende des Studiums traf ich dann auf einen Professor, bei dem ich intensiv zur Numismatik arbeiten konnte, insbesondere im Bereich des Mittelalters. Auch wenn es in Jena keinen eigenen Lehrstuhl für Numismatik gibt, hatte ich die Möglichkeit, meine Hausarbeiten entsprechend auszurichten. Schließlich widmete sich auch meine Abschlussarbeit einem numismatischen Thema.
Münzen-Online: Wollten sie als Händler arbeiten oder an die Uni gehen?
Til Horna: Eine Karriere an der Universität war nie mein Ziel. Ich schätze die Wissenschaft sehr, und auch hier bei Leu Numismatik arbeiten wir eng mit verschiedenen Instituten zusammen. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, an einer Universität mit Publikationsdruck und befristeten Verträgen tätig zu sein. Der Handel hingegen hat mich schon früh gereizt. Angefangen hat das noch in der Schulzeit über Plattformen wie eBay, später kamen auch Facebook-Gruppen dazu, die ich während des Studiums nutzte. Es folgten mehrere Praktika in Auktionshäusern, und ich arbeitete auch für ein paar Münzhändler. Schliesslich habe ich mich dann als Münzhändler selbstständig gemacht.
Parallel dazu ergab sich eine Tätigkeit für den Battenberg Verlag, die ich zusätzlich ausüben konnte. 2024 kam dann der Wechsel zur Leu Numismatik, für die ich zuvor bereits extern gearbeitet hatte. Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich dann vollständig in die Schweiz übergesiedelt.

Half Pound von Charles I. als Los der Auktion im Mai
Münzen-Online: Als Berufsanfänger selbstständig. Konnten Sie davon leben?
Til Horna: Ja. Anfangs hatte ich durchaus Vorbehalte, aber letztlich hat es überraschend gut funktioniert. Wissen Sie, von meiner Herkunft her war ich immer von dem Gedanken geprägt, man müsse etwas „Sicheres“ machen – und damit ist landläufig ein Angestelltenverhältnis gemeint. Heute sehe ich das etwas differenzierter.
Als Einzelunternehmer war ich natürlich ein kleiner Fisch. Ich habe meine Umsätze mit Münzen und Antiquitäten gemacht, alles lief online. Das war eine eher niedrige Liga, aber es hat gereicht, um gut davon zu leben.
Münzen-Online: Wie entstand eigentlich die Leu Numismatik?
Til Horna: Die Bank Leu war einst eines der größten Bankhäuser der Schweiz, gegründet bereits Mitte des 18. Jahrhundert. Wie viele Schweizer Banken verfügte sie über eine eigene numismatische Abteilung und diese führte ab den 1970er Jahren regelmässig Auktionen durch. Diese wurde nach der Jahrtausendwende ausgegliedert, nachdem die Bank selbst von einem anderen Institut übernommen worden war.
Yves Gunzenreiner und Lars Rutten haben später die Namensrechte vom neuen Eigentümer übernommen. Eine direkte institutionelle Verbindung zur ursprünglichen Leu Numismatik besteht also nicht – wir führen im Grunde „nur“ den Namen weiter.
Gleichzeitig ist es unser ausdrückliches Ziel, an diese Tradition anzuknüpfen – etwa durch einen hohen wissenschaftlichen Standard bei den Beschreibungen der Münzen und mit der Durchführung von Saalauktionen in Zürich. So haben wir kürzlich beispielsweise eine Sammlung versteigert, die von einem ehemaligen Mitarbeiter der alten Leu Numismatik stammte.

Hessischer Pilgergroschen (Taler-Dickabschlag, 1492)
Münzen-Online: Sind sie ausschließlich im Auktionsgeschäft tätig?
Til Horna: Saalauktionen finden nach wie vor regelmäßig statt, doch besonders hervorzuheben sind unsere acht Online-Auktionen pro Jahr. Versteigert wird bei uns nahezu ausschließlich numismatisches Material. Edelmetall ohne eigentlichen Sammlerwert taucht in den modernen Auktionen nur dann auf, wenn es sich ausdrücklich aus einem Kundenwunsch ergibt. Im Kern geht es uns jedoch um Stücke, deren Bedeutung nicht im Materialwert liegt, sondern im rein numismatischen Kontext.
Das entspricht sowohl der Ausrichtung des Unternehmens als auch den Interessen unserer Kundschaft. Unser Ziel ist es, hochwertige Numismatik anzubieten - und die Begeisterung dafür ist bei uns deutlich spürbar. Das zeigt sich schon in den Katalogbeschreibungen: Im internationalen Vergleich gehören unsere Beschreibungstexte zu den ausführlichsten.
Hinzu kommen umfassende Referenzangaben und eine besonders gründliche Provenienzforschung. Mir ist kein anderes Auktionshaus bekannt, das hier einen vergleichbaren Standard setzt.

Kaiser Karl VI. auf einem steirischen Taler (1740)
Münzen-Online: Ist diese Sorgfalt im Katalog nur ein Steckenpferd der Firma?
Til Horna: Das Auktionsgeschäft ist hart umkämpft. Wir profilieren uns vor allem dadurch, dass wir die einzelnen Stücke sehr ausführlich behandeln – auch solche, die „nur“ 100 oder 200 Franken erzielen. Das ist in dieser Form auf dem Markt eher selten.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Qualität der gedruckten Kataloge für die Saalauktionen, die hochwertig eingebunden sind. Das ist Teil unserer Unternehmensphilosophie. Die Leu-Kataloge sind mittlerweile so etwas wie ein Aushängeschild für das gesamte Haus geworden.
Unser Anspruch ist es, dem Kunden die Münzen in bestmöglicher Weise zu präsentieren - auch dann, wenn er sie nicht selbst in der Hand halten kann. Für die sogenannten Still-Life-Aufnahmen im Katalog arbeiten wir deshalb mit einem eigenen Fotografen aus Zürich zusammen. Die Münzen sind es wert, auch auf diese Weise inszeniert zu werden.
Münzen-Online: Wie läuft ihr Arbeitstag im Auktionsgeschäft ab?
Til Horna: Mein Aufgabenfeld ist recht breit gefächert. Grundsätzlich bin ich für die mittelalterlichen und neuzeitlichen Münzen zuständig. In der Vergangenheit lag der Fokus bei der Leu Numismatik bei den Atniken Münzen. Seit Januar habe ich allerdings einen neuen Kollegen aus Griechenland, der sich ebenfalls sehr gut mit neuzeitlicher Numismatik auskennt - dieses Gebiet wird also weiter ausgebaut. Ich betreue daher vor allem Kunden, die sich für mittelalterliche und neuzeitliche Münzen interessieren. Darüber hinaus bin ich für die Web-Auktionen zuständig. Für die Beschreibung der Münzen arbeiten wir mit verschiedenen "Katalogern" zusammen, aber ich verfasse auch selbst regelmäßig Katalogtexte. Außerdem gehört die Akquise von Sammlungen und einzelnen Münzen zu meinen Aufgaben.

Set mit Agenturmünzen, geprägt für Guinea (1969)
Münzen-Online: Wird das alles hier vor Ort gemacht?
Til Horna: Nein, man ist dafür durchaus auch international unterwegs. Wir sind auf zahlreichen Messen vertreten, so etwa der Coinex in London. Auch in Deutschland sind wir regelmäßig präsent. Kürzlich haben wir eine Niederlassung in München gegründet, die sich gerade im Aufbau befindet.
Münzen-Online: Gerade sind ganz viele Kisten aus Zypern gekommen. Wie ist der Kontakt zu diesem Kunden zustande gekommen?
Til Horna: Er hat regelmäßig bei uns gekauft und ist uns bis heute als Kunde treu geblieben. Nun möchte er seinen Fokus verschieben und die günstige Marktlage nutzen. Deshalb dürfen wir seine umfangreiche Sammlung moderner Münzen versteigern.
Es handelt sich um einen sehr geschätzten Kunden, mit dem wir in den letzten vier Monaten in engem Austausch standen. Eine Sammlung mit einem Gesamtgewicht von rund 500 Kilogramm aus Zypern ordnungsgemäss in die Schweiz zu überführen, ist schliesslich alles andere als schnell und nebenbei gemacht. In Zusammenarbeit mit diversen zypriotischen Behörden, dem Schweizer Zoll und einem Kurierdienst ist uns das jedoch gelungen. Auch wenn wir nicht zur Europäischen Union gehören, bedienen wir einen internationalen Markt und erhalten Einlieferungen aus aller Welt. Die Abläufe, insbesondere im Umgang mit den Zollbehörden, sind bei uns gut eingespielt.
Das Interview führte Dietmar Kreutzer



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