top of page

Zu schön um echt zu sein: „Der Fall Heinrich von Fraundorfer“ von Dietrich O. A. Klose

Autorenbild: Helmut Caspar
Helmut Caspar
vor 44 Minuten
6 Min. Lesezeit

Neues Buch über den Medaillenfälscher Heinrich von Frauendorfer


Es gibt nichts, was nicht gefälscht wird – Uhren, Taschen, Parfüms, natürlich auch Antiquitäten, archäologische Fundstücke, Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Dokumente sowie Münzen und Medaillen. Eine Ausstellung des Berliner Münzkabinetts im Berliner Bode-Museum beleuchtete 2024 die dunkle Seite der Numismatik und erinnerte daran, was Falschmünzern und Münzfälschern blühte, wenn man ihrer habhaft wurde. Jetzt liegt das von Dietrich O. A. Klose, dem langjährigen Direktor der Staatlichen Münzsammlung München, verfasste und vom Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin herausgegebene Buch „Der Fall Heinrich von Fraundorfer. Ein Minister als Fälscher und Betrüger?“ vor. Ein Prozess gegen den 1908 wegen seiner Verdienste für das Land in den Adelsstand erhobenen bayerischen Verkehrsminister fand nicht statt, denn er hatte sich, unrettbar in die selbst verschuldete Falle getappt, am 23. Juli 1921 erschossen. Der Fall könnte einen historisch-numismatischen Kriminalfilm über die damalige Museums-, Sammler- und Händlerszene hergeben.



Der Skandal fiel in eine Zeit, als Medaillen der Renaissance als Forschungs- und Sammelthema einen wahren Boom erlebten. Dass wie aus dem Nichts einzigartige Raritäten ans Tageslicht gelangten und versteigert wurden, musste aber irgendwann auffallen und rief die numismatische Fachwelt und nach ihr die Justizorgane auf den Plan. Heinrich von Frauendorfer wurden seine Sorglosigkeit und die in großer Zahl angefertigten und fein ziselierten Nachgüsse von Renaissance-Medaillen zum Verhängnis. Täuschend echt nachgeahmt und eigentlich zu schön um echt zu sein, richteten sie damals im Handel und unter Sammlern großen Schaden an und sind vermutlich auch heute noch als solche im Umlauf.


Die Bildtafel aus dem Auktionskatalog der Münchner Firma Helbing vom 28. Juli 1920 zeigt bis auf die Nummern 1966 und 2051 nur Fälschungen aus Frauendorfers Werkstatt.


Entlarvt wurde Frauendorfer durch die Direktoren Julius Menadier (Berliner Münzkabinett) und Georg Habich (Staatliche Münzsammlung München). Sie stritten um den Umgang mit dem kriminell gewordenen Medaillenfreund, auf den fachliche Vorwürfe und Mahnungen, Denunziation und Erpressungen prasselten. Durch Zeitungsartikel und eine Publikation von Menadier in der Zeitschrift „Der Sammler“ (Heft 13 vom 26. März 1921) in die Enge getrieben und polizeilichen Ermittlungen ausgesetzt, nahm sich der bayerischen Verkehrsminister, Numismatiker und Sammler das Leben. In seinen Taschen fand man einen Abschiedsbrief und jenen im neuen Fälschungsbuch nachgedruckten  Artikel von Menadier und einige Medaillenkopien. In seiner Betrachtung über die „Sturmflut“ von falschen Renaissancemedaillen und „betrügerische Erwerbsgier“ rief Menadier auf, beim Erwerb von Münzen und Medaillen auf der Hut zu sein und stets Fachleute heranzuziehen, um nicht auf die Machwerke wie die jenes „in die Irre gehenden Liebhabers“ hereinzufallen. Der Direktor des Berliner Münzkabinetts griff Frauendorfer zwar nicht namentlich an, aber jeder wusste, wer gemeint ist.  „Man muß durch lange Uebung sich ein Auge für die technischen und stilistischen Feinheiten erwerben; man muß, wie wir wohl zu sagen pflegen, einen sechsten Sinn besitzen.“ Kloses großformatiges Buch aus der Reihe „Berliner Numismatische Forschungen: Neue Folge, Band 16“ des Berliner Münzkabinetts, aber auch die im Band 14 zum Thema „Falschgeld und Münzfälschungen“ dokumentierte Sonderausstellung im Bode-Museum und die Berichterstattung in den Medien helfen uns, den Blick zu schärfen. Denn der Einfallsreichtum der Fälscher kennt keine Grenzen. Klose sei für seine umfassende Recherchearbeit und die verständliche Art, komplizierte Sachverhalten darzustellen, gedankt.


Die Medaille von Matthes Gebel auf Friedrich den Älteren von Brandenburg von 1528 als vergoldetes Original und daneben Abgüsse von Frauendorfer. Die Fälschungen kamen 1933 aus dem Besitz des Goldschmieds Michael Höck, der die Ziselierung vorgenommen hatte, ins Berliner Münzkabinett.


Aufgrund bisher nicht ausgewerteter Archivquellen schildert Klose Frauendorfers persönlichen und dienstlichen Werdegang. Er charakterisiert den langjährigen Vorsitzenden der Bayerischen Numismatischen Gesellschaft als kenntnisreichen und leidenschaftlichen, ja geradezu fanatischen Sammler von Renaissance-Medaillen. An ihrer technischen Herstellung interessiert, ließ er ab etwa 1914 Nachgüsse anfertigen und tat dies zunächst, ohne daraus ein Geheimnis zu machen. Vom Ehrgeiz besessen möglichst perfekte Kopien herzustellen, beschaffte er sich aus bekannten Sammlungen Gipsabgüsse, die so bearbeitet wurden, dass die Nachgüsse den Originalen sehr nahe kamen. 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, begann er, einzelne Fälschungen als Originale zu verkaufen.


Damit begann das Unheil, und so schaufelte Frauendorfer sein eigenes Grab. Als er seine Machwerke für eine Auktion der Münchner Münzhandlung Otto Helbing Nachf. einlieferte, wurden der Direktor der Staatlichen Münzsammlung München, Georg Habich, und sein Mitarbeiter Max Bernhardt, aber auch Wissenschaftler vom Berliner Münzkabinett misstrauisch. Sie erbaten vom Auktionshaus eine Ansichtssendung, wussten anfangs noch nicht, woher diese dubiosen Stücke stammten. Schon bald wurde klar, dass Frauendorfer der Urheber ist. Menadier warnte vor den Machwerken, und die Fach- und Tagespresse griff, wie Zitate und Faksimiles in Kloses Buch zeigen, den Fall begierig auf. Die Polizei erschien in der Wohnung von Frauendorfer, verhörte ihn stundenlang und veranstaltete eine Hausdurchsuchung. Nach dem Selbstmord des Fälschers unterstrichen Nachrufe das unerschütterliche Vertrauen seiner Freunde und Verehrer, die sich bemühten, sein Andenken „rein“ zu halten. In den folgenden Jahrzehnten wurden zahlreiche Medaillen Frauendorferscher Herkunft identifiziert und publiziert. Die meisten liegen in den Münchner und Berliner Kabinetten, aber auch in anderen Sammlungen. Ob das verdienstvolle Buch von Klose hilft, dass bisher unbekannte Exemplare und weitere Details der Affäre ans Tageslicht kommen, wird sich zeigen. Um welche Stücke es sich handelt, listet Klose in einem umfangreichen Katalog mit vielen Fotos auf. Wenn man fragliche Stücke besitzt, kann man sich hier sehr gut orientieren.


Klose stellt Originale den Frauendorferschen Nachbildungen gegenüber und erklärt die Unterschiede. Hier links die von Friedrich Hagenauer geschaffene echte Medaille auf Christoph von Nellenburg aus dem Jahr 1534 und darunter der fein ziselierte und damit verdächtig „schön“ gemachte Nachguss.


Welche Tragödie sich im „Fall Frauendorfer“ abspielte und wie es gelang, ihn als Fälscher zu entlarven, hat Dietrich O. A. Klose in seiner mit zahlreichen Auszügen aus Polizeiakten und Zeitungsartikeln von damals, aber auch Gutachten und Briefwechseln namhafter Numismatiker dargelegt. Er schildert, dass die wie aus dem Nichts aufgetauchten Raritäten, ja sogar Unikate die Händler- und Sammlerszene faszinierten und die numismatische Szene durcheinander wirbelten und welche Stücke in Auktionen angeboten wurden. Normalerweise ergibt sich bei Gussformen, die von Originalen abgenommen werden, ein Schwund von wenigen Prozent. Die Kopien geraten etwas kleiner als die Originale, und schon das macht sie verdächtig. Die in der Ausstellung von 2024 und jetzt im Buch präsentierten Frauendorferschen Fälschungen jedoch weisen diese Differenz nicht auf. Sie sind gleich groß wie die Originale. Der Bronzegießer bediente sich eines 1883 patentierten Verfahrens, das diesen Schwund vermied. Frauendorfer ließ die nachgegossenen Medaillen aufwändig und „schöner denn je“ ziselieren und patinierte sie vermutlich selbst. Am Rand erkennt man akkurate, parallele Feilspuren. Sie sind zusammen mit der stets gleichbleibenden Patina und vor allem mit der akkurat ausgeführten und bei den Originalen so gar nicht möglichen Bearbeitung (mit dem Stichel und anderen Werkzeugen) belastbare Erkennungszeichen der Frauendorferschen Fälschungen.


Die silberne-Plakette von 1537 ehrt Herzog Georg den Bärtigen von Sachsen und Frauendorfers Fälscherwerkstatt, hier die Vorder- und Rückseite.


Unbearbeitet ist der undatierte Bronzeguss der Medaille von Fra Antonio auf Pietro Balanzano noch unziseliert und unpatiniert. Sie wurde beim Ziseleur Höck von der Polizei beschlagnahmt.


Die alte Volksweisheit „Vor der Tat halte Rat“ galt für Frauendorfer nicht. Und diese ließen andere Fälscher außer Acht. Manche wie der berühmte Meisterfälscher Karl Wilhelm Becker behaupteten sogar, Sammlern einen Dienst zu tun, wenn ihnen unerreichbare Stücke ins Haus geliefert werden. Der Skandal traf Frauendorfers Freunde wie ein Keulenschlag. Seine Frau erfuhr von der dunklen Seite ihres Mannes erst zwei Tage vor seinem Tod, und zwar nicht durch ihn, sondern durch Dritte. Manche Beobachter unterstellten ihm Profitstreben und ein aufwändigen Lebensstil, den er finanzieren musste. Doch beides stimmte Kloses Recherchen zufolge nicht. Dass er sich und seiner Familie durch die Fälschungen schadete und der Numismatik einen Bärendienst antat, schien ihm nicht wirklich bewusst geworden zu sein. Erst als es zu spät war, kam der begeisterte Sammler zu tief erschreckenden Einsichten und zog die tödliche Konsequenz.

Frauendorfer schreckte nicht davor zurück, berühmte Werke italienischer Medaillenkünstler der Zeit vor und nach 1500 nachzuahmen. Hie eine Medaille auf Lucrezia Borgia mit dem gefesselten Amor unter einem Baum sowie auf den Condottiere (Söldnerführer) Domenico Novello Malatesta, der auf der Rückseite vor dem gekreuzigten Christus kniet.


Rätselhaft ist für Klose und für uns Leser, warum Frauendorfer seinen guten Ruf als Sammler, Numismatiker und Politiker und die Existenz seiner Familie aufs Spiel setzte, als er mit dem Verkauf seine Machwerke oft mit falschen Provenienzangaben begann. Wollte er ebenso gut oder gar besser sein als die Künstler der Renaissance? War er eine Spielernatur, die den Nervenkitzel suchte, hatte er Geldprobleme  oder war er psychisch krank oder dement? Dass er kriminell geworden ist, kam ihm nicht in den Sinn, auch nicht, dass er der Wissenschaft schadete und die Numismatik in Verruf brachte.


Text und Fotos/Repros: Helmut Caspar

Kommentare


www.muenzen-online.com | Regenstauf

© 2025 Battenberg Bayerland Verlag GmbH

​

bottom of page