Silber, Gold und Chaos: Der holprige Start des Schweizer Frankens
- Andreas Raffeiner
- vor 34 Minuten
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Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass der Schweizer Franken zu den stabilsten und gefragtesten Währungen der Welt gehört. In Krisenzeiten flüchten Anleger in den Franken, weil er als sicherer Ankerplatz gilt. Doch der Weg dorthin war lang und alles andere als geradlinig. Als der Franken Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, kämpfte die Schweiz zunächst mit Münzchaos, politischen Widerständen und einem überraschenden Problem: dem steigenden Silberpreis.
Ein Land im Münzen-Wirrwarr
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts existierte die Schweiz, so wie wir sie heute kennen, noch nicht als moderner Bundesstaat. Die Kantone waren weitestgehend eigenständig und regelten viele Angelegenheiten selbst – so auch die Geldpolitik. Das führte dazu, dass Hunderte verschiedenartigster Münzen im Umlauf waren. Neben den Geldstücken der einzelnen Kantone wurde mit französischen, österreichischen, deutschen und italienischen Währungen bezahlt. Für Geschäftsleute, Landwirte und Handwerker war das ein alltägliches Ärgernis. Nicht jede Münze hatte den gleichen Wert oder wies die gleiche Qualität auf. Besonders kleinere Münzen enthielten häufig weniger Edelmetall, als ihr aufgeprägter Wert annehmen ließ. Wer auf dem Handelsplatz Geld annahm, musste stets prüfen, ob eine Münze ihren Wert hatte oder nicht. Das komplexe Währungssystem der damaligen Zeit bremste den Handel aus und erschwerte den Austausch zwischen den Kantonen erheblich.
Helvetische Republik, 20 Batzen (1798-1903), 833er-Silber, Durchmesser 33,5 mm, Gewicht 14,48 g Bildquelle: Sincona AG
Helvetische Republik, 16 Franken (1798-1803), Gold, Durchmesser 23 g, Gewicht 7,64 g
Bildquelle: Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG, Osnabrück and Lübke & Wiedemann KG, Leonberg
Napoleon bringt den ersten Franken
Der erste Versuch, Ordnung in das Münzenwirrwar zu bringen, kam aus Frankreich. Als Napoleon Bonaparte 1798 die Schweiz besetzte und die Helvetische Republik gründete, wollte er eine einheitliche Währung einführen. Diese erhielt den Namen Franken – angelehnt an den französischen Franc. Die Idee war durchaus fortschrittlich: Nur noch eine zentrale Stelle sollte Münzen ausgeben. Auf diese Weise sollte das chaotische Nebeneinander der Kantonswährungen ein Ende finden. Doch die Reform hielt nicht lange. Fünf Jahre später endete die Helvetische Republik. Mit Napoleons Mediationsakte erhielten die Kantone ihre Rechte zurück – so auch die Münzhoheit. Der Franken verschwand fast so schnell wieder, wie er gekommen war. Viele Schweizer lehnten die Neuerungen ab, weil sie als Zeichen der französischen Fremdherrschaft galten. Überdies war die Lebensdauer der Helvetischen Republik zu kurz, um ausreichend neue Geldstücke zu prägen und die alten zur Gänze aus dem Verkehr zu ziehen.
Der Bundesstaat schafft klare Verhältnisse
Mit der Gründung des Schweizer Bundesstaats im Jahr 1848 änderte sich die Lage. Die neue Bundesverfassung schuf einen gemeinsamen Binnenmarkt: Zölle zwischen den Kantonen wurden abgeschafft, viele Gesetze vereinheitlicht – und auch eine gemeinsame Währung rückte in den Mittelpunkt. Die Frage war allerdings: Welches Vorbild sollte die Schweiz wählen? Zur Auswahl standen zwei Währungssysteme. Entweder orientierte man sich am französischen Franc oder am süddeutschen Gulden. Die Entscheidung fiel zugunsten des Francs. Frankreich war zu jener Zeit die bedeutungsvollere Wirtschaftsmacht, und der Franc galt allerorts als außerordentlich stabile Währung. So entstand im Jahr 1850 der Schweizer Franken. Sein Wert wurde wie beim französischen Franc definiert – ein Franken entsprach 4,5 Gramm Silber. Auch die ersten 5-Franken-Stücke ähnelten den französischen Geldstücken stark. Ein Großteil der ersten Schweizer Münzen wurde in der französischen Hauptstadt Paris geprägt, da die Schweiz anfangs nicht über genügende Prägekapazitäten verfügte.
Schweiz, 5 Franken (1850), Blei, Probeprägung, Durchmesser 37 mm, Gewicht 35,17 g
Bildquelle: Sincona AG

20 Franken (1883), 900er Gold, Durchmesser 21 mm, Gewicht 6,45 g
Bildquelle: PreMeSec
Ein Fehlstart wegen Silber
Die Einführung der neuen Währung verlief keinesfalls problemlos. Bereits wenige Jahre später offenbarte sich ein unerwartetes Problem. Während Frankreich sowohl Gold- als auch Silbermünzen prägte, setzte die Republik im Herzen der Westalpen anfangs ausschließlich auf Silber. Diese Vorgehensweise wurde ihr zum Verhängnis. In den 1850er-Jahren stieg der Silberpreis im Kontext der Goldfunde in Kalifornien an. Somit war das in den Geldstücken enthaltene Silber zum Teil mehr wert als der aufgeprägte Geldwert. Für viele Menschen lohnte es sich daher eher, die Münzen einzuschmelzen oder als Edelmetall zu verkaufen, anstatt damit zu bezahlen. Die logische Konsequenz war, dass die Schweizer Franken aus dem Umlauf verschwanden. Stattdessen griffen viele Menschen lieber auf ausländische Geldstücke zurück. Für die vergleichsweise junge Landeswährung war das ein schwerer Rückschlag. Volkswirte sprechen gegenwärtig von einem altbewährten Beispiel dafür, wie sich der Materialwert einer Münze ungünstig auf ihre Funktion als Zahlungsmittel auswirken kann.
Gold bringt die Wende
Die Schweizer Regierung reagierte auf das Problem. Im Jahr 1860 wurde das Münzgesetz angepasst. Von nun an konnten auch Goldmünzen geprägt werden. Die ersten goldenen Zwanzig-Franken-Stücke entstanden aber erst im Jahr 1883. Bis dahin pflegte die Schweiz den sogenannten Münzparasitismus, verichtete also auf eigene Prägungen. An ihrer Stelle liefen im Lande insbesondere französische Goldmünzen um. Der Schweizer Franken blieb so mit dem französischen Währungssystem kompatibel und gewann wieder an Stabilität. Die enge Verbundenheit mit dem französischen Franc sorgte dafür, dass die Schweiz später ein wichtiger Bestandteil der Lateinischen Münzunion wurde. Die Münzunion schuf ein gemeinsames Münzsystem mit einheitlichen Standards und erleichterte den Handel. Die Kombination aus Silber- und Goldmünzen machte den Franken deutlich widerstandsfähiger gegen Schwankungen und Unsicherheiten auf den Edelmetallmärkten.
1 Rappen (1948–2006), Bronze, Durchmesser 16 mm, Gewicht 1,5 g
Bildquelle: numista
5 Franken, Gedenkausgabe 150 Jahre Schweizer Franken (2000),
Messing-Pille in Kupfer-Nickel Ring, Durchmesser 32,85 mm, Gewicht 15 g
Bildquelle: NumisCorner
Vom Sorgenkind zur Weltwährung
Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Schweizer Franken schrittweise zu einer der stabilsten Währungen der Welt. Während viele europäische Staaten in den Weltkriegen und den Krisenjahren unter Geldentwertung und -verlusten litten, blieb die Schweizer Währung relativ robust. Nach 1945 profitierte der Franken außerdem von der politischen Neutralität und der wirtschaftlichen Stabilität der Schweiz. Nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems Anfang der 1970er-Jahre gewann der Franken global stark an Bedeutung. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten suchen Geldgeber bis heute Sicherheit im Schweizer Franken, der daher als „sicherer Hafen“ bezeichnet wird.

Kursmünzensatz 2022
Bildquelle: privat
Blick ins Heute
Heute erscheint der Schweizer Franken wie ein Sinnbild für Beständigkeit und Vertrauen. Doch seine Geschichte zeigt, dass selbst angesehene und erfolgreiche Währungen keinen perfekten Start haben müssen. Vom Münzen-Durcheinander über Napoleons missglückten Reformversuch bis zum Silberproblem der ersten Jahre musste der Franken viele Hindernisse überwinden. Erst die politische Einigkeit, wirtschaftliche Reformen und die Angleichung an globale Entwicklungen machten ihn zu jener starken Währung, die derzeit weltweit hohes Ansehen genießt. Die Geschichte des Schweizer Frankens erinnert daran, dass Stabilität keinesfalls über Nacht entsteht, sondern das Resultat kluger Entscheidungen, ökonomischer Vernunft und bisweilen auch die Befähigung ist, aus Fehlern zu lernen.
Andreas Raffeiner
























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