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Mehr als nur ein Zahlungsmittel: Was uns antike Münzen über Macht und Mentalitäten verraten

Andreas Raffeiner
vor 51 Minuten
7 Min. Lesezeit

Münzen sind weit mehr als bloße Relikte vergangener Wirtschaftssysteme. Im Experten-Interview spricht der Historiker Sven Günther über die spannende Objektbiographie antiker Fundstücke, das Zusammenspiel von Steuern und gesellschaftlichem Denken im Römischen Reich sowie über sein methodisches Forschungskonzept des „Framings“. Ein tiefer Einblick in die Numismatik als Schlüssel zur Erforschung historischer Mentalitäten zwischen Augustus und Diokletian.


Prof. Sven Günther kam 2014 als Gastprofessor an das

Institute for the History of Ancient Civilizations (IHAC) 

der Northeast Normal University in Changchun (China).

Heute lehrt er dort Classics and Ancient History.

Foto: AS, 2024


Münzen-Online: Herr Professor Günther, Sie haben nach dem Abitur ein Studium der Alten, Mittleren und Neuen Geschichte und der Rechtswissenschaften begonnen. Was hat Sie damals an dieser Kombination gereizt, und gab es in Ihrer Schulzeit ein Schlüsselereignis, welches Ihr Interesse an der Antike und der Geschichte geweckt hat?


Prof. S. Günther: Die Antike hat schon in meinen Kindertagen eine wichtige Rolle gespielt, angefangen mit Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“. Das Interesse an Geschichte, Recht und Politik wuchs im Gymnasium weiter und wurde maßgeblich von meinen Eltern und einigen herausragenden Lehrern befördert.

Besonders der Einfluss der Entstehung von von Verfassungen und Rechtsordnungen auf die Entwicklung von Gesellschaften und Staaten hat mich immer stark in den Bann gezogen, nicht allein für die Antike, sondern gerade auch für die deutsche und europäische Geschichte im 18. und 19. Jahrhundert.

Das dann zu studieren, war logische Folge, aber erst auf Umwegen wurde meine letztliche Abschlusskombination im Studium geboren, da ich mich auch für Philosophie und Religion stark interessierte und eingeschrieben hatte. Auf ein wirkliches Schlüsselereignis kann man das Interesse also nicht herunterbrechen, es waren vielmehr viele kleine Schritte.


Münzen-Online: Heute arbeiten Sie in einem internationalen und interdisziplinären Umfeld, das sich stark von Ihrem Studium und Ihrer früheren wissenschaftlichen Laufbahn in Deutschland unterscheidet. Wie hat der Wechsel nach China Ihren Blick auf die Antike verändert?


Prof. S. Günther: Jede Station meiner Laufbahn als Lehrer und Wissenschaftler hat mir natürlich neue Impulse und Eindrücke gegeben, aber gerade die Arbeit mit den Studenten und Kollegen in China beförderte mein Weiterwachsen dadurch, dass viele Dinge eben ganz anders funktionieren.

Man muss in ganz anderen Ordnungsrahmen denken, kommunizieren und handeln lernen, und das hat nicht allein meinen Blick und Lebenserfahrung erweitert, sondern auch meine Lehre und Forschung nachhaltig beeinflusst. Die Hauptmotivation meiner Studenten in China ist übrigens, daß Münzen gewissermaßen ermöglichen, die Antike anzufassen. Die Studenten hier können nicht einfach so nach Rom und Griechenland reisen. Es fasziniert sie daher, daß sich über die Objekte ein direkten Bezug zur manchmal doch sehr abstrakten Geschichte herstellen lässt.

Aus diesem Austausch ist unter anderem das methodische Forschungskonzept von Frames und Framing hervorgegangen, also dass Menschen in bestimmten Wissens-, Erfahrungs- und Erwartungsrahmen denken und handeln, und dass andere diese Rahmen geschickt zu bedienen und zu beeinflussen suchen. Das kann man unmittelbar auf antike Quellen anwenden, die ja keine neutralen, objektiven Informationen, sondern gestaltete Wahrnehmungen eines bestimmten Themas liefern.


IHACOINS, das numismatische Zentrum

am Institute for the History of Ancient Civilizations,

Northeast Normal University, Changchun

Foto: Sven Günther, IHAC, 2016


Münzen-Online: Ihre Forschung verbindet antike Wirtschaftsgeschichte, Numismatik und Fachdidaktik. Was kann eine Münze über die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse einer antiken Gesellschaft erzählen, was andere historische Quellen möglicherweise nicht leisten können?


Prof. S. Günther: Münzen haben eine spannende Objektbiographie. Von der Design-Idee über die tatsächliche Prägung im Auftrage einer staatlich-politischen Autorität über die Erstausgabe und oft vielfache Weiternutzung als ökonomisches Mittel bis hin zur antiken Letztnutzung und späteren archäologischen oder sammlungsgetriebenen „Wiederentdeckung“ ergeben sich viele potentielle Einblicke in Denk- und Handlungsprozesse nicht allein antiker Gesellschaften.

Sie können also ein breites Spektrum von Themen wie Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, aber auch Kultur und Religion um Aspekte bereichern, allerdings ihr volles Potenzial nur entfalten, wenn sie in ein Netz von Kontexten eingewoben werden, d.h. weitere Münzen oder auch andere Quellen in kritisch reflektierender Weise damit verknüpft werden.

Oft wurde die Numismatik ja als Hilfswissenschaft für die Klassischen Altertumswissenschaften (Alte Geschichte, Klassische Philologie, Archäologie) bezeichnet und auch so behandelt. Es ist aber ganz anders, und wie im richtigen Leben: Nur wenn man sich gegenseitig Hilfe leistet und unterstützt, wird jeder am Ende gestärkt hervorgehen.


Münzen-Online: Ferner beschäftigen Sie sich mit der Welt der Münzen und den indirekten Steuern im Römischen Reich. Welche Rolle könnten Münzen dabei spielen, um die Funktionsweise des römischen Steuer- und Wirtschaftssystems zwischen Augustus und Diokletian besser zu verstehen?


Prof. S. Günther: Die Forschung diskutiert ja schon lange, inwieweit die antike Steuererhebung Einfluss auf Geldmenge, -zirkulation und deren staatliche Steuerung hatte, auch, wann und wie sich Steuerentlastungen im Münzbild niederschlugen.

Ein wichtigeres Thema scheint mir aber, inwieweit sich Geldgebrauch und Steuern unmittelbar auf das Denken und Sprechen in einer Gesellschaft ausgewirkt haben. Hier liegt, denke ich, noch viel brach, was auch unsere aktuellen Diskussionen um den Wandel vom physischen zum digitalen Geld befruchten kann.


Münzen-Online: Aus welchem Grund sind Geldstücke für Geschichtswissenschaftler nicht nur Zahlungsmittel, sondern zugleich politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Quellen? Welche Grenzen muss man bei der Interpretation von Münzfunden beachten?


Prof. S. Günther: Natürlich ist zunächst einmal ganz praktisch der ökonomische Aspekt von Münzgeld mit den antiken politischen, sozialen und kulturell-religiösen Denk- und Handlungsweisen verknüpft, so wie auch heute, obschon Wissenschaftler sich darum streiten mögen, inwiefern das Ökonomische eine eigenständige Kategorie antiken Denkens und Handelns gewesen ist.

Das Münzbild und die oft vorhandene Münzlegende geben uns Aufschluss, welche Botschaften ein Münztyp vermitteln sollte, auch wenn diese oft nicht eindeutig, manchmal gar bewusst mehrdeutig sein konnten und wir zudem in den meisten Fällen keine „Reaktionen“ der intendierten Zielgruppen oder Nutzer des Geldes kennen.

Und durch dokumentierte Münz(hort)funde verstehen wir oft besser, in welchen Bereichen Münzen eine Rolle spielten, auch wenn die konkreten Gründe für eine Verbringung oder Verbergung an einem bestimmten Ort oft nicht eruiert werden können. Hier hat die moderne Interpretation klare Grenzen, wie stets, wenn moderne Forschungsfragen an fragmentarisch vorhandenes historisches Material und Kontexte herangetragen werden.


Numismatische Sammlung von IHACOINS

am Institute for the History of Ancient Civilizations,

Northeast Normal University, Changchun

Foto: Sven Günther, IHAC, 2019


Münzen-Online: Inwiefern können Münzen dazu beitragen, antike Vorstellungen von Geld, Wert, Handel und wirtschaftlichem Handeln besser zu verstehen?


Prof. S. Günther: Das Erstaunliche ist, dass das Münzgeld selbst meist relativ wenig über tatsächlich vollzogene wirtschaftliche Transaktionen preisgibt, da es in der Regel keine Dokumentationsdaten liefert, wenn überhaupt, die Letztverwendung, -verbringung oder -verbergung offenbart. Insofern ist Münzgeld eher für die Erforschung konzeptioneller Vorstellungen geeignet, angefangen von der Frage, wie der Nominalwert überhaupt für den antiken Nutzer nachzuvollziehen war, über Fragen von Metall- und Gewichtsrelationen bis hin zu Verknüpfungen zwischen bestimmten Münzbildern, -typen und -umläufen mit ökonomisch relevanten Konstellationen wie Kriegen.

Auch hier gilt aber wieder, dass ohne Heranziehung weiterer Quellen nur ansatzweise Antworten aus dem einen Quellenmaterial zu ziehen sind.


Münzen-Online: Münzen zeigen häufig die Porträts von Herrschern, Götterdarstellungen oder politische Symbole. Was können solche Darstellungen über die politischen Ziele, das Selbstverständnis und die Herrschaft eines antiken Kaisers oder Königs aussagen?


Prof. S. Günther: Die Bild- und ausdrücklich auch die Textdarstellungen, also die Legenden auf Münzen bieten begrenzte Einsichten in die Repräsentations- und Kommunikationsstrukturen antiker Autoritäten. Sie sind allerdings nicht einfach zu entschlüsselnde Botschaften in der Manier propagandistischer Medien. Ja, sie spiegeln bestimmte Traditionen, Wertvorstellungen oder gar Erfolge der Herrschenden, und diese können von uns „allwissenden“ Forschern relativ gut analysiert werden.

Inwieweit diese jedoch durch Wissen, Erfahrungen und Erwartungen seitens der antiken Rezipienten „gerahmt“ wurden, ist ebenso unsicher wie das konkrete Verstehen des Münzbildes durch einen antiken Nutzer oder Betrachter. Wie oft hat der durchschnittliche Soldat sein Soldgeld, das ja nur in Teilen ausbezahlt wurde, auf Botschaften hin angeschaut? Welche Teile der „message“ waren unmittelbar verständlich, welche Teile nur mit umfangreicheren Hintergrundwissen?

Wurde ein neuer Münztyp diskutiert, zumindest bei der Ausgabe seitens der ausgebenden Institution angepriesen oder erklärt? Inwieweit reihten sich die neuen Münztypen schnell unter „ferner liefen“ ein? All dies macht den antiken Innenblick auf die bei Ausgabe hoheitliche organisierte, dann stärker freiere Kommunikationspraxis bezüglich und mittels der Münzen komplex und kompliziert.


Historische Kontexte von Münzen erforschen: Numismatische Sommerschule am IHAC 2019

Foto: Zhang Haoran, IHAC, 2019


Münzen-Online: Wie können Veränderungen von Gewicht, Material, Wert und Gestaltung antiker Münzen dabei helfen, wirtschaftliche Krisen, Inflation oder Veränderungen im politischen System einer Gesellschaft zu erkennen?


Prof. S. Günther: Wenn wir als Grundlage der Akzeptanz von Geld das Vertrauen in Stabilität nehmen, dann hat jedwede Änderung natürlich das Potenzial, dieses Vertrauen zu erschüttern. Allerdings kommt es ganz auf die Umstände an:

Jährliche Änderungen im Revers, später auch Avers von Münzen waren in der Späten Römischen Republik gang und gäbe, in der Kaiserzeit war das Kaiserporträt Garant für Authentizität und Geldwert, unabhängig davon, welches Porträt eines Kaisers konkret zu sehen war.

Auch schlugen sich nicht alle Veränderungen im Feingehalt oder Gewicht direkt in inflationären Tendenzen nieder. Entscheidend ist auch hier die Kombination mit anderen Quellen, um die historische Kontextualisierung vorzunehmen, auf deren Grundlage dann Transformationsprozesse oder Krisen sowie deren Wahrnehmung und Umgang mit ihnen diskutiert werden können.


Münzen-Online: Sammeln Sie selber auch Münzen? Wenn ja, welches ist Ihr Lieblingsexponat?


Prof. S. Günther: Ich habe eine kleine Sammlung, die ich damals für Lehrzwecke angeschafft habe. Insofern gibt es auch kein Lieblingsstück, sondern vor allem Erinnerungen an spannende Lehreinheiten, bei denen sich Schüler oder Studenten für die Numismatik, Antike und Geschichte begeisterten.


Münzen-Online: Was würden Sie sagen, ist der besondere Wert der Beschäftigung mit der Antike in einer zunehmend globalisierten und technologisierten Gegenwart?


Prof. S. Günther: Die Antike bietet ein Spektrum an Erfahrungen und Einsichten, welche uns heute immer noch beschäftigen und herausfordern. Die Antike lässt uns eben nicht kalt, sondern emotionalisiert, sei es über direkte Artefakte, Filme wie jüngst „The Odyssey“ oder auch Memes wie „How often do you think about the Roman Empire?“

Dass es in modernen Gesellschaften mit all der Rationalisierung und Ökonomisierung immer noch Raum für Antike, und Geschichte wie Kultur insgesamt, gibt, zeigt, dass Menschen eben nicht leicht zu reproduzierende oder kontrollierende Maschinen sind, sondern mehr sein wollen und können.

Diese kreativen Funken wird auch Künstliche Intelligenz nicht imitieren oder gar auslöschen können. Es ist einfach schön, sich mit etwas zu befassen, was Gedanken und Phantasie stimuliert.


Interview: Andreas Raffeiner

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