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Münzstättensterben – Vor rund 200 Jahren verschwanden viele Fürstentümer und ihre Geldfabriken

Im Ergebnis der Revolutionskriege gab es vor und nach 1800 überall in Europa einschneidende territoriale Veränderungen. Das siegreiche Frankreich unter Napoleon Bonaparte, ab 1804 Kaiser Napoleon I., dehnte seinen Landbesitz bis zum Rhein und darüber hinaus aus und nötigte geistliche und weltliche Fürsten des Heiligen Römischen Reichs zu erheblichen Gebietsabtretungen. Gleichzeitig verloren die meisten Reichsstädte ihre Souveränität und wurden anderen Territorien zugeschlagen. Mit dem Verlust der Eigenständigkeit vieler Kleinstaaten endete auch ihre Münzprägung und so kam es, dass die eigenen Geldfabriken nach und nach aufgegeben wurden. Sie waren unrentabel geworden, arbeiteten mit urtümlichen Geräten oder standen über längere Zeiten still, wie man sagte, hatten also nichts zu tun, weil keine neue Landmünze gebraucht wurde oder die alte noch reichlich vorhanden war. Da das Bezahlen auch mit fremden Geldstücken und zunehmend auch mit Banknoten üblich war, kam man mit dem Verzicht auf eigene Produktion gut klar und sparte außerdem noch deren Unterhalt und die Bezahlung der Arbeiter.

Die stolze Münzprägung der Freien und Reichsstadt Nürnberg, ausgedrückt in prachtvollen Talern und Dukaten, oder wie hier in Kleinmünzen, nahm in den Umwälzungen des frühen 19. Jahrhunderts ein Ende. Die letzten Nürnberger Münzen sind Dukaten von 1806 und Kreuzer von 1807. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar]

Das Ende zahlreicher Fürstentümer und Reichsstädte trug wesentlich zur Überwindung der Kleinstaaterei sowie der Grenzen, Zollschranken sowie der Zersplitterung bei. Vielfach wurde auch die französische Rechtsprechung übernommen. Der Verzicht auf mittelalterliche Feudalrechte und Belastungen sowie die Herstellung der Gewerbefreiheit und weitere Errungenschaften ebneten den Deutschen den Weg in die Moderne. Knapp 70 Jahre später wurde das Kaiserreich im Ergebnis des deutsch-französischen Krieges am 18. Januar 1871 errichtet.

Vom Inventar der 1809 aufgehobenen Münzstätte der Grafen zu Stolberg blieben wie durch ein Wunder zahlreiche technikgeschichtlich wichtige Geräte wie dieser Apparat erhalten, mit dem man Silber- und Goldmünzen rändeln konnte. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar]

Hans-Dietrich Kahl unterscheidet in seinem Buch „Hauptlinien der deutschen Münzgeschichte vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1878“ (Frankfurt am Main 1972) bei den Prägeanstalten drei Schließungsperioden. In der ersten Etappe von 1803 bis 1825 gingen wegen mangelhafter Rentabilität, aber auch weil Territorien anderen Fürstentümern zugeschlagen wurden und aus anderen Gründen folgende Münzstätten ein, wobei die Zahl das Jahr der Schließung angibt: Bayreuth (1805), Osnabrück (1805), Günzburg (1805) Wertheim (1806), Augsburg und Nürnberg (1808), Stolberg (1809), Hall (1809), Regensburg (1810), Detmold (1812), Glatz (als Ausweichmünzstätte für Breslau 1807-1813), Danzig (1812), Würzburg (1815), Ehrenbreitstein (1815), Lemgo (1815, abgelöst durch Blomberg) und Breslau (1826).

Die nach dem Deutschen Krieg von 1866 von Preußen annektierte Stadt Frankfurt am Main musste ihre eigene Münzprägung aufgeben. Die gut ausgestattete Geldfabrik arbeitete für Preußen beziehungsweise das 1871 gegründete Deutsche Reich weiter, verwendete als Kennung den Buchstaben C. Der Betrieb wurde 1879 eingestellt. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar]

Die zweite Schließungsperiode von 1826 bis 1850 betraf folgende Anstalten: Mannheim (1826, abgelöst durch Karlsruhe), Limburg (1828, abgelöst durch Wiesbaden), Hildburghausen (1829, abgelöst durch Saalfeld), Eisenach (1840), Gotha (1838), Bernburg (1851), Arolsen (1840), Blomberg (1840), Saalfeld (1846), Düsseldorf (1848), Clausthal (1849) und Schwerin (1849). Der dritten Schließungsperiode von 1851 bis 1870 fielen die Anstalten in Wismar (1854), Bremen (1859), Braunschweig (1860), Altona (1864), Rostock (1864), Kassel und Wiesbaden (1866), Hamburg (1867) zum Opfer. Nachdem sie angesichts eines vermehrten Münzbedarfs ihre Aufgaben erfüllt hatten, wurden die für das 1871 gegründete Deutsche Reich tätigen Prägeanstalten in Hannover (1878), Frankfurt am Main (1879) und Darmstadt (1882) geschlossen, während die Münze in Dresden 1887 nach Muldenhütten bei Freiberg verlegt wurde, weil die alten Fabrikanlagen Bauplänen an der Brühlschen Terrasse im Wege standen. Mit dem Verzicht auf eigene Münzanstalten war mitnichten der Verzicht auf eigene Münzen verbunden, denn die Aufträge für ihre Produktion ging an andere, größere und technisch besser ausgestattete Fabriken etwa in Berlin, Dresden und München.

Die Königliche Münze in Berlin profitierte von dem Münzstättensterben in vielen Ländern des Deutschen Bundes. Die Grafik aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt, wie die Metallzaine gewalzt, Geldstücke auf der Kniehebelpresse geprägt und wie eine Rändelmaschine arbeitet. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar]

Die umfangreichen Inventare der von Preußen nach dem Deutschen Krieg von 1866 aufgelösten Münzstätten in Hannover, Frankfurt am Main und Darmstadt wurden entweder verkauft, an andere Anstalten abgegeben, ins Museum gebracht oder verschrottet. Ähnlich verfuhr man mit den zum Teil sehr teuren Gerätschaften anderer Münzanstalten. So wurden das bewegliche Inventar der Münze zu Wiesbaden nach der Annexion des Herzogtums Nassau im Ergebnis des Kriegs von 1866 nach Frankfurt am Main geschafft und dort zur Herstellung von zunächst preußischen, ab 1871 reichsdeutschen Münzen eingesetzt, während Prägemaschinen aus der ehemaligen Münze in Straßburg nach der Annexion von Elsass-Lothringen durch das Deutsche Reich nach dem Krieg gegen Frankreich in der 1875 neu eröffneten Münze zu Hamburg genutzt wurden. Viele, leider nicht alle Münz- und Medaillenstempel aufgehobener Geldfabriken wurden Museen und Münzkabinetten überwiesen. Aus diesem Grund gelangte eine Reihe von Prägewerkzeugen der Wiesbadener Münze ins Berliner Münzkabinett.

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