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Goldige Silberpesos: Der lange Atem der Alchemisten


Noble (England, Edward III., 1361-1369, Gold, 7,6 Gramm, 34 mm). [Bildquelle: Classical Numismatic Group, Auktion 120, Los 1210]

Die „Goldmacher“ hatten es immer wieder versucht. Im 14. Jahrhundert benötigte der englische König Edward III. eine größere Summe Geldes. Der mallorquinische Gelehrte Raimundus Lullus hatte angeblich den Stein der Weisen gefunden und sollte ihm dabei helfen. „Unter der Vorspiegelung, König Eduard werde an der Spitze seiner Flotte gegen die Ungläubigen, die Türken, zu Felde ziehen, willigte Lullus in eine Art Vertrag mit der englischen Krone ein. Der Alchemist erbot sich, 60 000 Pfund Gold aus Quecksilber, Zinn und Blei herzustellen, welches besser ist als das Gold in den Bergwerken. Mit diesem Gold sollten Schiffe ausgerüstet und Krieger für den heiligen Kampf gegen die Ungläubigen besoldet werden.“ (Klaus Hoffmann: Kann man Gold machen?, Leipzig 1979, S. 11f.) Als der mit wundersamen Kräften gesegnete Lullus ihm das Gold zur Verfügung stellte, ließ der König jedoch sogenannte Rosennobel mit kriegerischem Bildprogramm fertigen, auf denen sich Edward III. als König von England und Frankreich bezeichnete: „Diese Goldmünzen kündeten von den wahren politischen Absichten des englischen Herrschers, Frankreich zu erobern und über ein vereintes englisch-französisches Reich zu regieren. Dieser Plan lag ihm viel näher als ein abenteuerlicher Kreuzzug gegen die Söhne Mohammeds.“ (Ebenda, S. 12) König Edward III. und Lullus sind sich nie begegnet. Das Gerücht dürfte also wie so vieles andere auf einer Legende beruhen. Woher König Edward auf seiner rohstoffarmen Insel das Gold für die vielen Goldmünzen nahm, ist inzwischen auch geklärt. Er erhöhte die Steuern, nahm Kredite auf und ließ die goldenen Gerätschaften der Kirchen und Klöster einschmelzen. Sogar die Krönungsinsignien verpfändete er.

Großes Alchemisten-Medaillon aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. [Bildquelle: habsburger.net]

Von Geldmangel getrieben, versuchten auch die Habsburger, sich über die Gesetze der Chemie hinwegzusetzen. Um synthetisches Gold zu gewinnen, investierten sie viel Geld in Experimente: „Aus der Regierungszeit Leopolds I. ist ein goldenes Medaillon erhalten, das mit einer Tinktur von Silber in Gold umgewandelt worden sein soll – in Anwesenheit des Kaisers. Ein anderes Gedenkmedaillon trägt eine Inschrift, die besagt, dass es von Blei in Silber umgewandelt wurde. Sie sind offenbar das Ergebnis alchemistischer Experimente von Johann Joachim Becher, kaiserlicher Rat und einer der drei großen Ökonomen des siebzehnten Jahrhunderts, die bezeichnenderweise alle auch Alchemisten waren. Becher wurde sogar zu einer Art Berater in alchemistischen Fragen am kaiserlichen Hof unter Leopold I. Er versuchte unter anderem, Sand in Gold zu verwandeln.“ (Christina Linsboth: Turnig lead into silver – Experiments in alchemy in the Imperial Court, auf: habsburger.net) Das große Alchemisten-Medaillon ist am oberen Rand silberfarben, der in ein Tauchbad versenkte Teil ist dagegen eindeutig goldfarben. Das Rätsel um die Verwandlung von Silber in Gold konnte erst 1931 von zwei Wissenschaftlern der Universität Wien gelöst werden. Mithilfe einiger entnommener Proben am oberen Rand stellten sie fest, dass das Objekt aus 48 Prozent Gold, 43 Prozent Silber und sieben Prozent Kupfer besteht. Kalte halbkonzentrierte Salpetersäure hatte damals zum „Gelbsieden“ des Metalles geführt, einer Trennung des Goldes vom Silber. So wirkte das Medaillon nach dem vorgeführten Tauchbad des Alchemisten plötzlich golden!

Publikation von Théodore Tiffereau über die Kunst, Gold zu machen (1896). [Bildquelle: Wikimedia, Tiffereau]

Auch im 19. Jahrhundert wurde angeblich noch Silber in Gold verwandelt. Der französische Fotograf und Alchemist Théodore Cyprien Tiffereau weilte von 1842 bis 1847 in Mexiko, wo er frühe Fotografien von Landschaften und einheimischen Bewohnern anfertigte. Eines Tages hört er von Goldgräbern, dass vor Ort gefundenes Silber noch „reifen“ müsse. Im Laufe der Zeit werde es zu Gold: „Fasziniert kehrt er in sein Hotel zurück, wo er ein kleines Labor für einige Analysen eingerichtet hat. […] Er füllt zehn Gramm feines Silber- und Kupferpulver in ein Fläschchen, übergießt diese Metallspäne mit Schwefelsäure und setzt das Ganze auf seinem Fenstersims der Sonne aus.“ (Théodore Tiffereau – the accidental alchemist, auf: marilynkaydennis.wordpress.com) Als sich nur ein schwarzer Niederschlag bildet, versuchte er das Material abzukochen. Diesmal war Tiffereau erfolgreich. „Nach einigen Tagen ist der Rückstand vollständig grünlich. Und dann, innerhalb von vierundzwanzig Stunden, wird es zuerst dunkelgelb, dann hellgelb und endet goldgelb. […] Noch am selben Abend reicht er das Ergebnis seines Experiments bei einigen Goldschmieden ein. Sie sind sich einig: Es ist wirklich Gold, absolut reines Gold.“ (Ebenda) Nach Frankreich zurückgekehrt, hatte er zehn Gramm chemisch „erzeugtes“ Gold dabei. In den Jahren 1854/55 legte er der Französischen Akademie der Wissenschaften mehrere Studien zur Umwandlung von Silber in Gold vor. Er behauptete, dass Silber aus Mexiko spezifische Eigenschaften besäße, die die Verwandlung ermöglichten. Die Akademie setzte ein Komitee ein, um die Behauptungen zu prüfen. Ergebnis: Tiffereau hatte nur in den Proben angereichertes Gold ausgeschieden.

Der US-Unternehmer und „Alchemist“ Stephen H. Emmens. [Bildquelle: Borderland Sciences Research Foundation]

Etwas schwieriger liegt der Fall bei Stephen H. Emmens, einem US-Unternehmer aus der Zeit um 1900. Er behauptete, durch einen sogenannten Argentaurum-Prozess Silber in Gold umzuwandeln. Tatsächlich hatte Emmons der Staatlichen Münze bis zu dieser Zeit bereits etwa 700 Unzen eigenes Gold verkauft. Der Wissenschaftler Sir William Crookes wollte der Sache auf den Grund gehen. Nach Vorgaben von Emmens unterzog er 1898 einige mexikanische Silber-Pesos dem Argentaurum-Prozess. Das Experiment scheiterte. Als Emmens davon hörte, antwortete er, dass Crooks wohl ungeeignete Pesos verwendet habe: „Eine Erklärung, die in den frühen 1900er Jahren vorgebracht wurde, war, dass die silbernen mexikanischen Pesos, die Emmens nutzte, bereits etwas Gold enthielten, das sein Argentaurum-Prozess dann extrahierte.“ (William Crookes and the Goldmaker, auf: drvitelli.typepad.com) Die großen Mengen an Gold, die Emmens regelmäßig verkaufte, konnten aber nicht daher kommen: „Woher stammte das Gold, das dieser moderne Alchemist aus mexikanischen Silberdollars geschmiedet hat? Es verdichtete sich der Verdacht, Emmens stünde mit einer Verbrecherriege in Kontakt, die gestohlene Schmuck- und Kunstgegenstände einschmelzen ließ. […] Ein ‚Goldmacher‘, der handwerksmäßig das begehrte Edelmetall herstellt – das war der unverdächtigste Hehler, den man sich denken konnte!“ (Hoffmann, S. 196)

Peso (Mexiko, 1898, 903er Silber, 27 Gramm, 38 mm). [Bildquelle: Authentic Acient Coins]

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