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EUCOPRIMO-Treffen in Jena: Primitivgeld oder Primärgeld?

Autorenbild: Dietmar Kreutzer
Dietmar Kreutzer
vor 13 Stunden
3 Min. Lesezeit

Für Mitte Oktober hatten sich die Mitglieder von EUCOPRIMO zu ihrem traditionellen Stelldichein verabredet. Viele sind schon in jungen Jahren gereist. Die vormünzlichen Zahlungsmittel, die sie in Übersee entdeckten, weckten eine breit gefächerte Sammlerleidenschaft.


Erstes Treffen am Freitagabend


Am zweiten Freitag im Oktober hielten die Mitglieder der Vereinigung EUCOPRIMO die neueste Ausgabe ihrer Zeitschrift in den Händen: „Der Primitivgeldsammler“ heißt das Mitteilungsblatt der Europäischen Vereinigung zum Sammeln, Bewahren und Erforschen von ursprünglichen und außergewöhnlichen Geldformen. Im Startbeitrag geht es um den Paradiesvogel als Brautpreis in Papua-Neuguinea. Im zweiten Artikel stehen Spiegel als Tausch- und Zahlungsmittel für den Afrikahandel im Mittelpunkt. Wer zweifelt, dass das alles einmal Geld gewesen ist, kann nachlesen: „Alles kann Geld sein!“ Jeder hat schließlich schon einmal von Kauri-Schnecken gehört, deren Gehäuse in Teilen von Asien und Afrika als Zahlungsmittel dienten. Oder von Perlen, die seit dem 15. Jahrhundert in Europa speziell für den Überseehandel mit den „Eingeborenen“ hergestellt wurden. Doch ganz so einfach ist die Zuordnung zu den Zahlungsmitteln dann doch nicht. Denn die Afrikaner selbst verwendeten die kunstvoll verzierten Perlen nur selten bzw. regional als Tausch- und Zahlungsmittel, eher als Statusobjekt. Issa Traore in einer Publikation über traditionellen afrikanischen Schmuck: „Perlen galten als wesentliche Elemente im Leben und wurden gern getragen, um Alter, Familienstand und sozialen Status zu kennzeichnen. Perlenschmuck fungierte als Sprache, die sozialen Status, Religion, Politik und künstlerische Haltung zum Ausdruck brachte.“


Sabine Becker (links) und Frans Dirkx (rechts) mit afrikanischen Perlen


Angesichts der Vielschichtigkeit des Themas gibt es auch unter den Mitgliedern der EUCOPRIMO unterschiedliche Ansichten darüber, ob die einst nach Westafrika und Indonesien verschickten Perlen überhaupt als Vorform des Geldes betrachtet werden können. Ebenso gehen die Meinungen auseinander, ob Akan-Goldgewichte oder Opiumgewichte vormünzliche Zahlungsmittel waren. Auch der Begriff „Primitivgeld“ ist umstritten. Sollte künftig vielleicht besser von prämonetärem Geld oder Primärgeld gesprochen werden? Für genügend Gesprächsstoff war jedenfalls schon am ersten Abend des Treffens der EUCOPRIMO-Mitglieder gesorgt. Etwa 45 Mitglieder waren gekommen. Die sich drei Tage ersteckende  Zusammenkunft fand diesmal in Jena statt.


Stickerei aus Kauri-Schnecken


Am Vormittag des zweiten Tag in Jena spielten Definitionen „definitiv“ keine Rolle mehr. An diesem Tag fand die traditionelle Tauschbörse statt. Die Sammler präsentierten in einem Saal des Dorint Esplanade Hotels ihre Schätze. Der Niederländer Frans Dirkx erklärte an einem der Stände, wie er an die afrikanischen Perlen kam: „Vor 40 Jahren überführte ich Lastwagen nach Afrika, beispielsweise nach Nigeria, wo Erdöl entdeckt worden war. Als das Geschäft einige Zeit später von großen Frachtern übernommen wurde, musste ich mich neu orientieren. So brachte ich Perlen von den regionalen Märkten mit, für Sammler in Europa. Eine siebenlagige Chevron-Perle aus dem 15. bis 17. Jahrhundert kostete mehrere hundert Euro.“ Im Laufe der Zeit seien die Preise gesunken. Heute würden vielerorts die farbenfrohen, vor Ort hergestellten Perlenketten bevorzugt. Diese Ketten mit Perlen aus Pulverglas gibt es umgerechnet schon für wenige Euros. Auch beim EUCOPRIMO-Treffen waren sie ein Renner. Große Geschäfte ließen sich mit Perlen also derzeit nicht mehr machen.


Zodiac-Gewicht zu 166 Gramm


Ganz anders verlief die Entwicklung bei Hans-Joachim Gothe, der von allen nur „Jo“ genannt wird. Er hatte ebenfalls einen Stand auf der Tauschbörse. Gothe sammelt vor allem Opiumgewichte. Diese Massekörper für alte Balkenwaagen wurden früher vor allem in Thailand und Laos verwendet. Seit der Kolonialzeit wurden sie etwas irreführend als „Opiumgewichte“ bekannt. Heute werden die Gussobjekte in Tierform vielfach als Kunstgegenstände gehandelt. Gothe lernte sie im Jahr 1980 auf einer Reise nach Burma kennen. Der Vorsteher eines Klosters verkaufte ihm eine ganze Kollektion. Mithilfe des Kataloges „Opiumgewichte“ von Rolf und Ilse Braun knüpfte er erste Kontakte. Er erklärt: „Bis zur Kolonialzeit wurden die repräsentativen Gewichte nicht nur als solche, sondern auch als Zahlungsmittel verwendet. Es gibt Zehnersätze mit genau gestaffelten Größen, von 1,6 Gramm bis 1,6 Kilogramm. Jeder König gab seine eigenen Reihen heraus.“ Besonders stolz ist „Jo“ auf ein prächtiges Zodiac-Gewicht zu 166 Gramm, das schon äußerlich den Anschein einer Münzplastik erweckt. Die „Zodiacs“ gab es nur in der Region Mae Hong Son im Nordwesten Thailands. Für den größten dieser Zodiacs habe man vor zehn Jahren noch etwa 4.000 Euro hinblättern müssen. In den Corona-Jahren gingen allerdings die Preise zurück. Heute ist eine Dreier-Gruppe für etwa 1.200 Euro zu haben.


„Jo“ Gothe an einem Stand der Tauschbörse


Am Abend nach der Tauschbörse und einem gemeinsamen Essen versammelten sich die anwesenden Mitglieder von EUCOPRIMO, um Nachrichten von allgemeinem Interesse auszutauschen. Andre Reyer wurde den Versammelten als neuer Redakteur der Zeitschrift „Der Primitivgeldsammler“ vorgestellt. Eine Schweigeminute erinnerte an Bernhard Rabus, der bei früheren Treffe anekdotenreiche Vorträge hielt und oft auch für die Zeitschrift der Vereinigung schrieb. EUCOPRIMO hat aktuell knapp 100 natürliche Mitglieder. Hinzu kommen einige Institutionen. Zweimal im Jahr finden die EUCOPRIMO-Treffen statt, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Wo sich die Teilnehmer das nächste Mal sehen werden, ist noch nicht ganz klar: Leipzig und Bayreuth sind im Gespräch!


Text und Fotos: Dietmar Kreutzer

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