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Ein Platz an der Sonne: Die Münzen der deutschen Kolonien

In einer Reichstagsdebatte des Jahres 1897 äußerte Bernhard von Bülow, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, die Deutschen wollten niemanden in den Schatten stellen, verlangten aber auch ihren Platz an der Sonne. Die Aufteilung der Welt war zu diesem Zeitpunkt jedoch fast abgeschlossen. Das Deutsche Reich hatte sich sehr spät an ihr beteiligt. Der Großteil des ab 1884 erworbenen Kolonialbesitzes des Deutschen Reiches lag in Afrika:

„Deutsch-Ostafrika umfasste rund 932.000 qkm, Südwestafrika zählte 836.000 qkm, Kamerun 790.000 qkm und Togo 88.000 qkm. Die Besitzungen im Pazifik waren verhältnismäßig klein. Deutsch-Neuguinea umfasste 240.000 qkm; dazu kamen der Bismarck-Archipel, die Inselgruppen der Karolinen, Marianen, die Marschall-Inseln, Opulu und Sawai im Archipel von Samoa und eine Reihe von kleineren Inseln. In China besaßen die Deutschen Kiautschou in Pacht. Das gesamte Kolonialreich umfasste so rund 2,5 Millionen qkm mit einer Bevölkerung von schätzungsweise 15 Millionen.“ (1)

Deutsche Familie mit einheimischem Diener auf Neuguinea (1915) – Bildquelle: SZ Photo, Scherl-Verlag.


Das Münz- und Naturalgeld in diesen als deutsche Schutzgebiete bezeichneten Kolonien war höchst unterschiedlich. In einigen Territorien wurden Reichsmünzen als gesetzliche Zahlungsmünzen eingeführt, in anderen dem Land bzw. der Landeswährung angepasste Kolonialmünzen. In dem ab 1884 als Schutzgebiet erschlossenen Deutsch-Kamerun etwa wurden im Lauf der Zeit zunehmend deutsche Reichsmünzen verwendet. Die Verhältnisse waren jedoch von territorialen Besonderheiten gekennzeichnet. In verschiedenen Landesteilen wurde noch mit Naturalien gehandelt, in anderen waren der Maria-Theresia-Taler und die Kaurimuscheln verbreitet. Ein Sack Kauris zu 20.000 Stück hatte einen Gegenwert von vier Maria-Theresia-Talern. Außerdem kursierte englisches und französisches Gold- und Silbergeld. Eine Verrechnung des britischen Pfundes zum Gegenwert eines deutschen Zwanzig-Mark-Stückes war von den Deutschen offiziell zugelassen, ebenso der Wechsel eines Zwanzig-Francs-Stückes zu 16 Mark der Reichswährung:

„1912 liefen in Kamerun deutsche Goldmünzen für 1,2 Millionen, Silbermünzen für 11,4 Millionen, Nickelmünzen für 0,7 Millionen und Kupfermünzen für 0,017 Millionen Mark um.“ (2)

20 Neu-Guinea Mark (Deutsch-Neuguinea, 1895, 900er Gold, 7,96 Gramm, Dm. 22,5 mm – Bildquelle: Künker, Herbstauktionen 2014, Los 7529.


Eine numismatische Besonderheit bot Deutsch-Neuguinea. Der Ornithologe und Völkerkundler Otto Finsch hatte ab 1884 als Agent des privaten Hamburger Neuguinea-Konsortiums auf mehreren Reisen fast die gesamte Nordküste Neuguineas bereist und Verträge über Landerwerbungen abgeschlossen. In seiner Gegenwart wurde am 3. November 1884 auf der Insel Matupi die deutsche Nationalflagge gehisst, was später zur Gründung der Kolonie Deutsch-Neuguinea führte. Da Münzgeld unbekannt war, konnte ohne Rücksicht auf bisherige Verhältnisse eine neue Währung eingeführt werden:

„Als 1894 die zu diesem Zeitpunkt für die Verwaltung des deutschen Schutzgebietes auf Neuguinea verantwortliche Neu-Guinea Compagnie das Recht erhielt, Münzen für diese Kolonie prägen zu lassen, zierte der Paradiesvogel die Rückseiten der Münzen zu 10 Pfennig, einer halben, zwei, fünf, zehn und 20 Mark. Hergestellt wurde dieses Kolonialgeld in der Münzstätte Berlin, Gültigkeit besaß es aber nur innerhalb des deutschen Schutzgebietes.“ (3)

Als die im Tabakhandel tätige Neuguinea-Kompagnie in Existenznot geriet, übernahm ab 1899 ein deutscher Gouverneur im Namen des Reiches die Regierung.


10 Cent (Kiautschou, 1909, Kupfer-Nickel, 4,0 Gramm, Dm. 21,5 mm) – Bildquelle: V.L. Nummus, E-Live Auction 19, Lot 2005.


Eine weitere numismatische Besonderheit ergab sich aus den europäischen Auseinandersetzungen mit dem Kaiserreich China. Im Gefolge eines Übergriffes auf katholische Missionare im November 1897 beschlagnahmte das Deutsche Reich die Konzession von Kiautschou. Im Frühjahr 1898 wurde dieses Vorgehen durch einen Vertrag legalisiert, nach dem die Bucht von Kiautschou mit dem Hafen von Tsingtau für 99 Jahre von Deutschland gepachtet wurde. Das Schutzgebiet unterstand dem Reichsmarineamt. Die Hafenstadt bestand aus einem europäischen und einem chinesischen Teil. Die chinesischen Geschäftsleute lebten im Zentrum, die Ausländer mit ihren chinesischen Bediensteten in den neu gegründeten Vierteln. Der Anteil der Ausländer, die vor allem im Übersee-Handel tätig waren, betrug allerdings nur maximal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Geldumlauf befand sich traditionell der chinesische Silberdollar bzw. der ihm im Wert entsprechende mexikanische Peso zu 100 Cents. Der Mangel an Kleingeld führte im Jahr 1909 zur Emission deutscher Scheidemünzen zu zehn bzw. fünf Cents. Geprägt wurden die Münzen in Berlin.


2 Rupien (Deutsch-Ostafrika, 1893, 917er Silber, 23,32 Gramm, Dm. 35 mm) – Bildquelle: Numista, Heritage Auctions.


Ähnlich zur Situation in Neuguinea hatte der Journalist Carl Peters im März 1884 die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft gegründet. Dem Abschluss von Verträgen mit einheimischen Herrschern sollte eine systematische Erschließung des Territoriums folgen:

„Die notwendige Unterbindung des von den Arabern betriebenen Sklavenhandels und die Durchsetzung der Herrschaft über die ostafrikanischen Stämme überstiegen indessen die finanziellen Möglichkeiten der Gesellschaft, so dass sich die Reichsregierung gezwungen sah, die Kolonie 1890 in eigener Regie zu übernehmen. Die Gesellschaft selbst prosperierte aber, denn sie sicherte sich einen garantierten Anteil an den Zolleinnahmen, das Monopol der Bergbaurechte sowie den Besitz nicht besiedelter Ländereien und das Recht, eine Emissionsbank zu schaffen.“ (4)

Die Bank erhielt nicht nur eine Lizenz zur Notenausgabe, sondern auch das Münzrecht. Ab 1890 ließ sie Rupien zu 64 Pesas nach britisch-indischem Vorbild prägen. Dies bot sich an, weil die indische Rupie an der ostafrikanischen Küste die gebräuchlichste Währung war. Der Wert zweier Rupien entsprach dem eines Maria-Theresia-Talers. Als das Reich ab 1904 die Münzen selbst ausbrachte, wurde die Rupie in 100 Heller geteilt. Berühmt wurden die im Ersten Weltkrieg erfolgten Notprägungen.   


Dietmar Kreutzer


Quellenangaben:

  1. David Kenneth Fieldhouse: Weltbild Weltgeschichte – Die Kolonialreiche seit dem 18. Jahrhundert; Augsburg 1998, S. 322

  2. Peter Schlobach: Deutsche Kolonien – Münz- und Naturalgeld in der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun; in: MoneyTrend, Heft 10/2006, S. 154

  3. Glanzstücke – Aus der Numismatischen Sammlung der Deutschen Bundesbank 2014; Frankfurt/Main 2015, S. 6

  4. Fieldhouse, S. 324

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