Ein antiker griechischer Silberstater erzählt
- Michael Kurt Sonntag

- vor 13 Minuten
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Was zunächst unmöglich klingt, entpuppt sich bei eindringlicher Beschäftigung mit Münzen als tatsächlich nachvollziehbar. Sicher, eine Münze ist kein lebendiges, beseeltes Wesen, sondern bloß ein schnödes Stück Metall. Ein Metall, das zwar Bilder und Legenden trägt, das aber wie Dinge im allgemeinen keineswegs sprechen kann. Nun ja, sprechen im wahrsten Sinne des Wortes sicherlich nicht,
aber Kraft ihrer Bildmotive kann eine Münze dennoch erzählen. Was sie erzählt, sind folglich Bildergeschichten. Geschichten, die man allerdings nur versteht, wenn einem die Hintergründe dazu
bekannt und vertraut sind.

Athena-Statue als Bestandteil des Athenabrunnens vor dem Wiener Parlament
Bildquelle: Wikimedia, Werner
Angenommen, Sie könnten eine Münze, die auf der einen Seite beispielsweise den Kölner Dom und auf der anderen ein Flugzeug abbildet, bedeutenden antiken Persönlichkeiten oder Gelehrten vorlegen und
sie um eine Interpretation derselben bitten, so würden Sie feststellen, dass die wohl kaum dazu in der Lage wären, zumal sie solche Gebäude und Fluggeräte weder sahen noch jemals davon hörten. Das Gleiche gilt allerdings auch für uns. Auch wir täten uns bei der Interpretation antiker griechischer Münzmotive sehr schwer, wenn uns die Götterund Sagenwelt der alten Griechen völlig fremd und unbekannt wäre.

Stater/Nomos (um 390-340 v. Chr.), Silber, 7,72 g, Ø (Höhe, Vs.)
21,81 mm, Münzstätte Herakleia oder Tarent;
Quelle: H. D. Rauch, Auktion 97 (14.-16. April 2015), Los-Nr. 56
Schauen wir uns also die abgebildete antike Münze einmal genauer an und versuchen herauszufinden, was sie uns zu erzählen hat. Die Vorderseite zeigt eine schöne, selbstbewusste, junge Frau, die einen attischen Helm trägt, der mit einem Busch geschmückt und mit einem ledernen Nackenschutz versehen ist und auf dessen Kessel sich ein Mischwesen befindet, das mit seiner Rechten einen Stein schleudert. Da Frauen im antiken Griechenland nicht als Soldatinnen kämpften, handelt es sich bei der Dargestellten auch nicht um eine Kriegerin oder Kriegerkönigin, sondern um eine Göttin. Wie die antike griechische
Mythologie uns wissen lässt, gab es unter den olympischen Göttinnen aber nur eine, die Helm, Schild und Speer trug, und das war die Zeustochter Athena. Diese, so die mythologische Überlieferung, entsprang als künftige Göttin des Krieges dem Haupt ihres Vaters bereits bei ihrer Geburt in voller Rüstung. Athena war also nicht allein die Göttin der Weisheit, wie vielfach bekannt, nein, sie war auch
Kriegsgöttin. Als solche schützte sie die Stadt Athen und stand u. a. den Heroen Achill, Herakles, Perseus und Iason sowie den Epheben (den wehrhaften jungen Männern) bei.
Auf der Münzrückseite sehen wir einen muskulösen, kräftigen, nackten jungen Mann, der im Begriff ist, einen ihn anspringenden Löwen zu erwürgen. Die Tatsache, dass der junge Mann nackt ist, deutet darauf hin, dass es sich um einen Heros (Helden) handelt, zumal Heroen in der griechischen Kunst fast ausnahmslos nackt dargestellt wurden. Die Keule und der Löwe wiederum lassen bei dem, dem die
griechische Sagenwelt nicht ganz fremd ist, auch die letzten Zweifel schwinden – der Heros ist Herakles und das Tier der Nemeische Löwe. Was folglich im Bild dargestellt ist, ist die erste von den sogenannten zwölf Arbeiten des Herakles. Die erste Arbeit, die der mykenische König Eurystheus Herakles auferlegte, bestand nämlich darin, den Nemeischen Löwen zu töten und ihm das Fell des erlegten Tieres zu bringen.
Es war aber kein gewöhnlicher Löwe. „Dieses Ungeheuer hauste auf dem Peloponnes, in den Wäldern zwischen Kleonä und Nemea in der Landschaft Argolis. Der Löwe konnte mit keinen menschlichen Waffen verwundet werden. Die einen sagten, er sei ein Sohn des Riesen Typhon und der Schlange
Echidna, die anderen, er sei vom Mond auf die Erde herabgefallen“ (G. Schwab, Sagen des klassischen Altertums, München 2001, S. 147). Doch Herakles verfolgte sein Ziel unerschrocken und zog gegen den Löwen. Als er ihn endlich auf einem Weg im Wald von Nemea antraf, schoss er drei Pfeile auf die
fürchterliche Bestie, aber alle prallten wie von einem Stein ab und konnten nicht das Geringste ausrichten. Und auch ein Schlag mit der mächtigen Keule des Helden konnte das Ungeheuer nicht töten, sondern nur vorübergehend etwas taumeln lassen. So schlang Herakles seine Arme schließlich um den Nacken des gewaltigen Löwen und drückte ihm die Kehle so fest zu, bis jener seinen letzten Atemzug tat.
Ihm anschließend das Fell abzuziehen, schien zunächst unmöglich, da weder Eisen noch Stein dieses durchdringen konnten. Als Herakles in seiner Not die Klauen des Tieres zu Hilfe nahm, gelang sein
Vorhaben und er konnte dem Löwen das Fell abziehen und es dem König bringen. Der geriet angesichts solch göttlicher Kraft des Herakles aber so in Panik, dass er in einen ehernen Topf kroch und sich versteckte. Auch ließ er Herakles fortan nicht mehr zu sich vordringen und erteilte ihm seine
Befehle nur noch außerhalb der Mauern durch einen Boten.
Betrachten wir die eben beschriebene Seite dieser Münze noch etwas eindringlicher, so fällt auf, dass sich zwischen den Beinen des Herakles eine kleine Eule befindet. Nun war die Eule zwar das heilige Tier
der Athena und das Symbol der Weisheit, doch kommt ihr hier keine besondere Bedeutung zu, da sie nicht zum eigentlichen Bildmotiv gehört, sondern nur als Beizeichen steht. Auf anderen Münzen dieses Typs findet sich nämlich an der gleichen Stelle ein Skyphos (ein Trinkbecher).
Aber kehren wir jetzt noch einmal zur Vorderseite und zum attischen Helm der Athena zurück. Dass sich auf dem Helmkessel ein steinschleuderndes Mischwesen befindet, erwähnte ich bereits, nicht aber, wer dieses Wesen war und was sich im Detail darüber sagen lässt. Sehen wir uns sein Äußeres etwas genauer an, so erkennen wir den nackten Oberkörper einer Frau, der in einen Fisch- bzw. Meeresungeheuer-Körper ausläuft, sowie zwei Hundevorderteile (Hundeprotome), die aus ihren
Lenden hervorstehen. Dieses Meeresungeheuer, in der Mythologie Skylla genannt, hauste in einer Höhle gegenüber der Charybdis (einer Klippe mit gefährlichem Strudel) in der Meerenge von Messina –
zwischen Sizilien und Italien –, war fürchterlich aggressiv, warf mit Steinen und verschluckte oder zerfleischte die Seeleute, derer es habhaft werden konnte – unter anderem auch sechs Gefährten des
Odysseus. Doch was letztlich als furchteinflößendes Dekorationsobjekt auf dem Helm der wehrhaften Göttin landete – ähnlich dem Gorgonenhaupt auf der Ägis der Athena –, war nicht von Anfang an bösartig
und abscheulich.
Dem in der griechischen Mythologie Bewanderten offenbart diese Figur der Skylla nämlich noch eine andere, eine zutiefst tragische Geschichte – eine Geschichte um Liebe, Eifersucht, Rache und Hass, in der sich das Schicksal der Skylla mit jenem des Meeresgottes Glaukos und dem der Heliostochter
Kirke auf höchst unglückliche Weise verband. Wie dem 13. Buch aus Ovids „Metamorphosen“ zu entnehmen ist, war Skylla ursprünglich eine schöne junge Frau, die, weil sie sich nicht aufs offene Meer
hinaustraute, hüllenlos über den feuchten Sandstrand schlenderte und dabei vom Meeresgott Glaukos beobachtet wurde. Dieser begehrte sie und war bald so verzaubert von ihr, dass er aus den Fluten
auftauchte, um ihr seine Liebe zu gestehen. Als Skylla ihn jedoch sah – Glaukos hatte einen dunkelgrünen Bart, lange Haare, mächtige Schultern, bläuliche Arme und Beine, die in einer krummen Fischschwanzflosse endeten –, erschrak sie zutiefst und wollte nichts von ihm wissen, auch nicht, nachdem er ihr erzählt hatte, dass auch er einmal ein ganz gewöhnlicher Mensch war, ehe er durch ein Zauberkraut in die Tiefe des Meeres hinabgesunken sei und dort von den Göttern Okeanos und Tethys in einen Meeresgott verwandelt wurde.
Skylla eilte fort und der verschmähte Meeresgott machte sich auf zum Zauberpalast der Heliostochter Kirke, um sich von dieser Göttin und Zauberin einen Trank mischen zu lassen, mit dem er seine Angebetete doch noch für sich zu gewinnen hoffte. Kirke aber verliebte sich selbst in Glaukos und
versuchte ihn zu überreden, die „unwürdige“ Skylla aufzugeben und sich stattdessen ihr zuzuwenden. Weil Glaukos dies allerdings vehement ablehnte und von seiner Liebe zu Skylla nicht lassen wollte, sann
die eifersüchtige Kirke auf Rache. Und da sie dem geliebten Glaukos nicht schaden wollte oder konnte, projizierte sie ihren ganzen Hass auf Skylla; machte sich zu deren Lieblingsbucht auf, verwünschte
diese im voraus und verseuchte sie anschließend mit „scheusalschaffenden Giften“ und dunklen Zaubersprüchen.
„Kaum war sie [die Rede ist von Skylla] bis zur Mitte des Leibes ins Wasser gestiegen, da sieht sie durch bellende Ungeheuer ihre Weichen entstellt! Erst kann sie nicht glauben, dass jene mit ihr verwachsen
sind, will fliehen, will sie verscheuchen und fürchtet sich vor der frech zuschnappenden Meute, doch wovor sie fliehen will, schleppt sie mit sich fort, und als sie tastend nach ihren Hüften, den Beinen, den
Füßen sucht, greift sie statt dessen in die Rachen höllischer Hunde. Sie steht auf wütenden Kötern, sie hält mit ihren entstellten Lenden, über denen der Leib sich bläht, die Rücken von Bestien zusammen“ (Ovid, Metamorphosen, 14,59 ff.). Ab da wurde Skylla bösartig und abscheulich und beraubte Odysseus seiner Gefährten, um so ihren Hass auf Kirke zu zeigen. Um schließlich nicht auch noch die Schiffe der Trojaner zu versenken, wurde sie laut Ovid von den Göttern in einen Felsen verwandelt, der hart wie Granit war und von den Seeleuten gemieden wurde.

Figurengruppe "Herkules (Herakles), den Nemëischen Löwen bezwingend"
Entwurf von Gottfried Schadow
Bildquelle: Wikimedia, Brueckels
Dass das griechische Herakleia in Lukanien – dies lag ganz im Süden des heutigen Italien, am Golf von Tarent – der Emittent dieses Staters war, belegt die Legende ΗΡΑΚΛΗΙΩΝ ([Münze] der Herakleier), die auf der abgebildeten Rückseite jedoch kaum noch sichtbar ist. Ob das lesbare Kürzel ΚΑΛ im linken oberen Rückseitenfeld einem Stempelschneider oder einem Beamten (Magistrat) galt, ist in der Literatur
umstritten. Während die Autoren Cahn, Mildenberg, Russo und Voegtli in ihrem Gemeinschaftswerk „Griechische Münzen aus Großgriechenland und Sizilien“ die Ansicht vertreten, bei dem Kürzel handle es sich um den Namen eines bedeutenden Graveurs, erklären die Herausgeber Rutter, Burnett, Crawford, Johnston und Price in ihrem Buch „Historia Nummorum Italy“, das Kürzel bezeichne einen Magistrat und keinen Stempelschneider.
Aber ganz gleich ob nun ΚΑΛ der Stempelschneider war oder nicht, eines steht unabänderlich fest. Der
Schöpfer dieses Staters war, wenn man sich den überragenden Stil dieser Münze vor Augen führt, nicht bloß ein großartiger Künstler, sondern ein wahrer Meister seines Fachs.
Vergegenwärtigt man sich abschließend, dass Herakleia um 433/32 v. Chr. von Tarent unter Beteiligung von Thurioi gegründet wurde und dass der Herakleskult von Tarent stammt und der Athenakult aus Thurioi kam, dann wird sehr gut nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet Athena und Herakles die Münzseiten dieses Staters zieren.
Michael Kurt Sonntag
LITERATUR:
Peter R. Franke, Max Hirmer: Die Griechische Münze. München 1964; Herbert A. Cahn, Leo Mildenberg, Roberto Russo, Voegtli: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig. Griechische Münzen aus
Großgriechenland und Sizilien. Basel 1988; N. K. Rutter, Andrew M. Burnett, Michael H. Crawford, Ann Johnston und M. Jessop Price (Hrsg.): Historia Numorum Italy. London 2001; Hubert Cancik, Helmuth
Schneider (Hrsg.): Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, 16 Bde. Stuttgart, Weimar 1996-2003; Wilhelm H. Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 10 Bde. 3. Nachdruckauflage Hildesheim, Zürich, New York 1992/93; Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. München 2001; Ovid: Metamorphosen. Übersetzt und herausgegeben von Gerhard Fink. Zürich 2004. Dem in der Abbildungsunterschrift erwähnten Auktionshaus sei an dieser Stelle ausdrücklich und herzlich gedankt.




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