• Michael Kurt Sonntag

Die Schildkröten von Aigina

Aktualisiert: Juni 3

Im Saronischen Golf in der Ägäis zwischen Attika und Argolis gelegen befindet sich die Insel Aigina. Der griechischen Mythologie zufolge erhielt diese ihren Namen nach der Nymphe Aigina, der Lieblingstochter des Flussgottes Asopos, die dort von Zeus verführt wurde. Ihr Sohn Aiakos wurde König der einheimischen Myrmidonen, die Zeus der Sage nach aus Ameisen schuf. Die Myrmidonen und die Söhne des Aiakos, sollen die Insel im späten 13. Jh. v. Chr. jedoch aufgegeben und verlassen haben. Eine Neubesiedlung Aiginas erfolgte dann um 950 v. Chr. durch Dorer aus Argolis. Diese erkannten bereits früh ihr maritimes Potential und bauten den Hauptort der Insel, ebenfalls Aigina genannt, zum erfolgreichen Seehafen und Handelsstützpunkt aus. „Aigina gründete keine Kolonien, dafür aber Handelsstüztpunkte, die über Kydonia an der Westküste von Kreta bis nach Naukratis im Nildelta reichten.“ (Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, Bd. 1, Sp. 321).


Abb. 6: Ruine des dorischen Aphaia-Tempels auf Aigina. Bildquelle: Wikimedia, Pawel ´pbm` Szubert.

Durch den erfolgreichen Seehandel wohlhabend geworden, konnte sich Aigina nicht nur aus der Abhängigkeit von Epidauros lösen, in der es sich vom 8.-6. Jh. v. Chr. befand, sondern sich auch eine Handels- und Kriegsflotte, zwei Häfen, eine ummauerte Stadt und eine befestigte Akropolis mit prächtigen Tempeln für Apollon, Aphrodite, Dionysos und Aphaia leisten. Spannungen mit dem politisch mächtigen „Nachbarn“ Athen – dieses lag nur 25 km entfernt – führten 488 v. Chr. schließlich zu einer Seeschlacht, die Aigina gewann. Gut dreißig Jahre später (456 v. Chr.) verlor Aigina allerdings seine Selbstständigkeit und musste dem attisch-delischen Seebund beitreten und einen jährlichen Tribut (Phoros) von 180.000 Drachmen (30 Talente) entrichten.


Einen traurigen Höhepunkt erreichte die wirtschaftspolitische Rivalität zwischen Athen und Aigina aber erst zu Beginn des Peloponnesichen Krieges 431 v. Chr., als Athen die Einwohner von Aigina zur Auswanderung zwang und die Insel mit attischen Kleruchoi besetzte. Da Athen im Peloponnesischen Krieg allerdings Sparta unterlag, konnten die Überlebenden Aigineter 404 v. Chr. wieder auf ihre Insel zurückkehren; eine eigenständige Politik konnten sie aber nicht mehr betreiben, zumal dies die Spartaner, Thebaner und Makedonen – die einander als Hegemonialmächte ablösten – verhinderten.


Numismatisch betrachtet, sind die Münzen Aiginas in doppelter Hinsicht bedeutend. Zum einen sind sie nämlich die ersten Silbermünzen, die eine griechische Stadt jemals prägte und zum anderen hatte ihr Münzfuß, der aiginetische, von 12,2 g pro Didrachmon (Stater), infolge der weitreichenden Handelsbeziehungen Aiginas Vorbildcharakter für zahlreiche andere griechische Poleis. Außerdem sind ihre Bildmotive einzigartig und unverwechselbar. Tragen doch alle Silbernominale, Didrachmon (Stater), Drachme, Hemidrachme, Obol und Hemiobol, auf ihren Vorderseiten eine Schildkröte und auf ihren Rückseiten ein Quadratum Incusum, das in unterschiedlich viele Teile unterteilt ist.


Von der Mitte des 6. Jh. v. Chr. bis um 456/445 v. Chr. zeigen die Vorderseiten stets eine See- oder Landschildkröte und unterschiedlich eingeteilte vertiefte Münzrückseiten.


Abb. 1: Aigina (Insel Aigina). Stater (um 550-525 v. Chr.), Silber, 11,58 g, 19 mm. Bildquelle: Classical Numismatic Group, Auktion 114 (13. Mai 2020), Los 170.
Abb. 2: Aigina (Insel Aigina). Stater (um 550-525 v. Chr.), Silber, 12,09 g, 19,5 mm. Bildquelle: Classical Numismatic Group – Triton XXIII (14. Januar 2020), Los 268.
Abb. 3: Aigina (Insel Aigina). Stater (um 480-457 v. Chr.), Silber, 12,15 g, 19,5 mm. Bildquelle: Classical Numismatic Group – Triton XXIII (14. Januar 2020), Los 269.

Nach 445 v. Chr. werden die Vorderseiten nur noch von einer Landschildkröte geschmückt und die Rückseiten von einem fünfgeteilten Incusum.


Abb. 4: Aigina (Insel Aigina). Stater (um 445-431 v. Chr.), Silber, 12,17 g, 19 mm. Bildquelle: Classical Numismatic Group – Triton XXIII (14. Januar 2020), Los 272.

Im 4. Jh. v. Chr. finden sich in den fünffach unterteilten Incusa der Rückseite zusätzliche Magistratskürzel und Symbole (z. B. Delphin oder zwei Kügelchen).


Abb. 5: Aigina (Insel Aigina). Stater (350-338 v. Chr.), Silber, 12,24 g, 22,5 mm. Bildquelle: Gerhard Hirsch Nachfolger, Auktion 355 (12. Feb-ruar 2020), Los 1731.

Auf Sammler übten diese Schildkröten ob ihres hohen Reliefs und ihrer Einzigartigkeit in der antiken griechischen Numismatik – keine andere griechische Polis emittierte jemals vergleichbare Stücke – schon immer eine große Faszination aus.


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