Die faszinierende Geschichte der venezianischen Münzen mit Gegenstempeln aus Zypern
- Andreas Raffeiner
- vor 6 Stunden
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Als die Republik Venedig die Herrschaft über Zypern übernahm, entstand ein außergewöhnliches numismatisches Problem: Alte und neue Münzen wurden durch Gegenstempel gemeinsam in Umlauf gehalten. Diese kleinen Punzen erzählen bis in die Gegenwart von Machtpolitik, Handel, Vertrauen – und vom alltäglichen Leben im östlichen Mittelmeerraum.

Venedigs Verbindung zum Meer
Bildquelle: Schifffahrtsmuseum und Park, Newport News (Virginia)
Zypern als „Schlüsselinsel des Mittelmeers“
Zypern nahm bereits seit der Antike eine strategisch herausragende Stellung im Mittelmeer ein. Wer diese Insel kontrollierte, beherrschte bedeutsame Handelsrouten zwischen Europa, Kleinasien, der Levante und Ägypten. Kein Wunder also, dass zahlreiche Mächte im Wettstreit um ihre Einflussnahme standen und folglich darum kämpften.
Im fernen Jahr 1192 wurde Zypern zum Königreich der französischstämmigen Dynastie der Lusignan. Vorausgegangen war die Eroberung der Insel durch König Richard I. von England während des Dritten Kreuzzuges. Nachdem kurzzeitig die Tempelritter die Herrschaft übernommen hatten, verkaufte der Monarch die Insel an Guido von Lusignan. Unter der Lusignan-Herrscherfamilie entwickelte sich Zypern über fast drei Jahrhunderte zu einem wichtigen Kreuzfahrerstaat. So entstanden Burgen, Kirchen und Befestigungen; parallel dazu wurden eigene Geldstücke geprägt – ein sichtbares Symbol souveräner Regierungsgewalt. Doch das Machtgefüge im Mittelmeer änderte sich immer wieder: Venezianer, Genuesen, Osmanen, Katalanen und Neapolitaner beobachteten Zypern mit wachsendem Interesse.

Zypern im 16. Jahrhundert
Bildquelle: Landkartensammlung Antonakis und Laura Georgiades
Caterina – die letzte zypriotische Königin
Nach dem Ableben König Jakobs II. an der Schwelle zur Neuzeit – im Jahr 1473 – rückte seine venezianische Ehefrau Caterina Cornaro in den Mittelpunkt der Geschichte. Sie regierte anfangs als Vormund Ihres Sohnes Jakob III., der jedoch bereits nach zwei Jahren starb. In der Folge führte sie selbst den Titel der Königin von Zypern. Die Republik Venedig hatte schon längst erkannt, wie wertvoll und prestigeträchtig die Insel für ihre Handelsmacht war. So führten politischer Druck, innere Unruhe und venezianischer Einfluss dazu, dass Caterina 1489 zur Abdankung gezwungen wurde.
Die Rückkehr der einstigen Königin nach Venedig geriet zu einem triumphal-epochalen Schauspiel. Mehr noch: Auf dem prachtvollen Staatsboot „Bucintoro“ saß sie neben dem Dogen Agostino Barbarigo und wurde von der Masse begeistert und freudetrunken empfangen. Als Entschädigung erhielt sie die Herrschaft über Asolo sowie eine enorme Pension von 8.000 Dukaten jährlich. Trotzdem blieb sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1510 symbolisch „Königin von Jerusalem, Zypern und Armenien.“
Gerade diese persönlich angehauchte und zugleich tragische Komponente der Geschichte verleiht den zyprisch-venezianischen Münzen heute eine besondere emotionale Tiefe: Sie sind keineswegs nur Zahlungsmittel, sondern stumme Zeugen eines politischen Übergangs und des Endes eines Zeitalters.

Caterina Cornaro erhält die Nachricht von ihrer Absetzung als Königin von Zypern
Quelle: La Carrara in Humanitas
Ein Geldproblem auf der Insel
Mit der venezianischen Übernahme stellte sich binnen kurzem eine sehr praktische Frage: Welche Münzen sollten künftig auf Zypern verwendet werden? Die Lusignan hatten über Generationen hinweg eigene Geldstücke geprägt. Nun kamen zusätzlich venezianische Prägungen auf die Insel im östlichen Mittelmeer. Bald kam es zu einem offenkundigen Problem: Gewicht, Silbergehalt und Nominalwert unterschieden sich erheblich. Diese Aspekte führten im tagtäglichen Kleinhandel zu Unsicherheit. Die venezianische Administration benötigte daher eine schnelle und vergleichsweise pragmatische Lösung, um alte und neue Münzen parallel im Umlauf zu haben. Und genau hier beginnt die Gegenstempel-Geschichte.

Lusignan-Königreich Zypern. Peter I. 1359–1369, Silber, Durchmesser 25 mm, Gewicht 4,62 g
Quelle: Classical Numismatic Group
Geheimnisvoll, obskur und sagenumwoben
Zwischen der Regierungszeit des Dogen Nicolò Tron (1471–1473) und jener von Leonardo Loredan (1501–1521) tauchten auf Zypern venezianische Geldstücke mit rätselhaften Punzierungen auf. Besonders betroffen waren die bekannten Lire Tron, die Lire Mocenighe sowie die silbernen Marcelli. Auf vielen Exemplaren finden sich einzelne oder zweifache „X“, arabische Zahlen oder auch kleine Kreisstempel mit einem Punkt im Zentrum. Auch nicht-venezianische Münzen wurden gegengestempelt. Als Beispiele können die Groschen und Denare der Lusignan, aber auch ein Gold-Dinar des mamlukischen Sultans al-Ghuri aus Ägypten angeführt werden. Lange tappte man im Dunkeln, was diese sagenumwobenen und geheimnisvollen Zeichen bedeuteten.
Das Warten auf die Lösung des Rätsels fand ein Ende
Erst im Jahr 1977 gelang es dem zypriotischen Numismatiker Andreas G. Pitsillides ein entscheidender und zugleich bahnbrechender Durchbruch. Bei Untersuchungen im British Museum entwickelt er die heute logische These, dass die Gegenstempel den tatsächlichen Wert der Münzen in „Soldi“ angaben. Die Idee erscheint dadurch nachvollziehbar, weil eine venezianische Lira ursprünglich 20 Soldi entsprach. Außerdem hatte ein Marcello den halben Wert, also 10 Soldi. Doch viele Geldstücke jener Zeit waren über Jahrzehnte stark abgenutzt wurden. Durch den Umlauf, eine Reibung oder ein sogar absichtlich herbeigeführtes Beschneiden verloren sie an Silbergewicht und daher an realem Wert. Die Gegenstempel dienten demzufolge offenbar als offizielle Neubewertung. Eine ursprünglich 20 Soldi schwere Lira konnte beispielsweise nur noch einen Wert von 19, 18 oder gar nur 17 Soldi aufweisen.
Ein besonders berühmtes Beispiel ist eine „Lira Tron“ mit der Gegenmarke „17“, die vor fast genau zwei Jahrzehnten bei einer Auktion von Numismatica Ars Classica (NAC) dem numismatisch fachkundigen Publikum angeboten wurde. Ihr Gewicht betrug nur noch 5,56 Gramm – deutlich weniger als bei vollwertigen Stücken.
Marcello (Giovanni Mocenigo, 1478-1485, Silber, 2,9 Gramm, 25,5 mm)
Gegenstempel: Wert 9 Soldia, Nummer der Kontrollbehörde 1
vier umlaufende kreisförmige Siegel mit einem Punkt in der Mitte.
Bildquelle: Cyprus Institute
Schutz gegen Münzbeschneidung
Neben den Zahlen finden sich vergleichsweise oft kleine Kreis-Punzen mit einem Punkt in der Mitte längs des Münzrandes. Der Numismatiker Andreas G. Pitsillides äußerte den Verdacht, dass diese Marken mit dem Verhindern der Münzbeschneidung einen weiteren Zweck erfüllten. Im Mittelalter kam dem „Tosieren“ (Abschneiden kleiner Silberstücke vom Münzrand) einem sehr weit verbreiteten Betrug gleich. Die kleine Randpunzen machten Manipulationen sofort sichtbar und schützten auf diese Weise das Vertrauen in den Geldumlauf. Gerade diese Details unterstreichen eindrucksvoll, wie modern und praktisch die Verwaltung Venedigs dachte. Statt alte Münzen einfach einzuschmelzen, versuchte man, ihren realen Silberwert möglichst effizient weiter nutzbar zu machen.
Was hat es mit den Zahlen auf sich?
Noch rätselhafter sind zusätzliche kleine Zahlen wie 1, 2, 3 oder das römische V für 5. Pitsillides stellte überdies die spannende Annahme auf, dass diese Zeichen möglicherweise verschiedenen Orten der Gegenstempelung entsprachen. In seinen Augen könnte 1 für Nikosia, 2 für Limassol, 3 für Larnaka und V für Paphos stehen. Ein endgültig-stichhaltiger Beweis fehlt bis heute. Doch gerade diese offenen Ungewissheiten machen das Sammelgebiet so faszinierend. Jedes einzelne Geldstück könnte Hinweise auf administrativen Strukturen, Handelswege und/oder regionale Kontrollstellen liefern.
Ära der Gegenstempel
Die bekannten venezianischen Gegenstempelungen reichen ungefähr vom Dogat Trons bis zu jenem Loredans. Dem Anschein nach begann die systematische Neubewertung jedoch erst um das Jahr 1518. In jener Zeit wurden die schweren Lire und Marcelli nicht mehr geprägt; dessen ungeachtet führte Venedig leichtere Nominale zu 8 und 16 Soldi ein. Dadurch mussten ältere, schwerere Umlaufmünzen neu bewertet werden, um weiterhin praktikabel zu bleiben. Interessanterweise kennt man nach dem Loredanschen Zeitalter keine venezianischen Geldstücke mehr mit zyprischen Gegenstempeln. Offenbar setzte man spätere andere Methoden zur Bewertung des Edelmetallgehalts ein.
Marcello (Giovanni Mocenigo, 1478-1485, Silber, 2,5 Gramm, 25 mm)
Gegenstempel: Wert 8 Soldia, Nummer der Kontrollbehörde 2
vier umlaufende kreisförmige Siegel mit einem Punkt in der Mitte.
Bildquelle: Cyprus Institute
Interessante „Lira Tron”
Besonders eindrucksvoll ist ein vor kurzem untersuchtes Exemplar einer „Lira Tron“. Sie weist zwei Gegenstempel „X“, vier Randpunzen gegen Beschneidung, ein Gewicht von 6,19 Gramm und einen Durchmesser von annähernd 29 Millimeter auf. Solche Stücke gehörten heutzutage zu den spannendsten und faszinierendsten Zeugnissen venezianischer Geld- und Kolonialgeschichte. Sie verbinden Wirtschafts-, Politik-, Technik-, Alltags- und Menschheitsgeschichte in einem einzigen Objekt.
Aktueller denn je
Die Arbeiten des zyprischen Numismatikers Andreas G. Pitsillides wurden später von dem bedeutenden Münzexperten David Michael Metcalf bestätigt und erweiterte. Beide Wissenschaftler führten an, wie bedeutsam ein vollständiges Corpus aller bekannten zypriotischen Gegenstempel-Münzen wäre. Trotzdem wäre es interessant zu wissen, wie genau die Neubewertung funktionierte, welche Behörden daran beteiligt waren, ob es regionale Unterschiede gab und wie lange die Geldstücke tatsächlich im Umlauf blieben. Heutzutage befinden sich viele Münzen in privaten Sammlungen oder noch unerforschten Museumsbeständen. Gerade aus diesem Grund üben sie auf Sammler und Geschichtswissenschaftler eine außerordentliche Faszination aus. Jedes neu auftauchende Geldstück kann ohne Zweifel ein weiteres Puzzlestück zur Geldgeschichte des östlichen Mittelmeers liefern. Und möglicherweise liegt genau darin ihr größter Reiz – dass sie uns nach über einem halben Jahrtausend Antworten auf noch immer (offene) Fragen geben.
Andreas Raffeiner








