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Die ersten „Fünfer“: DDR-Gedenkmünzen für den Umlauf

Rückblickend waren die sechziger Jahre nicht nur ein Jahrzehnt des wirtschaftlichen Aufschwungs, sondern auch der Auseinandersetzungen. Die Welt befand sich im Aufbruch, alles schien plötzlich veränderbar. Die Jugend rebellierte, traditionelle Schranken wurden niedergerissen. Selbst in der DDR zeigte sich dieser Aufbruch. Auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden 1962 erklärte der Vorsitzende des Staatsrates Walter Ulbricht,

„dass nämlich auch die Künstler ihr Leben verändern müssen, wenn sie unsere neue Welt begreifen und darstellen wollen.“ (1)

Walter Ulbricht (rechts) bei einem Empfang im Jahre 1967 zum Internationalen Frauentag – Bildquelle: Wikimedia, Bundesarchiv.


Im Ausstellungsteil der Formgestalter kam es zu einem Dissens zwischen Ulbricht und dem Vorsitzenden der Sektion Formgestaltung im Verband Bildender Künstler. Auf der anschließenden Bezirksdelegiertenkonferenz zur Vorbereitung des VI. Parteitages der SED ließ der Staatsratsvorsitzende den Streit noch einmal Revue passieren:

„Es war ausgestellt das Gehäuse eines Radioapparates in ‚neuer‘ Formgestaltung. Ich habe dem Künstler gesagt: Das würde ich höchstens einem Lehrling im zweiten Lehrjahr abnehmen. Aber der Entwurf kam doch aus einem Kunstinstitut. Einige ‚Vasen‘ waren einfache Zylinder. Dazu braucht man keine Kunstinstitute mit Staatsfinanzierung.“ (2)

Wie sich Walter Ulbricht den gestalterischen Aufbruch in die neue, verheißungsvolle Welt der Produkte vorstellte, erklärte er bei dieser Gelegenheit ebenfalls:

„Aber bei uns wollen wir leuchtenden Farben haben. Und da die meisten Länder auch solche Farben wollen, brauchen wir für den Export ebenfalls lebensfrühe Farben im Glas, damit wir beim Export gute Devisenerlöse bekommen.“ (3)

5 Mark (20. Jahrestag der DDR, 1969, Kupfer-Nickel, 9,7 Gramm, 29 mm) – Bildquelle: Historia Hamburg.


Seither standen die Formgestalter immer wieder neu vor der Frage, wie die Erfolge beim Aufbau des Sozialismus und dessen leuchtende Zukunft in den Gegenstand kommen. Zum 20. Jahrestag der DDR sollte dies mit einer ersten, für den Umlauf vorgesehenen Gedenkmünze zu fünf Mark geschehen. Es war höchste Zeit dafür. In der Bundesrepublik Deutschland gab es bereits seit 1952 silberne Umlaufmünzen zu diesem Nennwert. Auch Gedenkmünzen zu fünf Deutschen Mark erschienen dort regelmäßig. Am 25. September 1969, also wenige Tage vor dem Jubiläum, wurden die DDR-Gedenkmünzen tatsächlich ausgegeben. Frisch geprägt, schimmerten sie in edlem Kupferglanz. So klassisch und zugleich farbenfroh durfte man sich also die Zukunft vorstellen:

„Das Fünfmarkstück zum 20. Jahrestag aus einer ungewöhnlichen Kupfer-Nickel-Legierung kommt auf seiner Bildseite nach dem Entwurf von Axel Bertram betont feierlich und seriös daher nur mit der Aufschrift ‚XX Jahre DDR‘ in einer strengen Kapitalis und mit römischen Ziffern.“ (4)

Die Stücke dunkelten jedoch rasch nach und wurden schnell unansehnlich. Kein gutes Zeichen! Das Experiment mit einer Legierung aus 900 Teilen Kupfer und 100 Teilen Nickel war gescheitert. Mit einer dokumentierten Auflage von 50.221.667 Exemplaren stand die Münze an der Spitze aller in der DDR produzierten Gedenkmünzen. Laut dem Großen Deutschen Münzkatalog und weiteren Katalogen wurden aber nur 10.502.990 Exemplare ausgegeben. Der Rest, so heißt es gelegentlich, wurde eingeschmolzen. Mehrere Materialproben sind bekannt. Von einer Probe aus 750 Teilen Kupfer und 250 Teilen Nickel wurden 12.741 Stücke geprägt, gelangten aber nicht in den regulären Umlauf. Münzsammler klagten, dass sie für Devisen in den Westen verkauft wurden.

5 Mark (Hauptstadt der DDR, 1971, Kupfer-Nickel-Zink, 9,7 Gramm, 29 mm - Bildquelle: Staatliche Museen zu Berlin, museum-digital.


Das zweite für den regulären Umlauf vorgesehene Fünfmarkstück der DDR von 1971 besteht wie alle nachfolgenden aus Neusilber, also einer Legierung aus 620 Teilen Kupfer, 200 Teilen Zink und 180 Teilen Nickel. Die Gestaltung der Rückseite mit dem Motiv des Brandenburger Tores und der Umschrift "Hauptstadt der DDR Berlin" lässt erkennen, dass es sich um eine Sondermünze handelt. Der Anlass der Ausgabe wird allerdings nicht mitgeteilt. Ist es der 180. Jahrestag der Fertigstellung des Tores? Bot sich das Motiv an, weil im Jahr 1971 gerade das Viermächteabkommen über Berlin ausgehandelt wurde? Auffällig ist jedenfalls, dass kein Monument aus dem neuen sozialistischen Zentrum der Hauptstadt ins Bild gesetzt wurde, sondern ein historisches Stadttor an der zehn Jahre zuvor geschlossenen Grenzlinie zu West-Berlin. Genaueres lässt sich nicht feststellen:

„Wie die Entscheidungen über Themen und die Auswahl der Künstler zustande kam, ist weitgehend nicht erforscht bzw. liegt im Dunkel einer gewissen Geheimniskrämerei der Staatsbank.“ (5)

Auffällig ist jedoch die über mehrere Jahre hinweg erfolgte Prägung der Münze, womit sie in die Nähe einer gewöhnlichen Umlaufmünze rückt. Der in den Geldkreislauf gelangten Startauflage von 1.700.142 Exemplaren folgten ab 1979 insgesamt zwölf Nachauflagen, so dass sich die in den Verkehr gebrachte Gesamtauflage zum Ende der DDR auf 2.296.686 Exemplare summiert hatte. Die grafische Gestaltung lag in der Hand von Axel Bertram, der Entwurf für das Bildmotiv kam von dem Bildhauer Wilfried Fitzenreiter. Die Arbeitsteilung war typisch für den Münzentwürfe der Staatsbank:

„Die Ergebnisse der Entwurfsarbeit waren ein Gipsmodell und eine Reinzeichnung, wobei meistens ein Bildhauer für die Modellierung der bildlichen Darstellung und ein Graphiker für die Gestaltung der Schrift zusammenarbeiteten, unter der Oberaufsicht des künstlerischen Beirats.“ (6)

Endgültig miteinander kombiniert wurden Bild und Schrift erst für die Herstellung der Münzstempel.

5 Mark (Meißen, 1972, Kupfer-Nickel-Zink, 9,7 Gramm, 29 mm) - Bildquelle: Verlag für Numisbriefe Hans Worbes.


Das dritte in hoher Auflage geprägte Fünfmarkstück von 1972 präsentiert den Meißner Burgberg mit Dom und Albrechtsburg. Auch in diesem Fall ist kein Jubiläum als Anlass der Ausgabe erkennbar. Die erneut von Axel Bertram gestaltete Münze zeigt in der Motivwahl und der gewählten Schrifttype, dass der deutschen Geschichte ein höherer Stellenwert als in den Anfangsjahren der Republik zugebilligt wird. Außerdem ist eine Entwicklung von der reduzierten Grafik zu einer gefälligen Szenerie erkennbar:

„Geprägt wurden 1972 mit dem Münzzeichen A 10,2 Millionen Münzen in Stempelglanz und als Produktionsprobe 40 Münzen in der Anfertigung Polierte Platte. Mit der Jahreszahl 1983 und dem gleichen Motiv gab es 25.000 Münzen in Stempelglanz und 2.550 in Polierte Platte.“ (7)

Es sollte nicht die letzte Gedenkmünze mit Städtemotiv sein. In der Reihe der sogenannten Städteausgaben erschienen bis 1989 noch etliche weitere Münzen. Keine kam jedoch an die Auflagen der Fünfmarkstücke „Hauptstadt der DDR“ und „Meißen“ heran.


Dietmar Kreutzer


Quellenangaben:

  1. Die V. Deutsche Kunstausstellung in Dresden: Spiegelbild der Bitterfelder Beschlüsse; in: Lausitzer Rundschau, 26. September 1962.

  2. Antworten auf Fragen: Diskussionsrede des Genossen Walter Ulbricht auf der Bezirksdelegiertenkonferenz in Leipzig; in: Leipziger Volkszeitung, 15. Dezember 1962.

  3. Ebd.

  4. Ulrich Schäfer: Deutsche Gedenkmünzen nach 1945 aus kunsthistorischer Sicht; in: GeldKunst-KunstGeld; Osnabrück 2005, S. 130.

  5. Ebenda, S. 112.

  6. Ebenda, S. 113.

  7. Manfred Pfefferkorn: 40 Jahre Deutsche Gedenkmünzen; Ostfildern 1993, S. 27.

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