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Die Aigis - Insigne des universalen Herrschers

Die Aigis (altgriech. αἰγίς, Gen. αἰγίδος; lat. aegis, Gen. aegidis) ist laut Homer ein von Hephaistos angefertigtes Attribut für seinen Vater Zeus. Hierbei handelt es sich um eine magisch wirkende, apotropäische und unzerstörbare schildartige „Wunderwaffe“. Diese ist mit einem Gorgoneion, dem Haupt der Gorgo Medusa, und am Rand mit Quasten verziert. Die Aigis steht als Symbol für die Macht, für die Herrschaft und für die Unbesiegbarkeit des Göttervaters Zeus. Von diesem wird die Aigis auf Apollon und insbesondere auch auf Athena übertragen, und zwar in Form eines Umhangs oder Schultertuches. Die Aigis, die jetzt von Schlangenprotomen umrahmt wird, ist nunmehr das Hauptattribut der Athena.

Abb. 1 Alexander mit der Aigis, Marmor, 2. Jh. n. Chr. Bildquelle: https://sammlungonline.mkg-hamburg.de/de/object/Alexander-der-Große-Typus-Aigiochos/1963.74/dc00126078.


In der griechischen Kunst taucht die Aigis erstmals im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. auf und wird dann in der Folgezeit vor allem in der Vasenmalerei, später auch in der Rundplastik bei Darstellungen der Athena gebräuchlich. Der erste Sterbliche, der mit einer Aigis dargestellt wird, ist unzweifelhaft Alexander der Große. Von diesem gibt es eine Anzahl rundplastischer Bildwerke, die ihn mit einer Aigis zeigen. Bei diesen Werken handelt es sich allerdings nicht um Originale aus der Lebenszeit Alexanders, sondern um spätere Kopien. Diese werden jedoch in der Forschung auf ein gemeinsames Vorbild zurückgeführt, das wohl bald nach dem Ableben Alexanders in Alexandria entstanden ist. Als Beispiel für diesen Statuentypus sei eine knapp unterlebensgroße Marmorstatue (Abb. 1) aus dem Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg angeführt.


Bei dieser Statue handelt es sich um eine römische Kopie aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Auch wenn bei unserem Beispiel der Kopf fehlt, kann die Statue aufgrund anderer Bildwerke dieses Typus, bei denen der Kopf erhalten ist, sicher als Alexander der Große identifiziert werden. Bekleidet ist Alexander mit einer bis zu den Knien reichenden Chlamys. Ein genauer Blick auf diesen Kurzmantel zeigt zum einen eine schuppenartige Struktur der Chlamys, zum anderen ist auf der linken Seite Alexanders, ungefähr auf Brusthöhe, das Gorgoneion deutlich zu erkennen. Gerahmt wird der Mantelsaum von Schlangenprotomen. In den Händen hielt Alexander Zepter und Blitzbündel. Diese Attribute in Verbindung mit der Aigis und dem Gorgoneion rücken Alexander den Großen unverkennbar in die Nähe des Göttervaters Zeus. Als „Sohn des Zeus“ soll Alexander 331 v. Chr. bei seinem Besuch des Orakels von Siwa vom dortigen obersten Priester empfangen worden sein.

Abb. 2 Tetradrachme, Ptolemaios I., 310/305 v. Chr. Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18214372.


Die erste, genau datierte bildliche Darstellung Alexanders mit der Aigis findet sich auf Münzen von Ptolemaios I. Soter ab dem Jahr 317 v. Chr. Unser frühestes Beispiel (Abb. 2) ist eine Tetradrachme von Ptolemaios I. vom Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Auf dem Avers ist Alexander der Große abgebildet. Er trägt eine Elephantenhaube, die Königsbinde, das Ammonshorn und um den Hals eine geschuppte Aigis, deren Schlangenprotome vorne am Kehlkopf einen Knoten bilden. Auf der Rückseite sehen wir neben der Inschrift "ΑΛΕΧΑΝΡΟΥ" ([Münze] des Alexander) die nach rechts ausschreitende Athena Promachos mit Aigis, erhobenem Schild und Speer. Vor Athena sitzt ein Adler mit einem Blitzbündel, darüber befindet sich ein korinthischer Helm.

Abb. 3 Stater, Ptolemaios I., ca 300 v. Chr. Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18200178.


Nur wenig später ist unser nächstes Beispiel entstanden, ein Stater ebenfalls von Ptolemaios I. (Abb. 3). Auf der Vorderseite sehen wir nun das Porträt von Ptolemaios I. Da dieser 306/305 v. Chr. den Königstitel annimmt, trägt er auf dem Münzporträt auch die Königsbinde. In Anlehnung an das Alexanderporträt der Tetradrachme hat Ptolemaios I. die Aigis um den Hals geschlungen, deutlich sind die Schuppen sowie die Schlangenenden des Knotens zu erkennen. Noch eindrucksvoller zeigt der Revers unseres Staters die ideologische Verbindung zwischen Ptolemaios I. und Alexander dem Großen: Alexander steht in einer sich nach links bewegenden Elephantenquadriga, in seiner rechten Hand hält er ein Blitzbündel, über der rechten Schulter liegt die Aigis. Ergänzt wird das Münzbild durch die Inschrift "ΠΤΟΛΕΜΑΙΟΥ ΒΑΣΙΛΕΩΣ" ([Münze] des Königs Ptolemaios). Sowohl Alexander als auch der „neue“ König Ptolemaios I. tragen als verbindendes und legitimierendes Element die Aigis.


Unsere nächste Münze ist ein unter Nero um das Jahr 64 geprägter Sesterz. Auf dessen Rückseite ist der Triumphbogen abgebildet, der 58 nach der Eroberung der armenischen Hauptstadt Artaxa durch Cn. Domitius Corbulo vom Senat für Nero beschlossen und vier Jahre später auf dem Kapitol errichtet wurde. Auf dem Avers ist der Kopf Neros dargestellt mit den typischen Merkmalen seines letzten Porträttyps. Nero ist mit dem Lorbeerkranz geschmückt. Am vorderen Halsansatz kann man unschwer das Gesicht der Gorgo erkennen. Das Gorgoneion ist wiederum umgeben von kleinen Schlangenprotomen. Nero lässt sich als erster römischer Kaiser auf Reichsmünzen mit der Aigis darstellen. Damit stellt sich Nero in die Tradition Alexanders des Großen und seiner Nachfolger. Allerdings erfolgt dieser Vorgang relativ spät, denn während der ersten zehn Jahre seiner Herrschaft verzichtet Nero bei seinen Prägungen komplett auf militärische und damit zusammenhängende Themen. Erst ab ca 64 geraten diese auf Münzen in den Focus. Und erst ab diesem Zeitpunkt taucht auch die Aigis als „heroisches“ Attribut auf neronischen Reichsprägungen auf.

Abb. 4 S, Rom, ca 64, RIC Nero 147, Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18226550.


Die Nachfolger Neros lassen sich mehr oder minder häufig auf ihren Münzen mit der Aigis darstellen. Ganz besonders oft geschieht dies auf Prägungen Domitians. Dies dürfte zum einen damit zusammenhängen, dass dessen bevorzugte Gottheit Minerva / Athena meistens mit der Aigis dargestellt wird. Zum anderen dürften militärische Aspekte, wollte doch Domitian auch als erfolgreicher Feldherr fungieren, sowie die apotropäische und schützende Funktion der Aigis eine Rolle bei der Wahl dieses Attributs gespielt haben.

Abb. 5 As, Rom, 85, RIC Domit. 387 Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18233054.


Bei den Prägungen Domitians mit Aigis wird diese, wie das abgebildete As aus dem Jahr 85 belegt (Abb. 5), in der gleichen Manier dargestellt wie auf den Münzen Neros. Wir sehen wieder am Halsansatz das Gesicht der Gorgo Medusa, von dem ausgehend sich die Schlangenprotome fast bis zum Kinn hoch räkeln. In der Averslegende ist auch der Titel Germanicus aufgeführt. Diesen nahm Domitian nach dem erfolgreichen Abschluss des Feldzuges gegen die Chatten im Jahr 83 an. Damit wird, wie eben bemerkt, nochmals auf die militärischen Fähigkeiten des Kaisers eingegangen. Die Rückseite unseres As zeigt den nach links schreitenden, siegreichen Kriegsgott Mars; denn er hält in der vorgestreckten Rechten die Siegesgöttin Victoria und im linken Arm ein Tropaion, ein Siegesmal.

Abb. 6 AV, Rom, 116, RIC Traian 325 var. Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18200609.


Die Art der Aigis-Darstellung auf Reichsmünzen wandelt sich unter Traian. Wie wir bei dem Aureus Abb. 6 unschwer erkennen können, befindet sich die Aigis nicht mehr am Halsansatz, sondern wird gleichsam wie ein Mantel über der linken Schulter getragen. Dies ist allerdings nur möglich, weil wir hier nicht den Kaiserkopf, sondern eine Büste vor uns haben. Die Trageweise der Aigis erinnert an die der eingangs beschriebenen Alexanderstatuen und an die der Minerva. Sehr schön sind die Schuppenstruktur der Aigis und die Schlangenprotome zu erkennen, während das Gorgoneion hier nur zu erahnen ist. Sicherlich steht die Aigis hier ganz in der Tradition Alexanders des Großen als „Weltenherrscher“. War doch Traian ein überaus erfolgreicher Feldherr, wovon auch die Titel der Averslegende Germanicus, Dacicus, Parthicus und nicht zuletzt Optimus, der Beste, zeugen. Unterstrichen wird das Ganze noch durch das Rückseitenbild: zu Füßen eines Tropaions sitzen zwei gefangene Parther. Darunter steht kurz und präzise "PARTHIA CAPTA", Parthien ist erobert! Dem Anspruch als universaler Herrscher kommt Traian insofern nahe, da unter seiner Herrschaft das Imperium Romanum seine größte Ausdehnung erreichte.

Abb. 7 AV, Rom, 148, RIC Ant. Pius 173. https://ikmk.smb.museum/object?id=18206709.


Als letztes Beispiel unserer Reihe sei noch ein Aureus des Antoninus Pius (Abb. 7) ange- führt. Dieser ist durch die Rückseiteninschrift "PRIMI DECENNALES" (das erste zehnjährige Herrschaftsjubiläum) auf das Jahr 148 datiert. Antoninus Pius trägt die Aigis in ähnlicher Art und Weise wie Traian, allerdings ist die Porträtbüste des Antoninus Pius nicht so elegant ausgeführt wie die des traianischen Aureus. Die geschuppte, mit Schlangenprotomen versehene Aigis liegt über der linken Schulter, in der Mitte der Aigis ist das Gorgoneion zu erkennen. Antoninus Pius war nicht der große Militär, auch wenn er die Titel Germanicus und Dacicus angenommen hat. Eine Verbindung zu Alexander dem Großen ist eher unwahrscheinlich. Ich sehe die Aigis hier als göttliches Attribut in seiner übelabwehrenden und beschützenden Funktion.


Horst Herzog

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