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Dashiell Hammetts aufregendster Fall

In der einzigen autorisierten Biografie von Dashiell Hammett wird das turbulente Leben des berühmten Kriminalautors ausgebreitet. Geschildert wird auch seine Zeit als Mitarbeiter der amerikanischen Detektivagentur Pinkerton. Von numismatischem Interesse ist dabei ein Kriminalfall, den Hammett im Dienste der Agentur bearbeitet hatte. Er spielte sich im November 1921 ab:

„Der Dampfer Sonoma lief, aus Sydney kommend, San Francisco an; man vermisste 125.000 Dollar, die in Stahlschränken im Tresorraum eingeschlossen und während der Fahrt auf mysteriöse Weise gestohlen worden waren. Als der Diebstahl entdeckt wurde, beauftragte man Pinkerton’s und die Polizei, das Schiff zu bewachen und zu durchsuchen.“ (1)

Unstrittig ist, dass Hammett und ein weiterer Agent alle Offiziere und Matrosen des Schiffes befragten. Was dann geschah, erzählte der phantasiebegabte Autor im Laufe seines Lebens jedoch in immer neuen Versionen. Eine davon: Kurz vor dem geplanten Auslaufen des Schiffes habe der Leiter der Agentur eine letzte Suchaktion angeordnet. Hammett sei daraufhin auf einen Schornstein geklettert, den er schon zuvor einmal untersucht hatte. Er blickte hinein und schrie:

„Sie haben das Versteck geändert! Hier liegt das Gold!“ (2)

Er selbst hatte also die frisch geprägten australischen Sovereigns entdeckt!


Dashiell Hammett (1894-1961) – Bildquelle: Village Preservation.


Wertet man die australische Presse dieser Zeit aus, ergibt sich allerdings ein etwas anderer Hergang. Die Sonoma hatte auf ihrer Fahrt von Sydney nach San Francisco australische Goldmünzen im Wert von 375.000 US-Dollar geladen. Drei Besatzungsmitglieder beabsichtigten, einen Teil des Goldes an sich zu bringen. Mithilfe eines Wachsabdruckes fertigten sie einen Nachschlüssel für den Tresorraum an und stahlen mehrere Kisten mit Gold im Wert von 125.000 Dollar. Als der Verlust beim Entladen des Schiffes bemerkt wurde, kam es zu einer umfangreichen Suchaktion, an der auch Dashiell Hammett beteiligt wurde. Carl Knudsen, dem 1. Offizier der Sonoma, fiel ein ungewöhnliches Geräusch beim Abklopfen eines Entlüftungsrohres auf. Er löste die Scharniere und entdeckte einen Schlauch mit 6.000 Goldmünzen. Dessen Verschluss war mit einem Tau verbunden, das bis zur Mündung des Rohres reichte. Als die Suche an der Entlüftung intensiviert wurde, kamen weitere 4.000 Münzen zum Vorschein. Wenig später sagte ein Arbeiter aus, dass er während der Überfahrt ungewöhnliche Reparaturarbeiten an der Außenseite des Schiffsrumpfes registriert hatte. Nun wurde auch das übrige Gold entdeckt. Drei miteinander verbundene Kisten waren am Rumpf unter der Wasseroberfläche verzurrt:

„Jede enthielt 5.000 frisch geprägte australische Sovereigns.“ (3)

Hammett hatte das Gold gar nicht entdeckt! Er war nur an der Suche beteiligt.


Sovereign (Australien, Münzstätte Melbourne, 1887, 917er Gold, 8,0 Gramm, 22 mm) – Bildquelle: Numista, Heritage Auctions.


Die Geschichte der australischen Sovereigns hatte bereits mit dem Goldboom in Australien begonnen, der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Seit 1855 wurden die Münzen nach britischem Vorbild von der kolonialen Münzstätte von Sydney gefertigt. Zunächst mit einem besonderen Porträt von Königin Victoria sowie der Landesbezeichnung „Australia“ versehen, kamen sie ab 1871 mit dem für Großbritannien einheitlichen Münzbild heraus. Lediglich an einem Münzzeichen war nun noch erkennbar, ob es sich um eine australische Prägung aus Sydney, Melbourne oder Perth handelte. Die Stempel kamen aus London. Wurde zunächst vielfach der sogenannten Wappen-Typ geprägt, gab es ab 1893 nur noch, die auch im Mutterland gebräuchlichen, Sovereigns mit dem Heiligen Georg im Kampf mit einem Drachen. Die hohen Auflagen der Kolonialmünzen führten dazu, dass um 1900 etwa vierzig Prozent der in Großbritannien umlaufenden Sovereigns aus Australien stammten. Mit der Gründung des Staates Australien im Jahre 1901 kam die Schaffung eines eigenen Währungssystems nach britischem Vorbild auf die Tagesordnung. Während die ab 1910 im Lande erschienenen Silber- und Bronzemünzen nun ein eigenes Gepräge erhielten, blieben die mit den australischen Münzzeichen geprägten Sovereigns jedoch in ihrem Erscheinungsbild unverändert.


Sovereign (Australien, Münzstätte Sydney, 1910, 917er Gold, 8,0 Gramm, 22 mm) – Bildquelle: Numismatic Guaranty Company.


Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Einlösung von Banknoten in Gold nicht nur in Großbritannien suspendiert, sondern auch in Australien. Über 400.000 Australier kämpften mit den Alliierten gegen Deutschland und die Türkei. Um die hohen Kriegskosten zu decken, mussten zusätzliche Banknoten ausgegeben werden. Obwohl die Ausfuhr von Gold in dieser Zeit verboten wurde, war die Einfuhr erlaubt. Das im Land geförderte Gold konnte ebenso wie das importierte zu Sovereigns verprägt werden. Zwischen 1914 und 1918 entstanden in den drei australischen Münzstätten auf diese Weise über 40 Millionen frische Sovereigns. Der Goldwert des Pfundes blieb erhalten. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Golddeckung des australischen Pfundes von 25 Prozent konnte eingehalten werden. Die auch nach dem Krieg weiter geprägten Sovereigns dienten jedoch vor allem als Währungsreserve. Sie kamen nicht in den regulären Umlauf:

„Das Verbot der australischen Goldexporte, das im Juli 1915 verhängt worden war, wurde im Februar 1922 bestätigt und erst im April 1925 aufgehoben.“ (4)

Welchem Zweck die im November 1921 auf der Sonoma transportierten Goldmünzen dienten, ist nicht überliefert. Es muss jedoch angenommen werden, dass für sie eine besondere Genehmigung zur Bezahlung von Gütern vorlag.

Sovereign (Australien, Münzstätte Sydney, 1921, 917er Gold, 8,0 Gramm, 22 mm) – Bildquelle: Sovereign Rarities.


Dietmar Kreutzer


Quellenangaben:

  1. Diane Johnson: Dashiell Hammett; Zürich 1985, S. 54.

  2. Vorwort zu Dashiell Hammett: Ausgewählte Detektivstories; Zürich 1976, S. 15.

  3. Sonoma Gold Robbery: The Detailed Story; in: Queensland Times, 13. Januar 1922, S. 6.

  4. C.G. Fain: The development of monetary institutions in Australia from federation to the second World War; Discussion paper 227, Canberra 1990, S. 12.

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