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Berliner Bürgerchronik: Die Inflation im Siebenjährigen Krieg

Der Berliner Bäckermeister Johann Friedrich Heyde (1703–1790) führte zeitlebens eine Art von Tagebuch über alle ihm bedeutsam erscheinenden Ereignisse. Besonders wichtig war ihm der Getreidepreis. Über das Jahr 1732 schrieb er zunächst, dass sein erster Sohn geboren wurde. Gleich im Anschluss heißt es: „Der Roggen gilt 12 Groschen, der Weizen 1 Taler.“ [1] Für den Numismatiker von besonderem Interesse sind die Aufzeichnungen des Bäckermeisters aus dem Siebenjährigen Krieg. Am 29. August 1756 hatte der Krieg mit dem Einmarsch der Preußen in Sachsen begonnen. Nach der Besetzung des Landes folgten erste Siege über die Österreicher und ihre Verbündeten. Doch im Jahre 1759 wurde König Friedrich II. von den verbündeten Truppe der Russen und Österreicher bei Kunersdorf vernichtend geschlagen. Im Jahr darauf besetzten die Russen Berlin. Erst mit dem Tod der russischen Zarin Elisabeth zu Beginn des Jahres 1762 wendete sich das Blatt. Ihr Nachfolger Peter III. schloss überraschend Frieden mit dem fast schon besiegten Preußen. Die Friedrich II. in den Schoß gelegte Rettung gilt als „Mirakel von Brandenburg“.


König Friedrich II. nach der Schlacht von Zorndorf 1758 [Wikimedia, Röchling]


Über das erste Kriegsjahr heißt es in der Chronik des Bäckermeisters, die hier im damaligen Deutsch wiedergegeben wird, ergänzt um nur einige erläuternde Anmerkungen: „1756 hat der Roggen allhier zu Wasser [Wasserweg, d.A.] 1 Taler 14 bis 15 Groschen der Weizen 1 Taler 20 Groschen gegolten, der Roggen so schlecht am Gewicht gewesen daß 36 Scheffel nicht mehr als 30 bis 31 Scheffel gewogen haben. Dieses Jahr golt der Roggen noch 2 Taler auch drüber mit den Weizen beinahe gleich, bisweilen noch über den Weizen Preis 2 Groschen. […] 1756 den 28ten Augusti marschierte der König mit der ganzen Armee aus den Lande gerades Weges in Sachsen [ein, d.A.], weil die Östreicher abermal einen Einfall drohten durch Sachsen in hiesige Lande, mit Sachsen gemeinschaftliche Sache über uns agieren wollten. Den 1ten Octobris kam es mit der Königlichen Armee in Böhmen zu einer Haupt Bataille wo wir einen herrlichen Sieg erhalten haben, in Böhmen bei Loboschütz, und hat dieses Gefechte von 7 Uhr Morgens bis Abend 4 Uhr. Nach dieser Bataille ergab sich die Sächsische Armee aus ihren verschanzten Lagern und mußte unsern König schwören.“ [2]


Preußen. Friedrich II., halber Friedrichsdor von 1856. 986er Gold, 3,3 g, 21 mm

[Künker, Berlin Auktion 271/95]


Den anfänglichen Siegen der Preußen folgten jedoch im Laufe der folgenden Jahre zahlreiche Niederlagen. Die hohen Kosten des Krieges führten zur Inflation. Im Jahre 1762 notierte Johann Heyde: „Mit Anfang dieses Jahres galt der Roggen 3 Taler 6 bis 12 Groschen, der Weizen 4 Taler 5 bis 6 Groschen, die Gerste 2 Taler 12 Groschen in Berlin auf dem Markt. […] Auch ist zu merken daß jetzo in den Krieges Unruhen ein Ducaten gelt 6 Taler 12 Groschen, ein Friedrichsdor 10 Taler 12 Groschen. Auf brandenburgische Münze giebet man auf 100 Taler 3 bis 45 Taler Agio. Desgleichen sind die Lebensmittel sehr teuer: 1 Pfund Butter 10 Groschen, 1 Pfund Licht 8 Groschen, 1 Mandel Eier 7 bis 8 Groschen […] So ist alles nach atvinant [im Vergleich zu früher, d.A.] 3 und 4mal so teuer wegen der Münze.“ [3] Damit weist Johann Friedrich Heyde auf die Münzverschlechterung hin, mit der die Kriegskassen gefüllt wurden. König Friedrich II. hatte zahlreiche Münzstätten an Münzunternehmer verpachtet, die den Gehalt der Münzen an Edelmetallen absenkten. Statt 14 Taler aus der Mark Feinsilber zu 233,9 g wurden im Jahre 1761 bereits 40 Taler geschlagen.


Preußen-Sachsen. Friedrich II., 1/24 Taler von 1760. Billon, 1,9 g, 21 mm. Mzst.: Leipzig

[MA-Shops, Münzenhandlung Raffler]


Im Jahre 1763, in welchem der Frieden von Hubertusburg geschlossen wurde, zeigten sich die Auswirkungen der Münzverschlechterung in voller Härte: „Das böse Geld war noch bis dato im Gange wodurch die Lebens Mittel immer in höhern Preis stiegen. Ein alt Huhn kostet jetzt 1 Taler 12 bis 14 Groschen, 1 Pfund Butter 18 bis 20 Groschen, 1 Pfund Licht 16 bis 18 Groschen, 1 Metze Erbsen 20 Groschen, Bohnen dito, Grauben 1 Taler 2 Groschen. Fleisch war diese Oster Ferien fast nicht zu bekommen. […] 1763 den 1ten Juni ging der Geld Krieg an und kam ein Königliches Münz Edict zum Vorschein nach welchen die sächsischen Münz Sorten leider regulieret wurden. Ein 8 Groschen Stück [gilt] 4 Groschen 6 Pfennige, ein 2 Groschen Stück [gilt] 10 Pfennige, ein Groschen Stück 5 Pfennig. [Für] 113 Taler [in] sächsische 1 Groschen Stücken bekam man nicht mehr als 50 Taler brandenburgische 1 Groschen Stücken. Hieraus ist zu schließen was jetzo der Bürgerstand leidet. Vor ein sächsisches 6 Pfennig Stück wollte kein Mensch 1 Pfennig geben.“ [4]


Preußen. Friedrich II., Dritteltaler von 1774. 666er Silber, 8,4 g, 30 mm [Numista, smy77]


Durch den schrittweisen Ersatz des minderwertigen Geldes durch vollwertiges zu 14 Talern aus der Mark Feinsilber verlor Bäckermeister Johann Friedrich Heyde fast 1400 Taler: „Der Nachwelt zur Erinnerung von vor angeführte Münze. Ich habe vor 2293 Taler sächsische zu dieser Zeit in währenden 6 ½ jährigen Kriege geprägte 1 Groschen, 2 Groschen auch 8 Groschen Stücke bekommen leichte brandenburgische 1 Groschen Stücke 908 Taler. Hieraus wird die Nachwelt erkennen was das brandenburgische Land jetzo verloren. Die koniglichen Abgaben mussten dennoch alle mit schweren Gelde nämlich alter Münze bezahlet werden.“ [5]

Preußens König Friedrich II. konnte seinen Etat mit dieser Reform sanieren. Für den finanziellen Schaden infolge der jahrelangen Manipulation am Gold- und Silbergehalt der Münzen ließ er seine Bevölkerung aufkommen. Bäckermeister Heyde konnte den Verlust recht gut verkraften. Anderen gelang das nicht. Die folgende Wirtschaftskrise in ganz Europa war von einer Welle an Unternehmensbankrotten gekennzeichnet.


Quellen

  1. Der Roggenpreis und die Kriege des großen Königs: Chronik und Rezeptsammlung des Berliner Bäckermeisters Johann Friedrich Heyde (1740–1786). Berlin 1988, S. 27.

  2. Ebd., S. 53ff.

  3. Ebd., S. 92ff.

  4. Ebd., S. 99f.

  5. Ebd., S. 101f.

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