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Ausstellung „Skulptural“ der Kunsthalle Hamburg: „Das war ein dreidimensionales Tetris-Spiel!“

Mit SKULPTURAL. Die neuen Galerien zeigt die Hamburger Kunsthalle erstmals die Gesamtbreite ihrer Skulpturensammlung. Dabei stehen die neu entdeckten Bestände der Skulptur en Miniatur im Vordergrund: Unter den fast 1.000 Ausstellungsobjekten befinden sich etwa 650 Werke der Münz- und Medaillenkunst. Die Dorit & Alexander Otto Stiftung fördert die erstmalige wissenschaftliche, konservatorische und digitale Aufarbeitung der Bestände der Kunsthalle und ihre Präsentation in umfassend sanierten neuen Skulpturengalerien mit insgesamt vier Millionen Euro. Wir sprachen mit Annabelle Görgen-Lammers, der Kuratorin der Ausstellung.


Annabelle Görgen-Lammers

Bildquelle: Hamburger Kunsthalle


Münzen-Online: Wie ist die Sammlung von Münzen und Medaillen hier an der Kunsthalle entstanden?


Annabelle Görgen-Lammers: Die Geschichte der Sammlung ist sehr interessant. Der Ursprung liegt im Übergang der Münzsammlung der Hamburgischen Staatsbank, die im Zuge der Reichseinigung an die im Jahr 1869 gegründete Kunsthalle gegangen ist. Von diesem Erstbestand an Münzen haben wir keinen Katalog. Wir wissen nicht, was da genau in unser Haus gekommen ist. Diese Münzen hatten u.a. einen Schwerpunkt in der Antike. Der Bestand ist dann stückweise ausgebaut worden. Die Entwicklung erfolgte im Hinblick auf zwei Ziele: Einerseits ging es um die Antikenrezeption, die bei der Gründung der Kunsthalle zentral war. Andererseits, und das ist der zweite Schwerpunkt der Sammlung, ging es mit dem ersten Direktor des Hauses um die Entwicklung im 19. Jahrhundert, die Künstlermedaillen.


Münzen-Online: Warum ist das 19. Jahrhundert so stark vertreten?


Annabelle Görgen-Lammers: Unser erster wissenschaftlicher Direktor Alfred Lichtwark hat schon 1886 in seiner Antrittsrede verkündet, dass er auf der Grundlage des Vorhandenen eine Skulpturenabteilung aufbauen will. Sein Angang war damals für Deutschland besonders, nämlich, und zusätzlich zum Ausbau der Werke, international und zeitgenössisch. Mit dieser Ausrichtung ist er unter anderem nach Paris gegangen, hat nach den neusten Entwicklungen in den Ateliers geschaut und wurde begeistert von der französischen Künstlermedaille. Die hat er bei Künstlern wie Oscar Roty und anderen gesehen, mit denen er  vielfach auch Freundschaftschloss. So haben wir einen wunderschönen Entwurf Rotys, den dieser Lichtwark gar gewidmet hat.


Historischer Münzschrank


Display zur 3-D-Darstellung der Münzen


Display zur Beschreibung der Münzen


Münzen-Online: Mit diesen Kontakten ist es ihm gelungen, den Bestand zu erweitern?


Annabelle Görgen-Lammers: Nicht nur das. Er hat auch Freundschaft mit Léonce Bénédite geschlossen. Der war damals Direktor des Musée du Luxembourg, in Frankreich das ältesten Museums für zeitgössischen Kunst. Bénédite und Lichtwark teilten die Leidenschaft für die Künstlermedaille. Beide sammelten sogar parallel diese neusten Entwicklungen in der Medaillenkunst. Deswegen habe ich eine Kooperation mit dem Musée d'Orsay angeregt, das die Bestände des Musée du Luxembourg übernommen hat. Durch die Freundschaft der beiden ersten Direktoren ergab sich der Schwerpunkt der Künstlermedaille. Lichtwark ergänzte so den Münzbestand der Kunsthalle um dieses Medium, das für ihn zur Grundlage und zu einem Teil der im Aufbau befindlichen Skulpturenabteilung wurde.


Münzen-Online: Welche Art von Medaillen hat er vorzugsweise gesammelt?


Annabelle Görgen-Lammers: Er hat Künstlermedaillen gesammelt, zum Beispiel von Jean-Baptiste Carpeaux. Für relativ günstiges Geld hat er sie an die Kunsthalle geholt. Er erwarb auch Entwürfe und Zeichnungen von Medailleuren und Bildhauern. Deswegen verfügen wir nicht nur über fantastische Medaillen, sondern auch über Vorzeichnungen dazu, die kein anderes Museum hat. Lichtwark hat damit den Ansatz des Museums ganzheitlich gedacht, also unter Berücksichtigung aller Medien.


Münzen-Online: Inwieweit spielte die Numismatik in seinem Ansatz eine Rolle?

 

Annabelle Görgen-Lammers: Wir sind kein numisatisches Museum, auch kein archäologisches oder stadthistorisches Museum. Wir sind ein Kunstmuseum. Der Kunsthistoriker Lichtwark richtete daher einen künstlerischen Blick auf diese kleinsten Skulpturen, wollte diesen Blickwinkel den Besuchenden des Museums vermitteln. Deswegen war es für ihn konsequent, von der Münze über die Medaille, die damals einen großen Aufschwung nahm, hin zur Skulptur zu kommen. Das hat auch geklappt. Auf den Kleinstobjekten aufbauend, hat er dann 1891 die Skulpturenabteilung begründet und in seinen ersten Amtsjahren über 1.000 Medaillen und 150 große vollplastische Skulpturen für die Sammlung erworben. So zeigen wir im Kabinett zur Sammlungsgeschichte exemplarisch neben einer Medaille von Jean-Baptiste Carpeaux eine vollplastische Skulptur des Künstlers, die Lichtwark aus Anlass der Begründung der Sammlung seinen Ansatz „von der zweiten zur dritten Dimension“ entsprechend von Hamburger Förderern geschenkt bekommen hat.


Vitrine zum Thema Schrift:

Auflösung einer abgekürzten Umschrift (Mitte, oben)


100 Francs (Monaco, Gold, 1882-1886):

Vom Porträt zur Münze


Vitrine zum Thema Kult & Mythos

mit Bodenspiegel zur Wiedergabe der Rückseiten


Münzen-Online: Über wieviel Münzen und Medaillen verfügen Sie insgesamt?


Annabelle Görgen-Lammers: Die Sammlung umfasst ungefähr 3.000 Münzen, vorrangig aus der Antike, und 2.000 Medaillen, vorrangig des 19. Jahrhunderts und dabei wiederum vorrangig französische. Das sind unsere beiden Schwerpunkte, die aus der Geschichte der Sammlung, mit dem künstlerischen Ansatz von Lichtwark heraus, zu verstehen sind. Gustav Pauli, sein Nachfolger, hat diese beiden Schwerpunkte weiterentwickelt, indem er sie verstärkt verbunden hat: Er hat sie ergänzt um chronologische und mediale Zwischenschritte, erwarb so auch Stücke aus den Anfängen der Medaillenkunst. Gesammelt wurde dabei durch die gesamte Geschichte der Kunsthalle nie nach rein numismatischen Kriterien, sondern nach rein künstlerischen.

 

Münzen-Online: Wieso stehen ihre Münzen und Medaillen aktuell im Mittelpunkt?


Annabelle Görgen-Lammers: Das Profil in unserem Haus ist einzigartig, weil die Kleinstobjekte der Münzen und Medaillen hier rein künstlerisch gedacht wurden sowie im Kontext aller anderen Gattungen Einzug gehalten haben. Diese Verbindungen und Übergänge zwischen der zweiten der dritten Dimension wollen wir mit der Ausstellung von den Zeichnungen, über die Modelle bis hin zu den ausgegebenen Medaillen und Skulpturen zeigen. Und zugleich arbeiten wir daran unseren Bestand erstmals durch die konsequente digitale Erfassung und Online-Stellung  der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen. Das geschieht auf höchster Ebene. Die dafür genutzte IKMK-Website bietet mit den 78 Datenfeldern, die man zu jedem Objekt ausfüllen muss, sehr gute Voraussetzungen. Dank der Hilfe der Dorit & Alexander Otto Stiftung können wir also diesen Bestand erstmals konsequent inventarisieren, digitalisieren und präsentieren. Er war über 150 Jahre an sechs Stellen im Depot gelagert, in Schränken, die zum Teil aus der Zeit  von Lichtwark stammen.

 

Münzen-Online: Hat das Forschungsprojekt die Ausstellung Skulptural vorbereitet?


Annabelle Görgen-Lammers: Es begleitet sie auch. Die Fördergelder haben wir aquirieren können auf Grundlage meines Konzeptes einer Ausstellung, wie sie nur in einem Kunstmuseum entwickelt werden kann: Es zeigt die Münzen und Medaillen als Teil und Grundlage der Skulpturen-Sammlung. Dabei spielten die Ideen und Mittel für die Präsentationsform eine wichtige Rolle. Schon Lichtwark sagte, nah herangebracht ans Auge, eröffnen Medaillen eine ganze Gemäldegalerie. So ließ er eigene Sitzvitrinen entwerfen, die wir nun in moderner Form weiterentwickelt haben. Wenn man sich darauf einlässt, das wissen sie als Numismatiker am besten, erzählen Münzen und Medaillen unendlich viele Geschichten, sind Fenster in die Geschichte. Da öffnen sich Welten, auch ikonografisch! Wir haben hier im Jahr rund 400.000 Besucher. Wir wollen dieses Medium verführerisch für sie alle präsentieren. Dafür haben wir neben der Entwicklung ganz besonderer, individueller Display-Elemente z.B. auch 3-D-Scans von einzelnen Stücken gemacht, haben Apps entwickelt, mit denen man bedeutende Objekte spielerisch erkunden kann, beispielsweise der Athena, die hier auch als Statue steht. Wir haben versucht, Brücken zu schlagen von der Antike zu den zeitgenössischen Kunstwerken.


Medaille zur Wahl von Puis X. (1903)

mit 62 gestaffellten Kardinälen im Randfeld


Goldenes Thronjubiläum von Königin Victoria

Medaille von Anton Scharff (1887)


Juliette Massenet

Versilberte Bronzemedaille von Henri Chapu (1888)


Münzen-Online: War es schwierig, die Grundstruktur der Ausstellung zu entwickeln?


Annabelle Görgen-Lammers: Eine schöne Herausforderung. Ein Auslöser für meine Entwicklung des Forschungs- und Digitalisierungsprojektes, welches u.a. zur Ausstellung führen sollte, war ein davor liegendes Ausstellungsprojekt, das des „Transparenten Museums“. Hier stellte ich kuratorisch Fragen ans Publikum zu Hintergründen der Museumsarbeit. So zeigten wir einen der mit Münzen und Medaillen gefüllten Schränke, die im Depot standen, für die jedoch niemand zuständig war. Wir fragten kuratorisch nach ihrer Geschichte, wann sie wie von wem erworben und gezeigt wurden und in welchem Kontext sie im Kunstmuseum stehen.  Wie es vielleicht häufig ist, soll derjenige, der die Fragen stellt, auch für Antworten sorgen. Ich konnte zeigen, wie sehr diese Bestände für Lichtwark Teil und Grundlage der 1891 begründeten Skulpturen-Abteilung waren und wurde vor drei Jahren zuständig gemacht für den Bereich der Münzen und Medaillen, Reliefs, drr Skulpturen und Plastiken unseres Hauses.


Münzen-Online: Die Ausstellung ist also aus den Tiefen des Kellers heraus entstanden?

 

Annabelle Görgen-Lammers: Wir hatten die 6.000 Kleinstobjekte im Keller liegen, die noch niemand konsequent gesichtet, erfasst oder gar – über die numismatische Erfassung hinaus - in ihren so spannenden Kontexten zu anderen Medien der Sammlung reflektiert hat. Zunächst habe ich die Konzepte entwickelt für die Ausstellung sowie die Schritte, die dahin führen. Damit sind wir an die Dorit- und Alexander-Otto Stiftung herangetreten. Dankenswerterweise konnte die Stiftung nachvollziehen, dass wir im Museum nichts unbestimmt, ungeprüft, ungereinigt und unerfasst zeigen können. So also konnten wir erstmal ein Forschungsprojekt starten, wofür ich für diesen Gesamtbestand wiederum zunächst eine räumliche, digitale und personelle Infrastruktur aufbauen musste. Wir haben uns dann in kürzester Zeit eine Übersicht über die Bestände verschafft, haben die ersten Konvolute bestimmt, umgelagert, gereinigt und digitalisiert.


Münzen-Online: Über diese Vorstufen sind sie dann zur Ausstellung gekommen?


Annabelle Görgen-Lammers: Auf Grundlage des Verständnisses der Sammlung der Münzen, Medaillen und Skulpturen habe ich weitergehende Ideen entwickelt zu medialen, sammlungshistorischen sowie ikonographischen Fragestellungen, die dem Bestand und seinen besonderen Kontexten im Haus gerecht werden und die allgemein interessieren könnten.  Dazu gehörte der Aufbau einer Raumabfolge, die Suche nach Ausstellungsstücken aller weiterer Medien in allen Abteilungen, um die Themen der Ausstellung zu formulieren. Das erforderte intensive Kenntnis aller Bereiche der Sammlung. Es war ein wunderbarer, kreativer, aber auch sehr intensiver Prozess. Ich habe zudem über 200 Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen beschaffen können, unter anderem um thematisch passend einzelne Spitzenstücke der Münz- Medaillen-, Relief- oder Skulpturenkunst zu ergänzen, beispielsweise eine Dekadrachme mit Bildnis der Athena, die uns für die Argumentation in einer Vitrine fehlte. Das, was hoffentlich gelungen ist, war ein gewissermaßen dreidimensionales Tetris-Spiel!


Interview und Fotos: Dietmar Kreutzer

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