• Dietmar Kreutzer

Die Hamburger Goldmark


Joseph Roth (1894-1939), Autor von Hotel Savoy und Radetzkymarsch. Bildquelle: Terre Promise.

„Die einzige sanierte, billigste Stadt Deutschlands ist Hamburg. Es hat nämlich ein eigenes Geld, die vielgerühmte, vielgesuchte, im besetzten Gebiet an den schwarzen Börsen überzahlte Hamburger Goldmark. Ich hatte sie mit eigenen Augen gesehen, die Hamburger Goldmark, ein kleines Stückchen Papier, von dem unbezweifelbar feststeht, dass die Hamburger Banken für ihren vollen Wert einstehen. Und man weiß in Deutschland und in der Welt, dass die Hamburger Banken gut sind … “ (Joseph Roth, Die sanierte Stadt, in: Orte, Leipzig 1990, S. 75). Sein Reisefeuilleton veröffentlichte der österreichische Schriftsteller im Januar 1924 in einer linksbürgerlichen Tageszeitung.

Die Geschichte der Hamburger Goldmark des Jahres 1923 ist zugleich die Geschichte der deutschen Inflation nach dem Ersten Weltkrieg: „Im Jahr 1922 begann sich die Katastrophe abzuzeichnen. Reichsaußenminister Walter Rathenau bat erfolglos um Zahlungsaufschub für Reparationen aus dem Versailler Vertrag. Flankiert von einer inflatorischen Kreditpolitik der Reichsbank sank der Außenwert der Reichsmark bis Ende August auf 0,0005 Dollar.“ (Dietmar Kreutzer, Deutsche Inflationsmünzen 1922-1923, in: Faszination Münzensammeln, Regenstauf 2017, S. 21).

200.000 Mark (Hamburg 1923, Aluminium, 1 g, 23 mm, 2,5 Millionen Stück Auflage). Bildquelle: Bestcoin.

Noch im gleichen Jahr wurden von der Hamburger Münzprägestätte zwei Notmünzen zu 200.000 Mark und 500.000 Mark ausgegeben. Weitere Notmünzen stellte die Prägestätte für die Hamburgische Bank von 1923 AG, die Gold-Girobank Schleswig-Holstein AG und das Land Bremen her.

Als die Reichsmark im Jahr 1923 ihre Funktion als verlässlicher Wertmesser verloren hatte, kamen erste Ersatzzahlungsmittel auf – das „wertbeständige Notgeld“. Dabei handelte es sich um verschiedene Warenzertifikate und Wertzeichen in Goldmark. Die Oldenburgische Staatsbank etwa gab Sachwert-Gutscheine über Roggen aus, die sogenannte Roggenmark. Andere Gutscheine wurden auf Kartoffeln, Weizen, Margarine, Zucker, Schmalz, Holz, Zündhölzer und Leder ausgestellt. In Teilen des Reiches setzte sich schließlich eine Rechnung mit Feingold-Gutscheinen durch. Insgesamt dürfte wertbeständiges Notgeld in einer Höhe von etwa 700 Millionen Goldmark umgelaufen sein. Die Goldzertifikate, gedeckt über den Goldstandard von Devisenreserven, sind unter anderem bei der Hamburgischen Bank von 1923 ausgegeben worden. Der Wert dieser Goldmark entsprach dem einer Mark aus der Vorkriegszeit. Deren Wert hatte bei 4,20 Dollar gelegen. Für größere Beträge wurden Verrechnungsscheine ausgestellt.

5 Goldmark (Hamburg, 1923). Bildquelle: Heidelberger Münzhandlung, Auktion 60, Los 4736.

Für kleine Beträge gab es Wertmarken zu 1/100 Goldmark, 5/100 Goldmark und 10/100 Goldmark. In Hamburg kursierten Verrechnungsscheine und Wertmarken über einen Betrag von 25 Millionen Goldmark.

5/100 Goldmark (Hamburg, 1923, Aluminium, 1 g, 23 mm, 8,1 Millionen Stück Auflage). Bildquelle: Bestcoin.

Nach Einführung der Goldmark mussten die Geschäftsleute ihre Preistafeln nicht mehr täglich aktualisieren, sondern zeichneten ihre Waren in Goldmark aus. Parallel dazu war die Papiermark noch immer gültiges Zahlungsmittel. Im Oktober 1923 wies die neue Goldmark ein Kursverhältnis von 1 zu 17,264 Milliarden zur Papiermark auf. Der Wert veränderte sich jedoch ständig. Am Ladeneingang hing eine Tafel mit dem aktuellen Kurs. Wollte die Hausfrau den aktuellen Preis in Papiermark ausrechnen, musste sie den ausgezeichneten Betrag mit diesem Wert multiplizieren. Die Existenz zweier Währungen nebeneinander war nicht unproblematisch. Viele Hamburger Händler waren nicht mehr bereit, das entwertete Papiergeld entgegenzunehmen. Wucherer standen vor den großen Geschäften und tauschten entwertete Papiermark zu überzogenen Kursen in Goldmark um. Außerdem stand nicht genügend Wechselgeld in Goldmark zur Verfügung. Dennoch war man stolz, wieder über ein wertbeständiges Zahlungsmittel zu verfügen.

Joseph Roth erlebte die psychologische Wirkung der neuen Goldmark während eines Besuches in der Hansestadt: „Es ist eines der größten Rätsel der Volkswirtschaft, dass die Gruppe hungriger Menschen, von denen kein einziger auch nur einen Hamburger Goldpfennig besitzt, nur deshalb zur Ruhe kommt, weil die Hamburger Goldmark existiert.“ (Ebenda, S. 76). Der österreichische Schriftsteller konstatierte, dass die Hamburger Goldmark fast so gut wie der Sowjetrubel rollte und besser als der zaristische: „Die ältesten Volkswirtschaftler staunen über dieses Wunder.“ (Ebenda). Der Spuk der Inflation endete mit der Einführung der Rentenmark im Deutschen Reich am 15. November 1923. Die neue Mark im Wert einer Billion Papiermark war in verzinslichen, auf Gold lautenden Rentenbriefen einlösbar. Gedeckt war die Rentenmark durch stabile Sachwerte – landwirtschaftlich nutzbaren Grund und Boden. Mit der reichsweiten Ablösung der Mark durch die Rentenmark endete auch das Hamburger Experiment einer regionalen Goldmark.