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Aus öffentlichen Sammlungen. Barbaren-Medaillon nach dem Vorbild des römischen Kaisers Valens

Am 3. August 1797 entdeckten zwei Knaben beim Ziegenhüten unter einem Baum bei Szilágy-Somlyó (heute Simleu Silvanei in Rumänien) einen einmaligen Goldschatz. Er bestand aus einer prächtigen Goldkette, Schmuck und ehemals 17 Goldmünzen bzw. Medaillonen, die sämtlich in einer Fassung eingelassen oder mit einer Öse versehen waren. Drei Stücke wurden entwendet, die übrigen 14 kamen nach Wien ins Münzkabinett. Sie stammen von Maximianus I. (Herculius, 286-305) bis Valens (364-378) und Gratianus (367-383), die beiden schwersten Stücke sind barbarische Nachahmungen nach dem Vorbild des Valens. Das frühmerowingische Amulett der Kette schiebt den Verbergungszeitraum des Schatzes aber in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts.



Doppelseite aus Goldgiganten - Das große Gold der Münze und Medaille; Berlin 2010

Foto: Kreutzer


Der Fund von Szilágy-Somlyó stellt wohl den Kern des Schatzes eines Königshofes der Völkerwanderungszeit des 5. Jahrhunderts dar. Er wurde über mehrere Generationen zusammengetragen und muss für die betreffende Herrscherdynastie die Bedeutung von "Reichskleinodien" gehabt haben. Die Münzen gelangten als diplomatische Geschenke Roms, in Form jährlicher Zahlungen oder als Ehrengabe für die Erfüllung von Bündnisverpflichtungen an die Barbarenfürsten. Sämtliche Münzen und Medaillonedienten als Schmuckstücke, und die nachträglich angebrachten prächtigen und zum Teil massiven Fassungen machten sie noch schwerer und größer. Für die Eliten des Barbaricums hatten diese Stücke die Funktion von sacra insignia, sie waren Mittel zur Darstellung politischer Macht und festigten damit den gesellschaftlichen Status des Besitzers.


Da offenbar Bedarf an solchen Preziosen herrschte, entstanden Imitationen in eigenen Werkstätten, die jedoch immer römische Kaiser nennen. Sie wurden aber nicht geprägt, sondern wohl gegossen und weisen eine enorme Relieftiefe auf. Die Oberflächen sind zur Gänze händisch überarbeitet worden.


In Stil und Bildkomposition unterscheidet sich das Medaillon von regulären römischen Erzeugnissen, einzelne Bildelemente sowie die Legenden sind im Sinne einer interpretatio barbarica frei kombiniert. Der Avers weist in dieser Hinsicht zwar keine Besonderheiten auf, am Revers wäre der Kaiser zu Pferd wohl in Rüstung statt in Toga zu erwarten und in Gegenwart einer Victoria, nicht einer Stadtpersonifikation. Die weibliche Figur im Abschnitt ist verschiedentlich als Tellus (Erdgöttin) interpretiert worden. Es ist unklar, worum es sich bei den fünf Kugeln in ihrem Gewand handelt, es könnten Münzen oder auch Äpfel sein. Die Angabe von Antiochia als (Intendierte) Münzstätte ist insofern stimmig, da sie die Residenz des Valens gewesen ist.


Unser Medaillon ist nicht nur das schwerste Exemplar des Fundes, es ist auch das größte erhaltene Goldmedaillon der Antike. Es ist keine Münze, da es weder als Zahlungsmittel gedacht war noch nach einem bestimmten Gewicht justiert wurde (es wiegt umgerechnet etwa eineinviertel römische Pfund), sondern er wurde tatsächlich lange Zeit als Schmuckstück getragen, wie die Abnutzungsspuren beweisen.


Gold, 412,47 g, 98 mm, 1h. Münzkabinett Wien, Inv. Nr. RÖ 32.481, aus dem Fund von Szilágy-Somlyó


Vs.: DN VALEN - S PF AVG (Dominus Noster Valens Pius Felix Augustus = Unser Herr, Valens, der friedfertige, der glückselige Kaiser). Büste des Valens nach rechts, mit Perlendiadem und Paludament (Mantel) über Kürass (Panzer).

Rs.: GLORIA ROMANORV - M (Zum Ruhme Roms), im Abschnitt: AN (Signatur der Münzstätte Antiochia in Syrien, die gleichzeitig die Residenz des Valens war). Der Kaiser mit Nimbus und in Toga zu Pferd nach rechts, auf eine weibliche Figur mit Mauerkrone und Fackel zureitend, die ihr Gewand rafft; es handelt sich wohl um die Tyche von Antiochia. Im Abschnitt ist eine liegende weibliche Figur mit Füllhorn dargestellt, die fünf Kugeln in ihrem Gewandbausch hält.


Klaus Vondrovec in: Goldgiganten - Das große Gold in der Münze und Medaille; Berlin 2010, S. 171f.

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