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Rasante Verfolgungsjagden: Die Tricks der Gauner von Harlem

Der erste große Kriminalroman von Chester Himes spielt im New York der Fünfziger Jahre. Überall geht es um Dollars. Der einfach gestrickte Jackson, bisher nichts weiter als Kraftfahrer in einem Bestattungsunternehmen, wird in einen Kriminalfall um Falschgeld und vermeintliches Golderz hineingezogen. Ein finsteres Trio aus Mississippi will in Harlem, dem pulsierenden Viertel der Schwarzen, groß abräumen. Der Roman ist nicht nur eine erschütternde Milieustudie, sondern auch ein Lehrstück des monetären Umbruchs: „Hast’n Knochen?“ Die erpresserische Frage des Lumpensammlers traf den Flüchtenden unvorbereitet: „Jackson wollte seine Geldrolle aus der Tasche ziehen, überlegte es sich dann, pellte eine Dollarnote ab und gab sie dem Lumpensammler. Der Lumpensammler betrachtete sie sorgfältig und brachte sie dann unter seinen Lumpen außer Sicht.“[1] Es sollte nicht dabei bleiben: „Haste noch’n Knochen?“ Wieder pellte Jackson eine Dollarnote ab. Der Lumpensammler verstaute den Dollar und schüttelte die Zügel. Jackson fror, war nach der Flucht vor den Polizisten unter Druck. Der Lumpensammler bot dem zitternden Mann einen Schluck aus einer Flasche mit billigem Fusel: „Haste noch’n Knochen?“ Schon zum dritten Mal hatte der Mann ein Schweigegeld von ihm gefordert! Zähneknirschend drückte der Gehetzte ihm Geld in die Hand: „Jackson häutete seine Rolle um eine weitere Dollarnote, reichte sie dem Lumpensammler, nahm die Flasche und setzte sie an den Mund. Seine Zähne klapperten auf dem Flaschenhals. Der Fusel brannte in seiner Kehle, kochte in seinem Magen. Aber es wurde ihm nicht besser davon.“[2]


Chester Himes (1909–1984) [Nationaal Archief, Merk]


USA, Dollarnote mit blauem „Silberzertifikat“ von 1957 [Delcampe]


Waren es in den Romanen der Vorkriegszeit die Silberdollars, die von Hand zu Hand gingen, richtete sich das Augenmerk nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Dollarnoten. Die Gründe dafür sind leicht nachzuvollziehen. Nach dem „Silver Purchase Act“ von 1934 war das Schatzamt der Vereinigten Staaten verpflichtet, ein Viertel seiner Edelmetallreserven in Silber zu halten. Die Regierung startete ein riesiges Silber-Ankaufprogramm. Die Prägung von Silberdollars wurde eingestellt. Der Jahrgang 1935 war der letzte, in dem Silberdollars für den Umlauf hergestellt wurden. Dollarnoten ersetzten die fehlenden Münzen. Bald lief nur noch Silbergeld in kleineren Wertstufen um. Das war auch noch zu der Zeit so, in welcher der Kriminalroman von Chester Himes spielt. Mit der Hauptfigur Jackson betritt der Leser bald eine Spielhölle in der 126th Street, in der gewürfelt wurde: „Die Würfelspieler drängten sich im grellen Schein einer Hängelampe mit grünem Schirm um den Tisch. Der Croupier stand auf der einen Seite des Tisches. Er hatte die Würfel und die Wetten unter sich. Ihm gegenüber saß der Geldwechsler auf einem hohen Hocker, wechselte Banknoten gegen Silbermünzen ein und zog den Gewinnanteil der Bank ein. Auf alle Einsätze bis zu fünf Dollar nahm er fünfundzwanzig Cents, auf Einsätze über fünf Dollar fünfzig Cents.“[3] Zu dieser Zeit wurden halbe Dollars noch aus Silber geprägt, ebenso Kleingeld zu einem Vierteldollar sowie zehn Cents.


USA, Half Dollar von 1958. 900er Silber, 12,5 g, 31 mm [Bullionsharks]


Als nächstes begegnet der Leser einer seltsamen Nonne, die von Freunden nur Goldy genannt wurde: „Spendet dem Herrn, spendet den Armen“, bettelte diese vor einem Kaufhaus in singendem Ton. Sie war vor allem auf Silbergeld aus, nicht auf kupferne Cents. Eine Frau blieb vor der Barmherzigen Schwester stehen und warf drei Centstücke in die Büchse. Goldys engelhaftes Lächeln wurde sauer: „Sei gesegnet, Mütterchen, sei gesegnet. Wenn drei kleine Pennies alles ist, was der Herr dir wert ist, dann sei gesegnet.“[4] Die dunkelbraune Haut der Passantin wurde purpurrot. Sie wühlte nach einem Zehn-Cent-Stück. Einigen besonders Leichtgläubigen nannte Goldy eine Zahl aus der Offenbarung des Johannes, die als Weissagung der Lottozahlen begriffen wurde: „Lasst ihn, der es begreift, die Zahl der Bestie zählen […] und seine Zahl ist sechshundertsechzig und sechs.“[5] Einige Passanten ließen daraufhin halbe Dollars und Quarters in die Sammelbüchse fallen und stürmten zum nächsten Lottogeschäft, um auf 666 zu setzen. Auch Jackson und ein Betrüger kamen an der frommen Schwester vorbei. Als Jackson seine Rolle mit Dollars aus der Tasche ziehen wollte, hielt ihn sein Begleiter zurück: „Halten Sie ihr Geld verborgen, Jackson, ich hab Kleingeld.“[6] Er zog einen halben Dollar aus der Tasche.


USA, Quarter Dollar von 1957. 900er Silber, 6,2 g, 24 mm [Professional Coin Grading Services]


Chester Himes, der Autor des Romans, kannte die Verhältnisse im Harlem der Fünfziger Jahre sehr genau. Himes kam aus relativ einfachen Verhältnissen, hatte nach der Schule in einem Hotel von Cleveland eine Stellung als Laufbursche angenommen. Mit 19 Jahren geriet er jedoch in kriminelle Kreise. Im Jahr 1928 wurde er nach einem bewaffneten Raubüberfall zu einer 20-jährigen Gefängnisstrafe bei harter Arbeit verurteilt. Im Staatsgefängnis von Ohio begann Chester zu schreiben; 1945 erschien sein erster Roman. Berühmt wurde er mit seinen realistischen Kriminalromanen um zwei schwarze New Yorker Polizisten.


Für „A Rage in Harlem“ (dt. Die Geldmacher von Harlem, 1957) erhielt er als erster US-Amerikaner den renommierten französischen Krimipreis „Grand prix de littérature policière“. Die Süddeutsche Zeitung nahm das sozial engagierte, atemberaubend spannende Buch unlängst in den Kanon der 50 bedeutendsten Kriminalromane aller Zeiten auf. Die flotten Sprüche aus dem Milieu der Prostituierten von Harlem sind sogar für Numismatiker interessant: „Lass dich von dem nich einschüchtern“, sagte eine New Yorker Bordsteinschwalbe zu Jackson. Und eine andere: „Der Lumpenkerl hat keine zwei blanken Nickel, seit Jesus geboren wurde.“[7] Als „Nickel“ wird ein Fünf-Cent-Stück bezeichnet.


USA, Nickel von 1957. Kupfer-Nickel, 5,0 g, 21 mm [Professional Coin Grading Services]


Anmerkungen

  1. Chester Himes, Die Geldmacher von Harlem; Frankfurt/Main 1962, S. 106.

  2. Ebd., S. 107.

  3. Ebd., S. 25.

  4. Ebd., S. 33.

  5. Ebd., S. 46.

  6. Ebd., S. 75.

  7. Ebd., S. 70.

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