Numismatischer Zwischenstopp in Tirana
- Dietmar Kreutzer

- 30. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Nov. 2025
Vom Papier kannte ich Albanien wie meine Westentasche. Ich hatte ja Karl May gelesen. Und der hat seinen Helden Hadschi Halef Omar ins "Land der Skipetaren" geschickt! In der türkischen Privinz galt 1892, also im Erscheiningsjahr des Romanes, das Goldpfund zu 100 Piaster. In einer Stelle im Buch zählte Halef seinen Schützlingen Anka und Janik jeweils zehn Goldmünzen in die Hand. Die Summe entsprach im Kaiserreich zwischen 180 und 190 Mark. Halef fragte: "Wisst Ihr ach, was Aktsche baschy ist?" Nein, antwortete Janik. Halef erklärte: "Aktsche baschy ist der Betrag, um welchen das Gold mehr wert ist als das Silber. Das ist jetzt acht auf das Hundert. Wenn ihr Euch ein solches Goldstück wechseln lasst, so müsst Ihr für die hundert Piaster Gold hundertacht Piaster in Silberstücken bekommen. Merkt Euch das, denn es beträgt achtzig Piaster für Euch beide." (1) Es ging um das sogenannte Gold-Agio, also den Mehrwert des Goldes gegenüber einem gleich hohen Betrag, der in Silbermünzen ausgezahlt wurde.

Der Autor an der albanischen Grenze
Foto: Geisenhainer
Albanien war mir jedoch nicht nur aus seiner Zeit als türkische Provinz durch die Bücher von Karl May bekannt. Vor einigen Jahren hatte ich für die MünzenRevue einen Artikel über die Erben des Fürsten Skanderbeg geschrieben, unter dem Titel Hochstapler, Besatzer und Diktatoren. Vordergründig ging es um die Münzen des 1912 gegründeten Staates Albanien. Auf Ihnen war häufig Ahmet Zogu abgebildet, ein Politiker, der sich 1925 zum König ausrufen ließ. Kredite aus Italien hielten das Land zu dieser Zeit wirtschaftlich am Leben. Selbst die Münzen kamen von dort: "Der Frang Ar zeigte einen behelmten Götterboten sowie den Bug einer Galeere. Auf der Silbermünze zu zwei Franga Ari prangt ein nackter Adonis, der die Saat ausbringt. Der Revers der höchsten Wertstufe zu 100 Franga Ari zeigt einen Streitwagen nach dem Vorbild eines makedonischen Staters aus der Zeit Philipps II. (2) Entworfen wurden die Stücke vom Bildhauer Giuseppe Romagnoli und seinem Graveur Attilo Silvio Motti. Von den beiden stammen auch die Münzen des Königreichs Italien aus der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Skanderbeg-Platz in Tirana
Foto: Kreutzer

Hochhaus neben sozialistischen Plattenbauten
Foto: Kreutzer
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Kommunisten die Macht. Während einer Kulturrevolution nach chinesischem Vorbild wurden alle Kirchen geschlossen, Regimegegner in Lager gesperrt. Staats- und Parteichef Enver Hoxha überwarf sich zunächst mit dem Nachbarland Juoslawien, dann mit der Sowjetunion und schließlich auch mit China. In den 1980er Jahren war das Land dann völlig isoliert. Nun im Herbst 2025 hatte ich endlich die Möglichkeit, Albanien zu besuchen. Das aufstrebende Land ist von großen Gegensätzen zwischen neu erworbenem Reichtum und bitterer Armut geprägt. Während sich in den größeren Städten aktuell eine wohlhabende Oberschicht herausbildet, fehlt es in manchen Bergdörfern bis heute am nötigsten. Der Aufenthalt in Tirana hinterließ bei mir den stärksten Eindruck. Der zentrale Skanderbeg-Platz ist von sozialistischen Repräsentationsbauten und neuen Hochhäusern umstellt. Eins von ihnen ist nach dem Porträt des Nationalhelden Skanderbeg modelliert. Nach Süden wird der schon im Königreich geplante Boulevard der Märtyrer der Nation von neoklassizistischen Regierungsbauten flankiert. Gleich nebenan steht die 1988 erbaute Pyramide von Tirana. Heute ein Kulturzentrum, zeigte sie früher auf drei Etagen das Leben des 1985 gestorbenen Diktators Hoxha.

Pyramide von Tirana
Foto: Kreutzer
Einen eher bedrückenden Eindruck hinterließ das Bunk'art Museum, ein riesiger Atomschutz-Bunker im Regierungsviertel. Äußerlich sieht er wie ein Iglu aus, unterirdisch gibt es endlose Zimmerfluchten. Die Räume für die Politprominenz sind mit Holztäfelung versehen. Von 1972 bis 1983 hatte der paranoide Kommunistenführer Hoxha aus Angst vor einer ausländischen Invasion etwa 173.000 solcher Bunker im ganzen Staat errichten lassen. In den unterirdischen Räumen ist eine Ausstellung über seinen einstigen Polizeistaat zu sehen. Das Gemäuer lässt Erinnerungen an den einstigen "Führerbunker" in Berlin wach werden. Nach einem längeren Rundgang durch die wenig anheimelnde Innenstadt wollte ich mich an einem Imbissstand mit einem Hot Dog stärken. Der Euro wird hier neben der Landeswährung Lek weithin akzeptiert. Ich reichte dem Händler eine Banknote zu zehn Euro. Als Wechselgeld bekam ich keine Euro-Münzen, sondern vier Banknoten im Wert von jeweils 200 Leke heraus. Es handelte sich um Scheine im Wert von zwei Euro. Münzen gibt es nur bis zu einem Wert von einem Euro. Die Stücke aus Bimetall ähneln unseren Euro-Münzen. Ein Euro wird zurzeit in etwa 100 Leke gewechselt. Die kleinste Münze zu einem Lek hat den Wert eines Euro-Cents. Sie wird allerdings im Alltag kaum noch genutzt.

100 Franga Ari (Albanien, 1926, 900er Gold, 32,3 Gramm, 35 mm)
Bildquelle: NumisCorner

100 Leke (Albanien, 2000, Bimetall, 6,7 Gramm, 25 mm)
Bildquelle: NumisCorner
In der Hauptstadt und an den großen Badeorten kann man teilweise mit Karte zahlen. In den kleineren Städten und auf dem Land ist zumeist nur Barzahlung möglich. Sogar für Ferienwohnungen und ein Essen im Restaurant ist dort in der Regel Bargeld erforderlich. Je abgelegener die Ortschaft, desto geringer ist zudem die Akzeptanz des Euro. Albanische Banknoten lassen sich am besten an Geldautomaten ziehen, die es in allen Städten gibt. Erforderlich ist eine Kreditkarte von Visa oder Mastercard. Die örtliche Gebühr für eine Abhebung liegt bei fünf bis sieben Euro. Es empfiehlt sich also, einmalig eine größere Summe abzuheben. Der Umtausch ist ebenso gut in einer der "Dollarstraßen" möglich. Das sind die Straßen der größeren Städte, in denen es gleich mehrere Banken jund offizielle Wechselstuben gibt. Derzeit sind Banknoten mit Nennwerten von bis zu 10.000 Leke im Umlauf.
Dietmar Kreutzer
Quellenangaben:
(1) Karl May: Das Land der Skipetaren; auf: projekt-gutenberg.org
(2) Dietmar Kreutzer: Hohstapler, Besatzer und Diktatoren - Die Erben des Fürsten Skanderbeg; in MünzenRevue, Heft 4/2016, S. 150




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