• Dietmar Kreutzer

Mittelfristige Perspektiven: Der Preis des Goldes



Im Jahr 1980 erreichte der Goldpreis einen ersten Höchststand, im Jahr 2011 ein zweites Allzeit-Hoch. Bildquelle: Wikimedia, Realterm.

Seit dem 2. Halbjahr 2019 zog der Goldpreis von etwa 1.300 Dollar auf deutlich über 1.600 Dollar pro Unze an. Anleger und Münzsammler fragen sich seither, ob das Edelmetall damit überbewertet ist. Lohnt sich der Kauf von Barren oder Münzen jetzt überhaupt noch?

Um die Frage beantworten zu können, muss zunächst festgestellt werden, welcher Preis für eine Unze Gold objektiv gerechtfertigt ist. Schaut man sich an, zu welchen Preisen das Edelmetall in den zurückliegenden Jahrzehnten gehandelt wurde, ergeben sich viele Fragezeichen. Jahrzehntelang galt der infolge des Abkommens von Bretton Woods von 1944 staatlich fixierte Goldpreis von 35 Dollar pro Unze. Mit der vollständigen Freigabe des Goldpreises im August 1971 kam es zu einer Hausse: „Am 3. September 1973, als die Regierung Libyens die Annahme von Dollars für ihr Öl einstellte, betrug der Goldpreis 130 Dollar die Unze und ein Jahr später 197. Es gab große Preisschwankungen, denn Spekulationsgewinne setzen ja ein ständiges Auf und Ab voraus. Aber der Trend blieb steigend, und wenn die Unze am 2. Januar 1979 in London 300 Dollar kostete, so am ersten Geschäftstag 1980 mit 600 genau das Doppelte und am 15. Januar 1980 mit 835 Dollar für die Unze Gold das rund Vierundzwanzigfache der Bretton-Woods-Parität von 1944.“ (Anton Zischka, Der Dollar, München 1986, S. 291f.). Danach ging es jedoch jahrelang bergab. Das Vertrauen in den Dollar kehrte zurück. Mehrere Zentralbanken begannen sich von ihren Goldreserven zu trennen. Der Boom der New Economy (nicht auf Warenproduktion, sondern auf Dienstleistungen, insbesondere webbasierte Dienste, ausgelegt) ließ andere Investments wesentlich attraktiver erscheinen.


Doch im Jahr 2000 platzte die New-Economy-Blase. Die Börsenkurse fielen. Terroranschläge sowie die Immobilien- und Staatschuldenkrise taten ein Übriges. Eine Renaissance des Goldes als alternatives Anlageinstrument setzte ein. Auf muenzen-online zeichnete der Autor des vorliegenden Blog-Beitrages den Wandel nach: „Zwischen 2001 und 2011 stieg der Goldpreis infolge dieser Entwicklungen auf einen Schwindel erregenden Rekordwert von zuletzt 1.920,65 Dollar. Mit dem Abebben der Staatsschuldenkrise ermäßigte sich der Preis im April 2013 auf 1.500 Dollar, fiel im Dezember 2015 sogar auf 1.051 Dollar zurück. Ob der momentan für Gold angezeigte Preis einigermaßen realistisch ist, lässt sich schwer einschätzen. Der Ökonom Roy W. Jastram behauptete 1977 anhand von Untersuchungen, dass es auf lange Sicht eine „goldene Konstante“ gäbe. Auf Zeiten der Hausse folgten anhaltende Phasen der Baisse. Fachleute halten derzeit einen Preis von ca. 1.000 Dollar pro Feinunze für gerechtfertigt.“ (Dietmar Kreutzer, Verlustserie am Goldmarkt, muenzen-online, 6. Juli 2018).


Wegen der hohen Förderkosten ist die Produktion in Südafrika drastisch zurückgegangen. Bildquelle: Flickr, Money Metals.

Angesichts der jüngsten Schwankungen am Goldmarkt gilt es nun, diese über den Daumen gepeilte Einschätzung auf ihre Belastbarkeit hin zu überprüfen. Im Jahr 1936 schrieb der legendenumwobene Schriftsteller B. Traven seinem Caoba-Zyklus den Roman Trozas. Darin ist der Satz enthalten: „Der hohe Preis des Goldes findet seine Begründung in der Seltenheit dieses Metalls und den Mühen, es zu gewinnen.“ (B. Traven, Trozas, München 1974, S. 220). Mit dieser simplen Aussage hat er im Prinzip recht. Was Gold von anderen Waren unterscheidet, ist die immense Arbeit, die in ihrer Gewinnung vergegenständlicht wird. Der Aufwand für die Förderung ist in den zurückliegenden Jahrzehnten sogar gestiegen: „Man geht zu ärmeren Erzen und tieferen Schächten über, und es gibt größere Schwierigkeiten mit dem Einsatz leistungsfähiger Technik. Das alles bedeutet, dass die Produktionskosten allgemein steigen und hohe Grenzkosten entstehen, die im Zentrum der Goldpreisbildung liegen.“ (Andrej Anikin, Gold, Berlin 1987, S. 309).


Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends haben sich die sogenannten Cashkosten der Produktion verdreifacht. Seit 2013 werden nicht mehr die alleinigen Cashkosten der Herstellung berechnet, sondern die All In Sustaining Costs (AISC). Sie berücksichtigen auch die Verwaltungs- und Instandhaltungskosten der Erzeuger sowie die Explorationskosten. Diese Bruttokosten haben inzwischen einen Durchschnittswert von 900 Dollar pro Unze erreicht.


Der seit 1982 geprägte Panda hat inzwischen den Anlage-Klassiker Krügerrand verdrängt. Bildquelle: Flickr, Money Metals.

Um eine einigermaßen zufriedenstellende Rendite zu erreichen, ist also ein Goldpreis von deutlich über 1.000 Dollar je Unze erforderlich. Verharrt der Goldpreis für längere Zeit auf einem relativ niedrigen Niveau, wird die Produktion „auf Verschleiß“ gefahren. Unrentable Gruben müssen schließen. In Südafrika, wo die Schächte inzwischen bis in eine Tiefe von 4.000 m reichen, ist sogar ein Goldpreis von 1.200 Dollar für einen wirtschaftlichen Betrieb zwingend erforderlich. Verharrt der Goldpreis für längere Zeit auf einem relativ hohen Niveau, können auch weniger ertragreiche Vorkommen ausgebeutet werden. Das in den vergangenen Jahren gängige Preisniveau von knapp 1.300 Dollar pro Unze war für viele Erzeuger in Nordamerika und Australien einigermaßen gut auskömmlich. Das zeigen die Produktionssteigerungen auf bis zu 3.500 t weltweit im Jahr 2018. Jedoch sind inzwischen alle vielversprechenden Vorkommen erschlossen worden. Die Förderkosten müssen also Schritt für Schritt steigen. Geht man davon aus, dass die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gleich bleiben, wird man Andrej Anikin beipflichten müssen: „Aus allem Gesagten ergibt sich der Schluss, dass eine Erhöhung des in Dollars ausgedrückten Goldpreises aus mittel- und langfristiger Sicht unvermeidlich ist und sehr wahrscheinlich auch die Kaufkraft des Goldes steigen wird.“ (Ebenda, S. 311). Ein Goldpreis, der in den nächsten Jahren oberhalb von 1.300 Dollar pro Unze verharrt, ist also sehr wahrscheinlich.