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Mehr als Ausschuss und Kuriosität – Fehlprägungen und Proben als Sammelgebiet

Wer von seltenen Münzen spricht, denkt meist an kostbare Goldprägungen, historische Seltenheiten oder Stücke von außergewöhnlicher Erhaltung. Doch es gibt ein Sammelgebiet, das sich gerade den Unvollkommenheiten widmet: Fehlprägungen. Dieser Begriff hat in den letzten Jahren auf Grund seiner missbräuchlichen Verwendung bezüglich angeblicher Raritäten aus dem Euromünzen-Bereich an Glanz verloren. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, dass echte Fehlprägungen, durchaus ein lohnendes Sammelgebiet darstellen. Neben faszinierenden Einblicken in die Herstellungstechnik von Münzen erzielen solche Stücke Preise, die weit über denjenigen regulärer Ausgaben liegen.


Fehlprägungen können auf unterschiedliche Art entstehen. Schrötlinge können zwischen den Stempeln verrutschen, unvollständig erfasst oder mehrfach geprägt werden. Andere Stücke wurden gequetscht, deformiert oder sind auf sonstige Weise missraten. Streng genommen handelt es sich dabei um Ausschussware – um Münzschrott, der die Qualitätskontrolle unbeanstandet passierte und auf unbekannten Wegen in den Zahlungsverkehr gelangte. Angesichts der Tatsache, dass moderne Münzstätten jährlich Millionen oder gar Milliarden von Geldstücken herstellen, überrascht es kaum, dass gelegentlich einzelne Exemplare den Kontrollmechanismen entgehen.


Los 3189: Römische Republik. Cn. Cornelius Lentulus, 76-75 BC. Denarius. Unbekannte Münzstätte in Spanien. Brockage.

Los 4872: Sachsen-Albertinische Linie. Friedrich August III. (I.), 1763-1827. 

1/48 Taler (1764-1806). Brockage.

Diese Inkusprägungen (engl. Brockages) entstehen, wenn eine bereits geprägte Münze nach dem Prägeschlag nicht ausgeworfen wird, sondern am Stempel haften bleibt. Dieses «festklebende» Stück wirkt beim nächsten Prägevorgang wie ein zusätzlicher Stempel. Dadurch wird der nachfolgende Schrötling nicht von einem regulären Stempel geprägt, sondern von der zuvor geprägten Münze. Das Ergebnis ist eine spiegelverkehrte und vertiefte (inkuse) Abbildung einer Münzseite auf dem neu geprägten Stück.


Gerade diese Zufälligkeit macht den besonderen Reiz solcher Stücke aus. Sie dokumentieren den seltenen Augenblick, in dem ein hochgradig standardisierter Herstellungsprozess versagte. Für viele Sammler stellen Verprägungen deshalb weit mehr dar als bloße Fehlleistungen dar. Sie sind materielle Zeugnisse der Münztechnik und gewähren Einblicke in Vorgänge, die sich normalerweise hinter den Mauern der Prägestätten abspielen. Entsprechend groß ist das Interesse, wenn solche Raritäten im Handel oder auf Münzbörsen auftauchen. Eine solche Gelegenheit bieten die Web Auktionen 42 und 43 der Leu Numismatik AG, in der zwischen dem 27. Juni und dem 1. Juli 2026 eine Auswahl bemerkenswerter Verprägungen und Proben angeboten wird.


Los 4961: Deutsches Kaiserreich. 1 Pfennig, 90%ige Dezentrierung.


Los 5010: Bundesrepublik Deutschland. Seit 1949. 5 Deutsche Mark 1963 D «Heiermann».

10%ige Dezentrierung.

Dezentrierungen gehören zu den häufigsten und zugleich anschaulichsten Fehlprägungen. Sie entstehen, wenn der Schrötling während des Prägevorgangs nicht exakt mittig zwischen den Stempeln liegt. Bei einer regulären Prägung wird der Schrötling durch einen Prägering oder andere Führungselemente exakt zentriert. Befindet er sich jedoch teilweise außerhalb seiner vorgesehenen Position, erfassen die Stempel nicht die gesamte Oberfläche.


Der Prägeschlag erfolgt zwar mit voller Kraft, doch ein Teil des Münzbildes fällt außerhalb des Schrötlings. Auf der fertigen Münze erscheint daher nur ein Ausschnitt des vorgesehenen Motivs.


Los 4368: Ägypten. Husayn Kamil, 1333-1335 / 1914-1917. 10 Milliemes 1335 = 1917. Fehlende Lochung.


Los 5209: Rhodesien (Federation of Rhodesia & Nyasaland). Elizabeth II., 1953-1963. Penny 1963. Dezentrierte Lochung.

Münzen mit vor der Ausgabe vorgesehenen Lochungen sind neben dem eigentlichen Prägen noch in einem weiteren Schritt anfällig für Fehler. Entweder wird die vorgesehene Lochung vergessen oder sie findet nicht an der dafür vorgesehenen Stelle statt.


Neben technischen Fehlprägungen zählen auch Stempelfehler zu den begehrten Spezialitäten. Dazu gehören vertauschte Buchstaben, fehlerhafte Jahreszahlen, spiegelverkehrte oder auf dem Kopf stehende Zeichen sowie zahlreiche weitere Abweichungen von der vorgesehenen Gestaltung. Auf modernen Münzen sind solche Fehler ausgesprochen selten. Die Produktionsabläufe sind heute weitgehend automatisiert, und die Qualitätskontrollen arbeiten mit einer Präzision, die nur wenig Raum für Irrtümer lässt. Umso bemerkenswerter ist jedes Exemplar, das dennoch seinen Weg in die Öffentlichkeit findet.


Los 4686: Brandenburg-Preußen. Friedrich II. der Große, 1740-1786. 1/24 Taler 1782 A, zeitgenössische Imitation.

Die berüchtigten preußischen 1/24-Taler (Groschen) waren eine bevorzugte Vorlage für zeitgenössische Fälscher. Die einfache Versilberung von Kupfermünzen – eine im 18. Jahrhundert weit verbreitete und lukrative Fälschungsmethode – war von den ohnehin stark im Material verminderten Originalen kaum zu unterscheiden. Der vermutlich des Lesens und Schreibens unkundige Stempelschneider verrät die illegale Herkunft dieser bemerkenswerten Fälschung jedoch durch die spiegelverkehrt gravierten Ns.


Anders verhielt es sich in früheren Jahrhunderten. Als große Teile der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnten und selbst die Orthographie keineswegs verbindlich geregelt war, wurden Fehler in Umschriften häufig toleriert. Die Herstellung von Münzstempeln war zeitaufwendig und kostspielig. War ein Stempel erst einmal fertiggestellt, scheute man oft die zusätzlichen Kosten einer Korrektur. So gelangten zahlreiche Stücke mit fehlerhaften Legenden in den Umlauf und wurden über Jahre hinweg wie jede andere Münze verwendet.


Daher begegnen dem Sammler heute kuriose Schreibweisen wie Ferdinadus, Maxmilian, Augusstus, Wilhlm oder Henriccus. Ebenso finden sich Formen wie Prussen statt Preußen, Tahler, Ausbeutthalr, Thaelr, Vereinsthaelr oder Verrinsthaler. Solche Varianten entstanden häufig dadurch, dass der Stempelschneider Buchstabenpunzen verwechselte oder den verfügbaren Platz auf dem Stempel falsch kalkulierte. Mitunter bemerkte man den Fehler erst nach Fertigstellung des Werkzeugs. Da eine Neuanfertigung Zeit und Geld gekostet hätte, ließ man die Produktion unverändert weiterlaufen. Die meisten Zeitgenossen dürften die Abweichungen kaum bemerkt haben. Viele der heute bekannten Stücke weisen deutliche Umlaufspuren auf und belegen damit, dass sie über lange Zeit als reguläres Zahlungsmittel dienten.


Los 5114: Irland. 1/2 Crown = 2 Shillings 6 Pence 1961. Stempelverwechslung (Mule) mit Rückseite des 1/2 Coróin = 2 Scilling 6 Pingin von 1928-1937.

Der Begriff Mule (deutsch häufig Zwitterprägung, Hybridprägung oder Mischprägung) bezeichnet eine Münze, die mit zwei Stempeln geprägt wurde, die eigentlich nicht zusammengehören. Der Ausdruck stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich Maultier – also ein Mischwesen aus Pferd und Esel. In der Numismatik beschreibt er entsprechend eine Kreuzung aus zwei unterschiedlichen Münztypen.


Zu den faszinierendsten Erscheinungen der Numismatik gehören ferner die sogenannten Zwittermünzen oder Hybridprägungen. Dabei wurden Vorder- und Rückseitenstempel kombiniert, die ursprünglich nicht zusammengehörten. Nicht immer sind solche Fehlkombinationen auf den ersten Blick erkennbar. Mitunter zeigt die Vorderseite einen Herrscher, während die Rückseite aus einer späteren Zeit stammt, in der dieser bereits verstorben war. In anderen Fällen wurden Porträts und Wappen unterschiedlicher Münzherren miteinander verbunden oder Randschriften verwendet, die nicht zur jeweiligen Ausgabe passen.


Solche Hybriden entstanden meist durch organisatorische Nachlässigkeit, durch Verwechslungen in den Münzstätten oder aus dem Bestreben, vorhandene Werkzeuge möglichst wirtschaftlich zu nutzen. Besonders spektakulär sind Exemplare, die auf beiden Seiten dasselbe Motiv tragen – etwa zwei Wappen- oder zwei Porträtseiten. Allerdings ist bei diesem Sammelgebiet Vorsicht geboten. Schon früh erkannten Fälscher das Interesse der Sammler und fertigten künstliche Zwittermünzen an, indem sie originale Münzen zersägten und nicht zusammengehörende Hälften miteinander verlöteten. Nur eine sorgfältige Untersuchung der Stücke erlaubt es, echte Fehlprägungen von späteren Manipulationen zu unterscheiden.


Los 4705: Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm IV., 1840-1861. 3 Pfennige 1850 A. Stempelverwechslung mit Rückseite des 3 Pfennig Stücks Reuß-jüngere Linie zu Schleiz

(AKS 31. Jaeger 130).

Die preußische 3-Pfennig-Münze von 1850 mit der Umschrift DREI PFENNIGE anstelle der in Preußen üblichen Schreibweise DREI PFENNINGE sind ein berühmtes Zeugnis einer zu spät entdeckten Stempelverwechslung in der Münzstätte Berlin. Dort wurden zur gleichen Zeit auch Kupfermünzen für das Fürstentum Reuß geprägt, dessen Münzen regulär die Schreibweise PFENNIGE trugen. Offenbar wurde versehentlich ein für Reuß bestimmter Rückseitenstempel mit preußischen Vorderseitenstempeln kombiniert. Die so entstandene Fehlprägung gelangte dennoch in den regulären Umlauf und zählt heute zu den bekanntesten Stempelirrtümern der deutschen Münzgeschichte. Entsprechend erfreut sich diese Ausgabe seit Langem großer Beliebtheit bei Sammlern.


Ein früher und bedeutender Liebhaber solcher numismatischen Sonderlinge war der Berliner Sammler William F. Hahlo. Seine Sammlung gelangte 1927 in Frankfurt am Main zur Versteigerung und enthielt eine bemerkenswerte Vielfalt außergewöhnlicher Prägungen. Der Katalog dokumentiert nicht nur zahlreiche Hybridstücke und Stempelfehler, sondern auch Probeabschläge von nie verwirklichten Münzentwürfen. Hinzu kommen Abschläge in ungewöhnlichen Metallen, etwa Gold-, Silber-, Zinn- oder Bleiprägungen von Münzen, die offiziell nur in Kupfer ausgegeben wurden. Umgekehrt sind Goldmünzen als Probeabschläge in Silber oder Kupfer bekannt. Solche Stücke erlauben einen seltenen Blick hinter die Kulissen staatlicher Münzpolitik und künstlerischer Entscheidungsprozesse.


Los 4982: Weimarer Republik. 1918-1933. 10 Rentenpfennig oder Reichspfennig 1924 A. Brockage.

Fehlprägungen dieser Art wurde schon von Zeitgenossen als Besonderheiten gesucht und gesammelt. In der 1925 publizierten und zwei Jahre später versteigerten Sammlung des Berliners William F. Hahlo sind vergleichbare Stücke gelistet (Vgl. Hahlo: Münzen-Sammlung, 2. Teil, Nr. 1536).


Gerade Probemünzen zählen zu den aufschlussreichsten Quellen der modernen Numismatik. Sie dokumentieren die intensive Suche nach geeigneten Motiven, Porträts und Gestaltungslösungen insbesondere im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Viele dieser Entwürfe durchliefen umfangreiche Prüfungsverfahren, wurden jedoch letztlich nicht für die Massenprägung freigegeben. Ihre Existenz verdanken sie häufig dem Umstand, dass einzelne Musterstücke in Archiven, Sammlungen oder Nachlässen erhalten blieben.


Los 4940: Kaiserreich. Preußen. Wilhelm II, 1888-1918. 10 Mark 1906 A. Materialprobe in Kupfer.

Materialproben dieser Art gingen wahrscheinlich der regulären Goldprägung voraus, um die Widerstandsfähigkeit der Stempel zu testen.


Einen unverzichtbaren Wegweiser durch dieses komplexe Sammelgebiet bildet bis heute Rudolf Schaafs Standardwerk Die Proben der deutschen Münzen seit 1871 – Versuch einer Katalogisierung, das 1979 von der Münzen und Medaillen AG in Basel herausgegeben wurde. Für Generationen von Spezialsammlern stellte dieses Werk die grundlegende Orientierungshilfe dar. Allerdings sind seit seinem Erscheinen zahlreiche neue Varianten, bislang unbekannte Probeprägungen und zusätzliche Quellen bekannt geworden. Die Forschung hat das Gebiet erheblich erweitert, sodass eine grundlegende Neubearbeitung dieses wichtigen Referenzwecks längst wünschenswert erscheint.


Los 5014: Bundesrepublik Deutschland. 10 Pfennig 1995 A. Bimetallprobe.

Der äusserst seltene Berliner Groschen aus dem Jahr 1995 ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Mühen um die Herstellung von Bimetall-Münzen, die damals in Deutschland noch unbekannt waren. Sie kamen erst 2002 mit der Einführung des Euro im Gestalt von Ein-und Zwei-Euro-Münzen auf den Markt. Der probeweise hergestellte Groschen besteht aus einem bronzefarbenen Ring und einem silbrig glänzenden Pille in Gestalt eines Eichenzweigs und der Wertziffer 10.


So unterschiedlich Verprägungen, Stempelfehler, Hybridprägungen und Proben auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie erzählen Geschichten von menschlichen Irrtümern, technischen Herausforderungen und verworfenen Entscheidungen. Gerade weil sie von der Norm abweichen, eröffnen sie Perspektiven auf die Münzgeschichte, die reguläre Ausgaben oft nicht bieten können. Was einst als Ausschuss galt, hat sich deshalb in vielen Fällen zu einer begehrten numismatischen Rarität entwickelt – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eng Fehler und Faszination in der Welt der Münzen miteinander verbunden sein können.


Helmut Caspar

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