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Medaillen auf die jüdische Emanzipation

Leu Numismatik AG
vor 4 Minuten
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Die rechtliche Emanzipation der europäischen Juden war kein einmaliger Akt, sondern ein langwieriger und keineswegs geradliniger Prozess. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden traditionelle Beschränkungen schrittweise aufgehoben: Juden erhielten zunehmend Zugang zu Bildung und Berufen, Niederlassungs- und Eigentumsrechte und schließlich – zumindest dem Gesetz nach – die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte wie ihre christlichen Mitbürger. Ausgangspunkt waren die Ideen der Aufklärung und, seit 1789, die Gleichheitsvorstellungen der Französischen Revolution. Die zahlreichen Medaillen, die diese Entwicklung begleiteten, sind daher weit mehr als bloße Erinnerungsstücke. Sie zeigen, wie rechtliche Reformen wahrgenommen, gefeiert und propagiert wurden, zugleich aber auch, wie sehr Emanzipation zunächst als eine von Herrschern gewährte Vergünstigung verstanden wurde.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 483

ÖSTERREICH. Heiliges Römisches Reich. Josef II., Kaiser, 1765–1790. Medaille 1781 (Silber, 45 mm, 29,24 g, 12 h), auf das Toleranzpatent von 1781. Von J. L. Oexlein. AMOR ET DELICIAE GENERIS HUMANI. Uniformierte Büste Josefs II. nach rechts, mit dem Orden vom Goldenen Vlies. Rs. QVID POTVIT TOTA CONTINGERE VITA LAETIVS. Unterer Teil eines Obelisken mit der siebenzeiligen Inschrift LIBERTAS / RELIGIONIS / A IOSEPHO II / IN TERRIS SVIS / PROTESTANTIBVS / ET IVDAEIS DATA / MDCCLXXXI; rechts eine stehende Figur, die die Inschrift betrachtet; im Hintergrund Sträucher. Erlanger -. Julius 2775. Montenuovo -. Whiting 531 var. (Zinn). In Silber selten. Schöne irisierende Tönung.

Ex UBS 79, 10. September 2008, 4738.


Zu den frühesten Beispielen gehören die Medaillen auf die Toleranzpolitik Kaiser Josephs II. In den 1780er Jahren lockerten seine Reformen zahlreiche Einschränkungen für religiöse Minderheiten in der Habsburgermonarchie. Das speziell die jüdische Bevölkerung betreffende Toleranzpatent von 1782 erleichterte unter anderem den Zugang zu Schulen, Universitäten, Handel und Gewerbe, bedeutete jedoch noch keineswegs die vollständige rechtliche Gleichstellung.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 485

ÖSTERREICH. Heiliges Römisches Reich. Josef II., Kaiser, 1765–1790. Medaille 1782 (Silber, 43 mm, 25,49 g, 12 h), auf das Toleranzpatent von 1782. Von J. C. Reich. IOSEPHVS•II•ROM•IMP•SEMP•AVG• Uniformierte Büste Josefs II. nach rechts, mit dem Orden vom Goldenen Vlies; darunter ein Band mit der Inschrift TOLERANTIA•IMPERANTIS. Rs. SVE ALIS•SVIS• - PROTEGIT OMNES / ECCE.AMICI. / 1782• Gekrönter Adler unter dem Auge der Vorsehung, Schwert, Zepter, Reichsapfel und ein Band mit der Inschrift IN - DEO haltend; darunter stehen ein evangelischer Pfarrer, ein katholischer Priester und ein Rabbiner nebeneinander. Brozatus 1191. Montenuovo 2153. Whiting 532. In Silber selten und schön getönt.

Ex Elsen 100, 28. März 2009, 895.


Besonders eindrücklich verkörpert eine 1806 unter Napoleon I. geprägte Medaille die Ambivalenz der jüdischen Emanzipation im napoleonischen Europa. Ihre Rückseite zeigt den Kaiser, der dem vor ihm knienden Moses die Gesetzestafeln überreicht, und verweist damit auf die von Napoleon einberufene jüdische Repräsentation, aus der 1807 der sogenannte Grand Sanhédrin hervorging. Napoleons Politik knüpfte an die während der Französischen Revolution erreichte rechtliche Gleichstellung der Juden an und trug diese in zahlreiche von Frankreich beherrschte Gebiete Europas, verband die Gewährung bürgerlicher Rechte jedoch zugleich mit der Forderung nach weitgehender gesellschaftlicher Integration und staatlicher Kontrolle. Auch in den deutschen Staaten wurde die jüdische Gleichberechtigung im Laufe des 19. Jahrhunderts schrittweise durchgesetzt und schließlich 1869/1871 formalrechtlich vollendet.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 489

FRANKREICH, Erstes Kaiserreich. Napoléon I., 1804–1814, 1815. Medaille 1806 (Silber, 41 mm, 33,67 g, 12 h), auf den jüdischen Hohen Rat, den „Grand Sanhedrin“. Von D.-V. Denon, A.-J. Depaulis und A. Dupré, Paris. NAPOLEON - EMP.ET ROI Uniformierte Büste Napoléons I. nach rechts, darüber Lorbeerkranz. Rv. GRAND SANHEDRIN / XXX.MAI MDCCCVI Napoléon I. in kaiserlichem Ornat nach rechts stehend, die Gesetzestafeln haltend, vor dem gehörnten und sich verneigenden Moses nach links. Bramsen 527. Julius 1574. Zeitz -. Als Originalprägung äußerst selten.

Aus der Sammlung Dr. Arthur Polak, Peus 412, 24. April 2014, 772.


Die Emanzipation der Juden in Frankreich begann während der Französischen Revolution, als die in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte formulierten Grundsätze der Religionsfreiheit den Juden dieselben bürgerlichen Rechte wie den übrigen französischen Staatsbürgern zusprachen. Napoleon war bestrebt, diese revolutionären Ideale auch auf die unter seiner Herrschaft stehenden Gebiete auszudehnen. Zugleich stand er bestimmten Bereichen jüdischer Wirtschaftstätigkeit, insbesondere dem Geldverleih, kritisch gegenüber und erließ Maßnahmen zu deren Einschränkung; grundsätzlich verfolgte er jedoch eine Politik, die auf eine Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung jüdischer Gemeinden in seinem Herrschaftsbereich zielte.


In Frankreich selbst förderte Napoleon die Integration der jüdischen Bevölkerung in die Gesamtgesellschaft und hoffte, die Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung dadurch zu verringern. Diese Bestrebungen stießen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft jedoch teilweise auf Vorbehalte, da eine vollständige Assimilation als mögliche Gefahr für die eigene religiöse und kulturelle Identität wahrgenommen wurde. Gleichzeitig förderte Napoleon die politische Einbindung der Juden, indem er die Gemeinden zur Wahl von Vertretern aufrief. Aus diesen Delegierten ging der Sanhedrin hervor, ein Rat, der die jüdischen Interessen gegenüber der französischen Regierung vertreten sollte. Der Begriff Sanhedrin leitet sich vom griechischen Wort synhedrion (συνέδριον) ab und bedeutet „Rat“ oder „Versammlung“.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 490

DEUTSCHLAND. Westphalen. Hieronymus Napoleon, 1807–1813. Medaille 1808 (Bronze, 42 mm, 25,65 g, 12 h), auf die Emanzipation der Juden. Von A. Abramson, Berlin. יהוה („Der Herr [JHWH]“ auf Hebräisch) DEO ET REGI PATERNO Weibliche Allegorie des jüdischen Glaubens, von ihren Ketten befreit, vor einem brennenden Altar kniend, daneben die beiden Tafeln der Zehn Gebote. Rv. VNITAS IN REGNO WESTPHALIAE Geflügelter Genius des Christentums, einen geflügelten Genius des Judentums umarmend; rechts zwei Tafeln mit den Zehn Geboten, links Tafel mit PAX, darunter DECR• / D•XXVII IAN / MDCCCVIII. Fiala VII, 5980. Hoffmann 157. Hoffmeister 3174. Knyphausen var. 4101 (Silber). Selten.

Ex UBS 51, 30. Januar 2001, 444.


In Italien verband sich die jüdische Emanzipation eng mit den liberalen und nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Besonders anschaulich zeigt dies eine Turiner Medaille von 1848 auf Roberto d’Azeglio, die ihn ausdrücklich als Propugnatore dell’ emancipazione israelitica, als Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, bezeichnet. Im Königreich Sardinien-Piemont erhielten die Juden 1848 die rechtliche Gleichstellung; ihre Befreiung aus den überkommenen Beschränkungen wurde damit zugleich Teil des liberalen politischen Aufbruchs, aus dem wenige Jahre später das geeinte Italien hervorging.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 491

ITALIEN. Turin. Medaille 1848 (Bronze, 51 mm, 63,06 g, 12 h), auf den Maler und Vorkämpfer für die jüdische Emanzipation Roberto d’Azeglio (1790–1862). Von G. Ferraris. ROBERTO - D'AZEGLIO Drapierte Büste Roberto d’Azeglios nach links. Rv. PROPUGNATORE / DELL' EMANCIPAZIONE / ISRAELITICA / 1848 / GL' ISRAELITI SUBALPINI / AMMIRATORI („Vorkämpfer / der jüdischen Emanzipation / 1848 / die Juden des Piemont / in Bewunderung“ auf Italienisch) in sechs Zeilen. Forrer II, S. 88. Wurzbach 453. Selten. Sammlernummer „1398“ auf der Vorderseite.

Ex Peus 399, 4. November 2009, 1060.


Über Europa hinaus findet das Thema seinen bemerkenswerten Widerhall auch in Medaillen auf die Reformen des Osmanischen Reiches. Das Reformedikt (Islahat Fermanı) Sultan Abdülmecids I. von 1856 erklärte die rechtliche Gleichstellung der Untertanen unabhängig von ihrer Religion zu einem zentralen Ziel der Tanzimat-Reformen. Eine in Paris entstandene Medaille lässt Muslime, Christen und Juden gemeinsam unter einem Banner mit Halbmond, Kreuz und Gesetzestafeln auftreten. Sie überträgt damit die osmanische Reformpolitik in die europäische Bildsprache religiöser und bürgerlicher Gleichheit.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 492

OSMANISCHES REICH. ʿAbd al-Majid I., AH 1255–1277 / 1839–1861 n. Chr. Medaille (Bronze, 61 mm, 114,91 g, 12 h), auf die Gleichstellung von Christen und Juden im Osmanischen Reich. Von M. Barrachin und E. Rogat. Paris, ohne Jahr (1856). POUR TOUS. - DROITS ÉGAUX / L'UNION FAIT LA FORCE Fünf Personen in verschiedenen traditionellen Gewändern halten ein Banner mit Halbmond, Kreuz und den Gesetzestafeln als Symbole für die Einheit von Islam, Christentum und Judentum; im Hintergrund Fluss und Stadtansicht. Rv. ASSOCIATION UNIVERSELLE POUR L'EMANCIPATION DES PEUPLES CHRÉTIENS ET ISRAÉLITES D'ORIENT, darum ET / CONSERVATION / DE L'EMPIRE OTTOMAN / DANS LES CONDITIONS: / 10. D'ÉGALITÉ CIVILE ET POLITIQUE; / 20. DE LA SÉPARATION DU SPIRITUEL / ET DU TEMPOREL; / 40. DU DROIT DE POSSESSION ACCORDÉ / AUX ÉTRANGERS. / MEMBRE DE L'ASSOCIATION. / M. in zwölf Zeilen. Dogan -. Sehr selten.

Ex Peus 399, 4. November 2009, 1070.


Diese Medaillen auf die jüdische Emanzipation machen einen der tiefgreifendsten gesellschaftlichen Wandlungsprozesse des 18. und 19. Jahrhunderts unmittelbar sichtbar. Sie erinnern an konkrete rechtliche Fortschritte, spiegeln zugleich aber auch die Ambivalenz einer Emanzipation wider, die vielfach von oben gewährt, an Loyalität gegenüber Staat und Obrigkeit geknüpft und zunächst eher rechtlich proklamiert als gesellschaftlich vollständig verwirklicht wurde. Dennoch stehen sie für die Hoffnung einer Epoche, in der religiöse Zugehörigkeit zunehmend kein Hindernis mehr für bürgerliche Rechte und gesellschaftliche Teilhabe sein sollte.


Alle hier abgebildeten Medaillen und weitere Emanzipationsmedaillen werden am 2. November im Rahmen der Leu Judaica Collection in Zürich versteigert. Der insgesamt 600 Losnummern umfassende Katalog enthält Münzen, Medaillen und Plaketten zur jüdischen Geschichte der letzten 2.500 Jahre und ist hier einsehbar: Leu Numismatik 


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