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H. Maué: Spielsteine mit Bildern, 16. bis 19. Jhdt. Bestandskatalog des Germanischen Nationalmuseums


Hermann Maué: Spielsteine mit Bildern, 16. bis 19. Jahrhundert. Bestandskatalog des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2020, 468 S., farbig bebildert, 22 x 27,5 cm, Festeinband, ISBN 978-3-946217-26-8. Hölzerne Medaillen oder geprägte Spielsteine gelten als numismatisches Randgebiet, aber eines, auf das die Corona-Pandemie ein neues Licht wirft, denn alle haben seit Monaten viel Zeit, und so wird wieder mehr gespielt (und mehr gesammelt). Eine tolle Sammlung solcher Spielsteine befindet sich im Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg. Sie wurde nun von einem Altmeister der Medaillenkunde, von Hermann Maué, der selbst etliche Jahre das Münzkabinett im GNM betreute und leitete, in Form eines opulenten Katalogs der Öffentlichkeit präsentiert.

In römischer Zeit stellte man Spiel-„Steine“ aus Knochen oder Glas her, aus dem Mittelalter kennen wir kunstvoll geschnitzte Elfenbeinscheibchen. Der typische Spielstein bestand aber aus gedrechseltem Holz. Man konnte Holz leicht bearbeiten, es bewies auch im harten Einsatz Stabilität, und man konnte Steine aus hellen und dunklen Hölzern herstellen oder es färben. Nur besonders teure und aufwendige Steine wurden verziert. Im 16. Jahrhundert setzte sich die Technik des Prägens durch. Leonard Danner (1497–1585) aus Nürnberg gilt als der Erfinder der in Holz geprägten Medaillen, die als Brettsteine 200 Jahre lang in Mode blieben. Anders als die geschnitzten Spielsteine bekamen sie ein Bild sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite. Danner verwendete zum Prägen von Holz eine Maschine, die sich von den späteren Spindelpressen unterschied: Warfen die Münzer die Spindelpresse mit Schwung an, so versuchte er, mit weniger hohem Druck auszukommen, indem er die Stempel der Holzmedaille in Ringe einteilte. Der äußerste Ring enthielt die Umschrift, der mittlere einen Zierkranz, die innere Fläche das eigentliche Medaillenbild. Damit konnten natürlich durch Weglassen von Ringen Spielsteine mit geringerem Durchmesser geprägt werden, auch erlaubte die verschiedene Kombination der Ringe das Prägen vieler Kopplungen und Varianten. Technisch veränderte sich in den nächsten 200 Jahren nicht viel bei der Herstellung der Holzgepräge.

Die in Holz geprägten Spielsteine sind eine typische Erscheinung für die Künstler- und Handelszentren Nürnberg und Augsburg. Hier wirkten berühmte Medailleure wie Martin Brunner, Philipp Heinrich Müller, Peter Paul Werner, Georg Wilhelm Vestner, C. Th. Lauffer oder Christoph Jakob Leherr. Sie schnitten spezielle Stempel für Holzmedaillen. Nur in seltenen Fällen wurden Stempel verwendet, die zum Prägen von Silber- und Bronzemedaillen vorgesehen waren. Vielleicht war für die Holzmedaillen das aufwendige Härten der Stempel nicht notwendig?

Die geprägten Spielsteine des 17. Und frühen 18. Jhs. sind grundsätzlich von hoher handwerklicher Qualität; mit ihrer meist lateinischen Umschrift und dem fein geschnittenen Bild stehen sie den besten Silbermedaillen jener Zeit nicht nach und können ihre Verwandtschaft mit ihnen nicht leugnen.

Maué zeigt in einer ausführlichen Einleitung die Geschichte und Sammlungsgeschichte, die Herstellungsweise und die (teilweise anzüglichen) Motive dieser Spielsteine auf, alles gut bebildert. Der eigentliche Katalog reicht von S. 34 bis S. 430 und umfasst 629 Nummern. Alle Stücke sind in Farbe und Originalgröße abgebildet. Der Autor beschreibt die Bilder der Spielsteine ausführlich, fremdsprachige Legenden werden übersetzt. Ergänzend gibt es zu jedem Exponat Literaturhinweise und Nachweise im Handel. Einige Anhänge runden das Werk ab und erleichtern die Benutzung.

Man kann die vorgestellten Spielsteine auch als Medaillen zum Alltagsgebrauch sehen, zur Benutzung (!) in der Freizeit. Gleichwohl wurden sie zu einem großen Teil von bekannten Medailleuren entworfen. Die Motive sind z.T. gleich mit denen der Silber- und Goldprägungen (z.B. Türkenkriege oder Herrscherdarstellungen), zeigen aber auch erotische und Liebesszenen, die in der „hohen“ Medaillenkunst weniger zu finden sind.

Der Katalog ist also auch eine Medaillengeschichte über ca. 4 Jahrhunderte, die mehr einen vergnüglichen Querschnitt bietet. Der opulente, mit außergewöhnlicher Sorgfalt erstellte und ausgesprochen preiswerte Katalog, zu dem Hermann Maué nur zu gratulieren ist, wird jeden Medaillenfreund ansprechen – man muss ihn beachten!

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