Geschichte der Levante: Haim Gitler über antike Prägungen, Fälschungen und den Wert historischer Numismatik
- Andreas Raffeiner
- vor 16 Minuten
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Von den ersten Silbermünzen Judäas bis zu modernen israelischen Gedenkprägungen – der renommierte Numismatiker Haim Gitler erläutert im Gespräch, wie Münzen Geschichte erzählen, warum Authentizität wichtiger denn je ist und welche Stücke Sammler unbedingt kennen sollten.
Nur wenige Wissenschaftler haben das Verständnis der Geldgeschichte des südlichen Levante-Raums so nachhaltig geprägt wie Haim Gitler. Als international anerkannter Numismatiker verbindet er archäologische Forschung mit wirtschafts- und kulturhistorischen Fragestellungen. Seine Arbeiten zu den frühesten Münzprägungen Philistäas, Samarias und Judäas gelten heute als Standardwerke. Im Gespräch erläutert er die Anfänge der Monetarisierung im antiken Nahen Osten, gibt Einblicke in den heutigen Sammlermarkt und erklärt, woran sich echte Münzen von Fälschungen unterscheiden lassen.

Haim Gitler
Foto: Privat
Münzen-Online: Herr Gitler, auf welche Epochen oder Münzserien haben Sie sich spezialisiert?
Haim Gitler: Obwohl ich mich in meiner beruflichen Laufbahn auch mit der Gestaltung moderner Zahlungsmittel beschäftigt habe – unter anderem war ich sechs Jahre Mitglied des öffentlichen Beratungsgremiums der Bank of Israel für Banknoten, Umlauf- und Gedenkmünzen –, liegt mein eigentlicher wissenschaftlicher Schwerpunkt in der Antike. Meine Forschung konzentriert sich auf die entscheidende Übergangsphase vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr., also auf die späte Perserzeit und die frühe hellenistische Epoche in der südlichen Levante. Den größten Teil meines wissenschaftlichen Lebens habe ich der Erforschung und der Erstellung grundlegender Korpora der frühesten Silberprägungen dieser Region gewidmet: den philistäischen, samarischen und judäischen (Yehud-) Münzen. Sie markieren den Beginn der Geldwirtschaft in diesem Teil der antiken Welt.
Münzen-Online: Was war Ihre bedeutendste Entdeckung?
Haim Gitler: Viele erwarten, dass der Höhepunkt einer wissenschaftlichen Karriere die Entdeckung einer einzigartigen Goldmünze oder einer spektakulären Rarität ist. Für mich liegt der eigentliche Durchbruch jedoch nicht in einem einzelnen Fundstück, sondern in der Zusammenführung der Münzprägungen der drei wichtigsten Prägeherrschaften der achämenidischen Zeit – Philistäa, Samaria und Juda – zu einem umfassenden wissenschaftlichen Gesamtwerk. Erst die gemeinsame Betrachtung dieser eng miteinander verbundenen Währungssysteme ermöglicht es, die Wirtschaftslandschaft der südlichen Levante erstmals als Ganzes zu rekonstruieren. Dadurch lassen sich gemeinsame Prägestrukturen, die Verwendung identischer Stempel, Notprägungen mit versilberten Kupferkernen (Subaerati) sowie ikonographische Entwicklungen innerhalb eines gemeinsamen Wirtschaftsraums nachvollziehen. Dieses historische Gesamtbild zu erschließen, ist für mich weit erfüllender als der Fund einer einzelnen außergewöhnlichen Münze.
Münzen-Online: Wie hat sich der Markt für israelische Münzen in den vergangenen fünf bis zehn Jahren entwickelt?
Haim Gitler: Der Sammlermarkt moderner israelischer Gedenkmünzen unterscheidet sich grundlegend vom Markt antiker Münzen. Während antike Prägungen aufgrund ihrer historischen Seltenheit und ihrer individuellen handwerklichen Herstellung hohe Sammlerpreise erzielen, orientiert sich der Wert moderner Gold- und Silbergedenkmünzen des Staates Israel überwiegend am Edelmetallgehalt.
Deshalb bleibt dieser Markt vergleichsweise stabil und gut kalkulierbar. Die starken Preisschwankungen und die spekulativen Wertsteigerungen, wie sie im Handel mit antiken Münzen häufig auftreten, sind hier deutlich seltener.
Israel, 10 New Shekel, Bimetall, 7 Gramm, 23 mm
Bildquelle: Numista, G.IG.
Münzen-Online: Woran erkennt man eine moderne israelische Fälschung?
Haim Gitler: Die Echtheitsprüfung moderner israelischer Münzen beginnt mit dem Vergleich ihrer physischen Merkmale mit den offiziellen Spezifikationen der Bank of Israel. Fälscher konzentrieren sich besonders auf höherwertige Umlaufmünzen, vor allem auf die bimetallische 10-New-Shekel-Münze. Typische Merkmale gefälschter Stücke sind deutliche Gewichtsabweichungen, ungewöhnliche Metallfarben und strukturelle Fehlstellungen am Sicherheitsrand oder Innenring. Da Fälschungen meist aus minderwertigen Legierungen bestehen, fühlen sie sich häufig rau an und zeigen bereits nach kurzer Zeit Korrosionsspuren.
Münzen-Online: Welche Faktoren bestimmen den Wert einer Münze?
Haim Gitler: Aus numismatischer Sicht sind drei Kriterien entscheidend: Je geringer die ursprüngliche Prägezahl beziehungsweise die heute noch erhaltene Stückzahl, desto höher ist in der Regel der Marktwert. Der Erhaltungszustand beeinflusst den Preis erheblich – von stark umlaufbedingter Abnutzung bis hin zu nahezu perfekter Prägequalität (Proof oder Stempelglanz). Münzen, die wichtige historische Ereignisse dokumentieren, außergewöhnliche Motive zeigen oder bei Sammlern besonders beliebt sind, erzielen regelmäßig deutliche Preisaufschläge.
Münzen-Online: Welchen Fehler machen Sammler bei der Aufbewahrung am häufigsten?
Haim Gitler: Der häufigste Fehler besteht darin, Münzen in Kunststoffhüllen aufzubewahren, die Weichmacher wie Polyvinylchlorid (PVC) enthalten. Mit der Zeit zersetzt sich das Material und setzt aggressive chemische Stoffe frei, die insbesondere Silber- und Kupfermünzen dauerhaft schädigen können. Ebenso problematisch sind hohe Luftfeuchtigkeit sowie säurehaltige Papiere oder Klebstoffe, die Oxidationsprozesse erheblich beschleunigen.
Erste Münze Israels, 25 Mil, 1948, Aluminium, 3,4 Gramm, 30 mm
Bildquelle: Israel Coins and Medals Corp.
Münzen-Online: Womit sollte ein Einsteiger beginnen?
Haim Gitler: In der Numismatik gilt seit jeher ein einfacher Grundsatz: „Kaufe zuerst das Buch – erst danach die Münze.“ Wer sich für moderne israelische Münzen interessiert, sollte zunächst die maßgeblichen Referenzwerke der Israel Coins and Medals Corporation (ICMC) oder der American Israel Numismatic Association (AINA) studieren. Kenntnisse über Erhaltungsgrade, Auflagenzahlen und tatsächliche Auktionsergebnisse schützen Anfänger zuverlässig vor überhöhten Preisen und dem Erwerb von manipulierten Stücken.
Münzen-Online: Welche israelischen Münzen sind derzeit besonders gefragt?
Haim Gitler: Im Bereich moderner israelischer Münzen zählen vor allem seltene Silber-Gedenkmünzensätze zur Unabhängigkeit, frühe staatliche Proof-Ausgaben sowie seltene Varianten aus den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren zu den begehrtesten Stücken.
Bei antiken Münzen bleibt die internationale Nachfrage nach Silber-Schekeln des Ersten Jüdischen Krieges (66–70 n. Chr.) ungebrochen hoch, besonders die Prägungen der Jahre 1 und 5, nach Silberprägungen des Bar-Kochba-Aufstandes sowie nach den berühmten Bronzemünzen des Mattatjahu Antigonos mit der Darstellung der Tempelmenora.
Judaea, 66-70, Shekel, Silber, Jerusalem Mint, Jahr 2 (67/8)
Bildquelle: CV Coins & Collectibles
Israel, 1 New Shekel, Kupfer-Nickel, 4 Gramm, 18 mm
Bildquelle: Colnect
Münzen-Online: Welche Münze sollte jeder Sammler besitzen?
Haim Gitler: Wer ein ikonisches Stück der regionalen Geldgeschichte erwerben möchte, sollte nach Möglichkeit einen Silber-Schekel oder Halb-Schekel aus dem Ersten Jüdischen Krieg (66–70 n. Chr.) besitzen. Diese Münzen zeigen einen kultischen Kelch sowie drei Granatäpfel und tragen Inschriften in paläohebräischer Schrift. Ihre Symbolik lebt bis heute auf modernen israelischen Münzen fort.
Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel dieser historischen Kontinuität ist die stilisierte Lilie mit der paläohebräischen Inschrift YHD (Yehud). Dieses Motiv erschien ursprünglich auf kleinen Silber-Hemiobolen der persischen Provinz Juda zwischen 350 und 333 v. Chr.
Der Staat Israel griff dieses antike Motiv bewusst für die moderne 1-New-Shekel-Münze auf und schuf auf diese Weise eine direkte Verbindung zwischen den jüdischen Staaten der Antike und dem heutigen Israel. Kaum ein anderes Beispiel veranschaulicht eindrucksvoller, wie Münzen Geschichte über Jahrtausende hinweg sichtbar machen können.
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Andreas Raffeiner




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