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Emden, Preußen und ein bisschen Ungarn

Am 7. Oktober 2025 versteigert Künker einen Dukaten der Stadt Emden. Er trägt auf der Rückseite eine bezeichnende Inschrift, nämlich dass diese Münze dem Wert eines ungarischen Dukaten entspricht. Nun ist Emden rund 1.000 Kilometer Luftlinie von Ungarn entfernt. Warum bezieht es sich ausgerechnet auf den ungarischen Dukaten?


Emden / Stadt. Dukat 1694.

Äußerst selten. Vorzüglich bis Stempelglanz. Taxe: 20.000 Euro.

Aus Auktion Künker 427 (7. Oktober 2025), Nr. 633


Es ist ein prachtvoller Dukat, den die Republik von Emden im Jahr 1694 prägen ließ. Sie wählte dafür ein Motiv, dass wir bereits auf ihren wesentlich häufigeren Dukaten aus den Jahren 1689 finden. Mit der Aufschrift (in Übersetzung) Neue Münze der Republik Emden ist ein gepanzerter Kämpfer dargestellt, der in der rechten Hand ein Schwert, in der linken Hand einen Schild trägt.

Das ist bemerkenswert. Denn diese Statue erinnert stark an die Rolandstatuen, die heute noch in vielen freien Hansestädten stehen. Diese gepanzerten Krieger mit Schwert und Schild hatten sich im Norden zum Symbol der Stadtfreiheit entwickelt. Und Emden war im Jahr 1694 alles andere als frei.


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Das Rathaus und der Innere Hafen von Emden.


Ein kompliziertes Verhältnis zwischen Graf und Stadt

Emden besaß 1694 eben nicht den Status einer Freien Reichsstadt, wie Bremen, Halberstadt oder Stendal es taten. Deshalb war es der Bürgerschaft natürlich verboten, an prominenter Stelle eine Rolandstatue zu errichten. Dafür brauchte es das Privileg, und dieses Privileg, nämlich Freie Reichsstadt zu sein, besaßen die Emdener einfach nicht. Sie unterstanden dem Grafen von Ostfriesland, und das war eine äußerst konfliktreiche Beziehung. Die Stadt strebte nämlich nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie. Der Graf versuchte, genau diese Autonomie zu verhindern. Emden war wohlhabend, verdiente gut mit seinem verkehrsgünstig gelegenen Hafen mit Zugang zur Nordsee. Politische Verbindungen kamen da ganz automatisch. Schließlich waren die Niederlande unmittelbar benachbart. Und die Preußen besaßen mit der Ems eine zumindest für kleinere Schiffe nutzbare Wasserstraße zu ihrem Gebiet um Lingen und Tecklenburg.

Man kann durchaus verstehen, dass die Stadt Emden sich von der gräflichen Herrschaft befreien wollte, um die vielen Möglichkeiten, die sich ihr durch ihren Hafen boten, zum eigenen Vorteil zu nutzen. Die Münzdarstellung ist in diesem Sinne zu verstehen. So konnten die Emdener, ohne sich ins Unrecht zu setzen, ihre Ansprüche anmelden. Natürlich stellten sie keinen Roland dar. Wenn der bewaffnete Krieger wie ein Roland aussah, wer wollte es den Emdenern verdenken? Dass der Graf das als Provokation verstand, was konnten die Emdener dafür?

Heute würde man vielleicht von einer toxischen Stimmung sprechen. Und tatsächlich waren die Schwierigkeiten zwischen Stadt und Graf derart gewachsen, dass im Jahr der Prägung dieses Dukaten gleich zwei Garnisonen den Frieden in Emden sicherten. Die einen Soldaten kamen aus den niederländischen Generalstaaten, die anderen aus Brandenburg. Und beide wetteiferten miteinander, wer den Frieden in Emden wohl besser schützen könne.


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Preußen unter König Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I.

Aus Georg Wendt, Schul-Atlas zur Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Glogau (um 1890).


Die Hohenzollern und ihr Blick auf den Welthandel

Die Hohenzollern hatte damals große Ambitionen. Nur sieben Jahre nach der Entstehung dieser Münze sollte sich Friedrich III. als Friedrich I. zum König in Preußen krönen lassen. Kein Wunder, dass Emden bei den Expansionsplänen der Hohenzollern eine zentrale Rolle spielte!

Friedrich machte sich dabei zunutze, dass der Habsburger Kaiser Leopold I. tief in politischen, militärischen und wirtschaftlichen Verlegenheiten steckte. Der Türkenkrieg und die Auseinandersetzungen mit dem französischen König Ludwig XIV. verschlangen immense Ressourcen. Die zu mobilisieren, fiel einem Kaiser schwer, dessen Land sich nur schleppend von den Folgen des 30-jährigen Krieges erholte. Gleichzeitig strebten die mächtigen Reichsfürsten nach immer größerer Unabhängigkeit. Sie fanden ständig neue Lücken im Reichsgesetz, die es ihnen erlaubten, das politische Spiel nach ihren eigenen Regeln zu spielen.

Kurz: Leopold konnte es sich gar nicht leisten, einen Konflikt mit dem aufstrebenden Kurfürsten von Brandenburg zu riskieren. Sollte Friedrich III. Reichsrecht brechen und das ihm wohlgesonnene Emden mit Waffengewalt dem Grafen von Ostfriesland entreißen, blieben Leopold I. nur wenig Optionen. Er verfügte nicht über die Ressourcen, eigene Kräfte zu schicken. Und im niedersächsischen Reichskreis, der eigentlich für die Bestrafung des Rechtsbrechers verantwortlich gewesen wäre, spielte Brandenburg die zentrale Rolle. Dem Kaiser drohte also ein erheblicher Reputationsverlust, würde Brandenburg ungestraft seine Ambitionen auf die Hafenstadt durchsetzen.


Die Lösung: Eine Expektanz

Die Diplomaten Leopolds I. fanden die perfekte Lösung. Sie tastete den Rechtsstatus der Grafen von Ostfriesland nicht an; sie machte Friedrich III. Hoffnung und brachte ihm Rechtssicherheit, und zwar ohne die Autorität des Kaisers zu schädigen. Diese Lösung hieß Expektanz. Unter einer Expektanz verstand man die kaiserlich garantierte Anwartschaft einer Dynastie auf den Besitz einer anderen Dynastie, sollte diese aussterben. Und Dynastien starben immer wieder mal aus. Das war nichts Ungewöhnliches.

Auch das Haus Cirksena teilte dieses Schicksal. 1744 starb mit Graf Carl Edzard von Ostfriesland der letzte männliche Erbe. Damit konnte die Expektanz umgesetzt werden. Kaiser Karl VII. aus dem Hause Wittelsbach sicherte sich so die preußische Unterstützung gegen die Habsburger. Und bereits 1751 gründete Friedrich der Große die Königlich Preußische Asiatische Handelskompanie mit Sitz in Emden. Ihre ersten Schiffe verließen den Hafen im Jahr 1753.


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Und was hat Ungarn nun mit Emden zu tun?

Betrachten wir noch die Rückseite der Münze. Sie ist sehr einfach gestaltet, zeigt nur die Jahreszahl und die Inschrift (in Übersetzung) Dukat im Wert eines ungarischen [Dukaten] in einer Rocaille-Umrahmung. Auch das wurde exakt so von den Dukaten des Jahres 1689 übernommen.

Warum aber, so fragt man sich, tragen all diese Dukaten diese Aufschrift. Ein Nominal auf einer nach der Reichsmünzordnung geprägten Münze anzugeben, war überflüssig und unnötig.

Und genau hier liegt der Punkt. Dieser Dukat entsprach eben nicht den Bestimmungen der Reichsmünzordnung von 1559. So konnten sich die Emdener um eine offizielle Prüfung während des Kreisprobationstages drücken. Alle wussten, dass es in Ungarn wirtschaftliche Schwierigkeiten in Folge der Türkenkriege gab. Die Münzstätte Kremnitz, in der die Habsburger Dukaten für Ungarn prägen ließen, hatte Probleme mit dem Goldnachschub. Ihre Münzen konnten also etwas leichter sein und einen etwas schlechteren Feinheitsgehalt aufweisen. Kein Problem für die Habsburger. Kremnitz lag nicht auf Reichsgebiet und so musste die Reichsmünzordnung nicht eingehalten werden.

Das war für die Emdener praktisch. Auch sie schummelten sich so um die Reichsmünzordnung herum. Ihr Dukat war sowieso nie für den Zahlungsverkehr vorgesehen. Er diente der Repräsentation, wurde als diplomatisches Geschenk eingesetzt. Deshalb sind diese Münzen heute so selten. Wir kennen nur drei Exemplare, die erhalten geblieben sind. Zwei davon liegen im Ostfriesischen Landesmuseum. Eines, und zwar das am besten erhaltene, ist in Privatbesitz. Dieses eine Exemplar wird am 7. Oktober 2025 mit einer Schätzung von 20.000 Euro bei Künker in Osnabrück versteigert. Wir dürfen gespannt sein, was die Münze bringen wird.


Ursula Kampmann

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