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Die sogenannten Prager „Judenmedaillen“

Leu Numismatik AG
vor 49 Minuten
5 Min. Lesezeit

Unter der heute nur noch historisch zu verstehenden Bezeichnung „Prager Judenmedaillen“ wird eine bemerkenswerte Gruppe frühneuzeitlicher Medaillen zusammengefasst, die wahrscheinlich in Prag entstand und nach heutigem Forschungsstand in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zu datieren ist. Die historischen Dynastien gewidmeten Stücke zeigen Herrscherinnen und Herrscher, Heilige und Bauwerke des Mittelalters und der Renaissance. Charakteristisch für die Originale sind der relativ flache Guss, Inschriften in gotischen Majuskeln sowie eine umfangreiche, zugleich aber ausgesprochen sorgfältige zeitgenössische Nachbearbeitung. Echte Exemplare sind ausschließlich in Gold oder Silber bekannt und zeugen von außerordentlich versierter Goldschmiedekunst.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 470 BÖHMEN. Prag, circa 1600–1650. Gussmedaille (Gold, 50 mm, 18,00 g, 12 h), sogenannte „Judenmedaille“. Auf die Gründung des Aachener Doms durch Karl den Großen (747/748–814).  CAROLUS•MAGNUS•ROMAN:IMPER:ET•FRANCOR•REX Gekrönte und drapierte Büste Karls des Großen leicht nach rechts gewandt, in der Rechten ein Schwert und in der Linken einen Reichsapfel haltend. Rs.  FUNDATOR•TEMPLI•S•MARIAE•VIRGIRIS•AQUISGRANI Ansicht des Aachener Doms. Bernhart 2. Domanig (1907) 821. Klein B 2. Menadier 59. Seltenes, außergewöhnlich gut erhaltenes und eindrucksvolles Stück.


Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Goldmedaille auf Karl den Großen und die Gründung des Aachener Marienmünsters. Die Vorderseite zeigt den Kaiser mit Krone, Schwert und Reichsapfel, während die Rückseite eine detailreiche Ansicht des Aachener Münsters bietet. Gerade die bewusst altertümlich wirkende Gestaltung trug später dazu bei, dass solchen Stücken die Absicht unterstellt wurde, mittelalterliche Herkunft zu suggerieren.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 472 BÖHMEN. Prag, circa 1600–1650. Gussmedaille (Silber, 56 mm, 47,43 g, 12 h), sogenannte „Judenmedaille“. Auf Karl IV. von Luxemburg, römisch-deutscher Kaiser (1316–1378). D•CARLOUS•IIII•ROM - IMP•P•F•AUG•GER•BOHE•REX Gekrönte und drapierte Büste Karls IV. leicht nach links gewandt, in der Rechten ein Zepter und in der Linken einen Reichsapfel haltend. Rs.  DUX•SILES•MARCHIO•MORAVI•LUSAT•COM•LUTZEMB• / NULLIUS•PAUET•OCCORSUM Nach links stehender Luchs. Bernhart 4 var. (Gold). Klein B 16. Köhler XVIII, 233. Weiller 5. Seltene, hübsch getönte und kunstvoll ausgeführte Medaille.

Ex Sincona 23, 19. Mai 2015, 2891.

Der fein ausgearbeitete Luchs auf der Rückseite war vermutlich als bildliches Wortspiel auf Luxemburg gedacht. Im frühneuzeitlichen Deutschen konnte „Luchs“ auch „Lux“ geschrieben werden, wodurch sich eine naheliegende lautliche und bildliche Verbindung zu „Luxemburg“ ergab.

Etymologisch ist diese Ähnlichkeit jedoch rein zufällig: „Luchs“ geht auf ein altes germanisches Wort für das Tier zurück, während „Luxemburg“ auf den mittelalterlichen Ortsnamen Lucilinburhuc zurückgeht, der gemeinhin als „kleine Burg“ oder „kleine Befestigung“ gedeutet wird. Der Name ist erstmals im Zusammenhang mit dem Erwerb des Bockfelsens durch Graf Siegfried von den Ardennen im Jahr 963 belegt und entwickelte sich später über Formen wie „Lützelburg“ zum heutigen „Luxemburg/Luxembourg“. Der Luchs kann somit als ein geistreiches Bilderrätsel verstanden werden, das eine zeitgenössische, etymologisch jedoch unbegründete Verbindung zwischen zwei Wörtern völlig unterschiedlicher Herkunft ausnutzt.


Ihre eigentliche Bezeichnung geht auf ihre antijudaistisch und antisemitisch geprägte Rezeptionsgeschichte zurück. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert sind Behauptungen von Numismatikern belegt, die diese Medaillen einem jüdischen Goldschmied und Medailleur in Prag zuschreiben, der sie aus Gewinnsucht als vermeintlich mittelalterliche Originale verkauft habe. Diese durch keinerlei belastbare Quellen gestützte Zuschreibung wurde über Generationen hinweg in gelehrten Abhandlungen, Händlerlisten und Auktionskatalogen weitergegeben. Erst Max Bernhart widerlegte sie in seinem kurzen aber wegweisendem Aufsatz «Judenmedaillen» im Archiv für Plakettenkunde und ordnete die Gruppe chronologisch und kunsthistorisch neu ein (Vgl. M. Bernhart: «Judenmedaillen», Archiv für Plakettenkunde III, 3/4 (1921-1922), S. 115-123). Der Name des tatsächlichen Künstlers ist bis heute unbekannt; Prag gilt jedoch weiterhin als wahrscheinlichster Entstehungsort.


Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 476

BÖHMEN. Prag, circa 1600–1650. Gussmedaille (Gold, 55 mm, 30,34 g, 12 h), sogenannte „Judenmedaille“. Auf die Hochzeit König Ludwigs XII. von Frankreich (1462–1515) mit Anne de Bretagne (1477–1514).LUDOVICO•XII•REGNANTE•CÆSARE•ALTERO•GAUDET•OMNIS•NATIO Gekrönte und drapierte Büste Ludwigs XII. nach rechts. Rs. ANNA•REGINA•HAC•VIVENTE•OMNIS•LÆTABATVR•TERRA Gekrönte und drapierte Büste Anne de Bretagnes nach links. Bernhart 15 var. (Silber). Klein B 15. Köhler VI, 423. Seltenes und sehr gut erhaltenes, schönes Stück. Die üblichen zeitgenössischen Nachbearbeitungen, ansonsten vorzüglich.

Ex Leu 80, 8. Mai 2001, 550.

Diese seltene Medaille erinnert an die politisch bedeutsame Eheschließung König Ludwigs XII. von Frankreich mit Anne de Bretagne im Jahr 1499. Die Verbindung trug dazu bei, die dauerhafte Bindung der Bretagne an die französische Krone zu sichern, während zugleich Teile der eigenständigen Stellung des Herzogtums gewahrt blieben.

Ludwig XII. kann kaum als Beschützer oder Förderer der Juden gelten: Unter seiner Herrschaft wurden die ausgrenzenden Maßnahmen der französischen Monarchie auch auf die Provence ausgeweitet, wo noch alteingesessene jüdische Gemeinden bestanden. Die in den Jahren 1500 und 1501 angeordneten Vertreibungen beendeten faktisch ein jahrhundertelanges organisiertes jüdisches Leben in der Provence und zwangen zahlreiche Juden zur Emigration oder Konversion. Doch selbst die Konvertiten wurden nicht vollständig in die christliche Gesellschaft integriert, denn Ludwig belegte die provenzalischen Neophyten 1512 mit einer besonderen Steuer.


Damit besitzen die sogenannten „Prager Judenmedaillen“ eine doppelte historische Bedeutung: Als kunstvolle Zeugnisse hochentwickelter frühbarocker Goldschmiedekunst sind sie bemerkenswerte Objekte für sich – ihre jahrhundertelange falsche Zuschreibung an einen angeblich betrügerischen jüdischen Handwerker dokumentiert zugleich eindrücklich, wie antisemitische Stereotype in der gelehrten numismatischen Forschung tradiert und scheinbar wissenschaftlich legitimiert werden konnten.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 474

BÖHMEN. Prag, circa 1600–1650. Gussmedaille (Gold, 65 mm, 34,27 g, 12 h), sogenannte „Judenmedaille“ im Gewicht von 8 Dukaten. Auf Maximilian I., römisch-deutscher Kaiser (1459–1519), und Marie de Bourgogne (1457–1482). MAXIM I:FRID:III:FIL•ELECT•ROM•IMP•ANN•MCCCC•LXXXVI: / IMPER• - CONDITOR - •IUDICICAMER• Gekrönte und drapierte Büste Maximilians nach rechts, in der Rechten ein Zepter und in der Linken einen Palmzweig haltend. Rs. MARIA•CAR:BURG:DUC:FILIA•URIC•IMPERATOR•UXOR Gekrönte und drapierte Büste Marie de Bourgognes nach links innerhalb einer verzierten Einfassung. Bernhart 9. Heraeus 14, 10. Klein B 9. Köhler XII, Frontispiz. Montenuovo 4 var. (vergoldetes Silber). Sehr selten und eindrucksvoll. In zeitgenössischer goldener Fassung mit Öse montiert. Die üblichen zeitgenössischen Nachbearbeitungen, ansonsten vorzüglich.

Ex Sincona 9, 22. Oktober 2012, 4843.

Maximilians I. Verhältnis zu den Juden des Heiligen Römischen Reiches war von deutlicher Ambivalenz geprägt: Einerseits bestätigte er wiederholt jüdische Privilegien und hielt am traditionellen Konzept des kaiserlichen Schutzes fest, andererseits gab er zeitweise antijüdischem Druck nach und billigte Vertreibungen, wenn politische oder fiskalische Interessen dies nahelegten. Seine Politik entsprang daher weniger einer konsequenten religiösen Haltung als vielmehr einem pragmatischen Vorgehen, das von dynastischen, finanziellen und territorialen Erwägungen bestimmt war.

Seine 1477 geschlossene Ehe mit Maria von Burgund, eine der folgenreichsten dynastischen Verbindungen des späten Mittelalters und Gegenstand dieser Medaille, brachte das reiche burgundische Erbe in den habsburgischen Machtbereich und legte einen wesentlichen Grundstein für den spektakulären Aufstieg der Dynastie in der europäischen Politik. Die vorliegende Medaille erinnert somit an einen Herrscher, dessen Regierungszeit von imperialem Ehrgeiz, dynastischer Expansion und einer komplexen, oftmals widersprüchlichen Politik gegenüber den unter habsburgischer Herrschaft lebenden Juden geprägt war. Mit ihrem imposanten Gewicht von acht Dukaten zählt sie zu den gesuchtesten Seltenheiten unter den sogenannten Prager „Judenmedaillen“.


Alle hier abgebildeten Medaillen und weitere Stücke werden am 2. November im Rahmen der Leu Judaica Collection in Zürich versteigert. Der insgesamt 600 Losnummern umfassende Katalog enthält Münzen, Medaillen und Plaketten zur jüdischen Geschichte der letzten 2.500 Jahre und ist hier einsehbar: Leu Numismatik  Zum Leu Judaica Departement geht es hier: Home - Leu Judaica Department 

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