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Der Traubenzweig der Hoffnung

Die 5-Lire-Münzen Grappolo d’uva zwischen Neubeginn, Symbolik und numismatischer Wahrheit


In der Wiederentdeckung der ersten Münzen der Italienischen Republik ist es fast unumgänglich, sich einer faszinierenden Prägung der Jahre von 1946 bis 1950 zu widmen: den 5 Lire Grappolo d’uva. Kaum eine andere Münze ist von so vielen Meinungsverschiedenheiten, Halbwahrheiten und regelrechten Mythen umgeben, insbesondere wenn es um ihren angeblichen geht. Und dennoch liegt ihre wahre Bedeutung weniger im finanziellen Aspekt als vielmehr in ihrer historischen, bildlichen und feinsinnigen Aussagekraft.

Die 5 Lire „Grappolo d’uva“ von 1946, das erste Jahr der Serienprägung, von denen lediglich 81.000 Exemplare aus den Pressen der Münzstätte Rom hervorgingen. Bildquelle: Numismatica S. N. C.


Geboren im Königreich, geprägt für die Republik


Die 5 Lire Grappolo d’uva entstand in einer der sensibelsten Phasen der italienischen Geschichte. Ihre Konzeption fällt in die Zeit der Luogotenenza unter Umberto von Savoyen, als noch ungewiss war, ob Italien weiterhin eine Monarchie bleiben oder eine Republik würde. Genau aus diesem Grund tragen die ersten Entwürfe auf der Vorderseite lediglich die Aufschrift ITALIA: Das Referendum vom 2. Juni 1946, bei dem das Volk entscheiden musste, welche Staatsform die Apenninenhalbinsel haben würde, stand noch bevor.


Entworfen wurden die kleinen Geldstücke von Giuseppe Romagnoli, während die Stempel von Pietro Giampaoli geschnitten wurden. Geprägt in Italma – einer leichten Aluminiumlegierung – wirken sie schlicht und fast schon fragil. Doch gerade diese Einfachheit spiegelt ein Land wider, das nach kriegerischer Auseinandersetzung, Zerstörung und innenpolitischen Zäsur einen Neuanfang suchte.



Das Italien-Profil, das Giuseppe Romagnoli für eine kleine Münze des Königreichs – die 20 Centesimi der Königreich-Serie von 1936–1943 – gestaltete, wurde für die republikanischen 5-Lire-Münzen der Jahre 1946–1950 neu ausgearbeitet. Bildquelle: Katz Auktionen Nr. 136, Los 418


Das Gesicht Italiens und das Licht der Freiheit


Auf der Vorderseite der Münze erkennt man das gleichnishafte und allegorische Frauenprofil Italiens, in der Hand eine brennende Fackel. Sie steht für Freiheit, Erneuerung und Hoffnung. Der Entwurf knüpft bewusst an das Profil der Italia auf den 20-Centesimi-Münzen des Königreichs an, allerdings ohne faschistische Sinnbilder. Es ist dieselbe Italia, doch nun vom politisch-ideologischer Ballast befreit und bereit, eine neue Identität zu versinnbildlichen.


Ein Traubenzweig mit antiken Wurzeln


Auf der Rückseite der Münze sieht man einen großen Traubenzweig. Auf den ersten Blick erscheint er als landwirtschaftliche Tradition Italiens, bei näherem Hinsehen verkörpert er dessen ungeachtet so etwas wie ein Symbol mit tiefgehender Bedeutung. Der Traubenzweig ist ein Motiv, das schon auf den antiken Münzen von Naxos, der ersten griechischen Kolonie Siziliens, abgebildet ist.



Eine prachtvolle Drachme aus Naxos aus den Jahren 520–500 v. Chr.: Auf vielen Münzen dieser sizilischen Stadt erscheint der Traubenzweig, der als Vorbild für die Rückseite der 5-Lire-Münzen von 1946–1950 diente. Bildquelle: Raffeiner


Zudem trägt der Traubenzweig eine starke soziale Kernbotschaft in sich: Jede einzelne Beere ist Teil eines Ganzen; Wachstum und Reife sind nur in Gemeinschaft möglich. Für ein Land, das nach dem Krieg keinesfalls bloß wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich zerrissen war, hätte es kaum ein passenderes Symbol geben können.


Seltene Anfänge und das Ende einer Ära


Das erste Prägejahr 1946 brachte nur 81.000 Exemplare hervor – ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Münzen weniger für den Umlauf als für die bildliche Manifestation der neuen Republik gedacht waren. Noch seltener ist das Jahr 1947 mit nur 16.500 geprägten Stücken, heute der begehrteste Jahrgang dieses Geldstücks.


Ab dem Jahr 1948 steigen die Auflagen stark an, doch die Geldentwertung und die steigenden Metallkosten machen die Münze im Laufe der Zeit zunehmend unrentabel. Im Jahr 1950 endet die Serie, ersetzt durch leichtere und billigere 5-Lire-Typen mit Steuerrad und Delfin. Damit teilen die Grappolo-d’uva-Münzen das Schicksal vieler früher republikanischer Prägungen.



Die seltenste unter den 5-Lire-Münzen Grappolo d’uva: die Ausgabe von 1947, geprägt in nur 16.500 Exemplaren. Bildquelle: Ebay, L'Angolo del Collezionismo


Proben, Varianten und der reale Sammlerwert


Besonders begehrt sind die äußerst raren Probestücke mit der Aufschrift PROVA sowie die 1946er-Exemplare mit der Legende ITALIA statt REPUBBLICA ITALIANA. Diese Stücke erzielen bei Auktionen sehr hohe Beträge und sind in im Bereich der italienisch-numismatischen Spitzenraritäten anzusiedeln.

Die gebräuchlichen Umlaufmünzen hingegen besitzen einen deutlich moderateren Marktwert, der stark vom Erhaltungszustand abhängt. Wirklich selten und wertvoll sind nur die frühen Jahrgänge, während die späteren Prägungen vergleichsweise häufig sind und keineswegs Fantasiepreise rechtfertigen.


Mehr als eine Münze


Die 5 Lire Grappolo d’uva sind kein verborgenes Vermögen und kein schneller Schatz. Sie sind etwas Nachhaltigeres, mehr noch – ein greifbares Zeugnis eines geschichtlichen Wendepunkts. In ihrem Design vereinen sie Vergangenheit und Zukunft, Antike und Moderne, Individualität und Gemeinschaft.

Wer eine solche Münze besitzt, hält nicht nur ein Stück Metall in der Hand, sondern ein kleines Kapitel der italienischen Nachkriegsära– geprägt im Zeichen des Zukunftsglaubens, der Unabhängigkeit und des solidarischen Neubeginns.


Andreas Raffeiner

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