• Sylvia Karges

Der Petro – Staatsanleihe im Gewand einer Kryptowährung


Ende 2017 hatte die Regierung Venezuelas unter Präsident Nicolás Maduro die Ausgabe einer digitalen Währung, dem Petro, angekündigt. Durch die Ausgabe sollte nicht nur die Inflation bekämpft werden, sondern auch Geld in die Staatskasse fließen, etwa um Schulden zu tilgen und Importe lebensnotwendiger Güter und Rohstoffe zu erhöhen. Als Deckung der digitalen Währung, die Anfang 2018 offiziell eingeführt wurde, dienen die Erdölreserven Venezuelas: der Wert des Petros ist an den Wert eines Barrels venezolanischen Öls gekoppelt. Ein erster Hinweis darauf, dass es sich nicht um eine Kryptowährung handeln kann.


Laut venezolanischer Regierung stellen die Bemühungen um eine staatliche Kryptowährung eine Reaktion auf die seit 2013 währende Finanz- und Wirtschaftskrise, insbesondere der Hyperinflation und der somit tiefgreifenden Abwertung des BolÍvars Fuerte dar. Dieser bildete auch einen Teil der Währungsreformen: jene reguläre Währung, Landeswährung seit 1879, wurde sechs Monate nach der Einführung des Petro im Februar 2018 durch den BolÍvar Soberano (VES) ersetzt, wobei ein Währungsschnitt im Verhältnis 1:100.000 durchgeführt wurde. Die dann erfolgte Festlegung des Wechselkurs des neuen BolÍvars zum Dollar von 60:1 hielt sich jedoch nicht lange und schnellte in die Höhe. Schon 2019 mussten neue Geldscheine mit höheren Nominalen zu VES 10.000, 20.000 und 50.000 ausgegeben werden. Zudem wurde der BolÍvar Soberano an den bereits eingeführten digitalen Petro gebunden, der ja wiederum seine Verankerung mit dem venezolanischen Ölpreis fand.


Es gibt verschiedene Hintergründe für der Einführung des Petro durch Maduro. Im Folgenden seien einige der wichtigsten vorgestellt. Dazu gehört etwa die langsame „Dollarisierung“ des Landes, auch ob der durch die USA verhängten Wirtschaftssanktionen, da es keine stabile Währung im Land gibt, der vertraut wird. Die Sanktionen beinhalten unter anderen das Verbot des Kaufes neuer, von der venezolanischen Regierung ausgegebener Wertpapiere auf amerikanischen Märkten und jegliche Geschäfte mit Präsident Maduro und dortigen hohen Staatsbeamten. Von venezuelischer Seite heißt es, dass es potenziellen Investorinnen und Investoren durch die Verwendung des digitalen Petro ermöglicht wird, jene verhängten Sanktionen zu umgehen und so trotzdem investiert werden kann. Mittlerweise ist auch der Besitz von Petros für US-Amerikaner verboten. Aber es gibt auch die andere Seite dieser Medaille, die betrachtet sein will: denn das Ganze geht natürlich auch umgekehrt: mit dem Petro lassen sich Gelder nicht nur „ins Land“ holen, sondern auch „außer Landes“ schaffen.


Bei der Einführung des Petro ist auch das simple Faktum zu beachten, dass die venezolanische Bevölkerung aufgrund der Wertlosigkeit des BolÍvars bereits vor Jahren zu Kryptowährungen gefunden hat und diese im alltäglichen Zahlungsverkehr einsetzt. Hier wird mehrheitlich „Dash“ (Digital Cash) verwendet und es liegt sehr nahe zu vermuten, dass die venezolanische Regierung es bevorzugen würde, würde die Bevölkerung venezolanisches digitales Cash benutzen.


Bei Dash handelt es sich um eine der vielen Kryptowährung, die sich jedoch insbesondere darauf konzentriert, als digitales Bargeld Benutzung zu finden, im Gegensatz zu anderen, die mehr als Investment- und Anlagetools dienen. Im Mittelpunkt steht die Möglichkeit sofortiger Werttransaktionen für verschwindend geringe Gebühren, im Gegensatz zu Banküberweisungen und anderen Transaktionen, die nicht nur mehrere Tage dauern können, sondern für die die beteiligten Banken auch kräftige Gebühren verlangen. Da es sich also um supranationales „Geld“ handelt, dessen Entwickler ironischerweise Amerikaner ist, das keine Nationalstaaten kennt, hat die venezolanische Regierung auch keinerlei Kontrolle und Einflussmöglichkeit. Dann doch lieber eine eigene Kryptowährung – oder eine, die zumindest vorgibt, eine zu sein, was bereits kurz nach ihrer Einführung offenkundig wurde.


Die Nutzung von Dash als Zahlungsmittel kann zudem seit 2019 offline mit DashText passieren, was dessen Beliebtheit sicherlich sehr nützlich ist, denn rund ein Drittel der venezolanischen Bevölkerung hat keinen Internetzugang. Das heißt, dass Aus- und Einzahlungen, Überweisungen usw. per SMS getätigt und abgewickelt werden können.

Um den Petro besser zu etablieren wurde diese Möglichkeit der offline Nutzung durch SMS nun auch für diesen eingeführt. Doch eine Etablierung der neuen „Landeswährung“ lässt auf sich warten, auch oder vor allem aufgrund der großen Ungewissheiten bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklungen in Venezuela.


Dass der Petro keine Kryptowährung „per Definition“ ist, sondern vielmehr als eine Staatsanleihe bezeichnet werden kann, zeigt seine etablierte Abhängigkeit vom, vom venezolanischen Staat festgeschriebenen Ölpreis, wie oben erwähnt. Dazu kommt die weitere Verankerung mit dem BolÍvar Soberano, der wiederum eine staatliche Wertfestlegung zum Dollar erfuhr, die sich aber als nicht haltbar herausstellte, wie beschrieben.


Gerade die Unabhängigkeit von solchen „althergebrachten“ Bindungen, sei es an Gold, Silber, an eine bestimmte Währung (also Fiatgeld) bzw. einen Währungskorb oder andere Vermögenswerte ist das Herzstück der Kryptowährungen; sie müssen frei gehandelt werden. Existiert eine Bindung, wie erläutert, handelt es sich vielmehr um sogenannte „stablecoins“. Diese digitalen Währungen, wie beispielsweise der digitale Yuan, der kurz vor der Einführung steht, sind durch die jeweiligen Landeswährungen „gedeckt“ und unterstehen so dem Einfluss und der Kontrolle der jeweiligen Zentralbanken.


Weiterhin hat sich herausgestellt, dass es keine Einblicke in die Funktionsweise des Petro gibt – was Kryptowährungen ja ausmacht. So werden jegliche, ausgeführte Transaktionen durch ein Netzwerk von Computern bestätigt und in einem öffentlichen Ledger, einer so genannten Blockchain, aufgezeichnet (ähnlich wie in der Buchhaltung). Diese einzelnen Operationen sind im Internet für jedermann einsehbar, außer, dass die Identitäten der Beteiligten geheim gehalten werden. Die Operationen werden durch Kryptographie, also die computergestützte Ver- und Entschlüsselung von Daten, gesichert.


Käufer von Kryptowährungen, die für Transparenz etwa bei Mittelbeschaffungen sorgen wollen, verwenden Blockchain-Ledger, um jeden einzelnen Kauf der neuen Währung aufzuzeigen. Das gibt potenziellen Investorinnen und Investoren ein Gefühl dafür, wie viel Geld einfließt, und liefert auch einen relativen Maßstab für die Nachfrage. Die venezolanische Regierung stellt kein solches, öffentliches Register zur Verfügung, das über di Transaktionen mit dem Petro informiert.


Ein gutes Beispiel für die Anwendung von Kryptowährungen bilden zum Beispiel Spendenaktionen, bzw. die Anwendung der Blockchain-Technologie bei gemeinnützigen bzw. non-for-profit-Unternehmen. Da alle Transaktionen, also etwa Spendeneingänge und deren Verwendung in einem öffentlichen Ledger offenliegen, ist auch der Zahlungsfluss immer nachvollziehbar; Spenden können also nicht in die berüchtigten „dunklen Kanäle“ verschwinden. Dies ist insbesondere für Spenderinnen und Spender interessant, gibt ihnen diese dezentralisierte Verwaltung der Finanzen mehr Sicherheit über die Verwendung ihrer Spenden. Wie wir bereits berichtet hatten, wird als erste Organisation der Vereinten Nationen das Kinderhilfswerk UNICEF Kryptowährungen zur Finanzierung von open-source-Technologie verwenden.


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