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Der geheimnisvolle „Omega-Man“

Im Frühjahr 1976 wandte sich der Direktor des American Numismatic Association Certification Service (ANACS) in einer renommierten numismatischen Zeitschrift an einen mutmaßlichen Leser: „Herr Omega, wir wissen, dass Sie Ihre Talente in einem Geschäft auf der anderen Seite des Atlantiks einsetzen, und wahrscheinlich, ja wahrscheinlich erhalten Sie The Numismatist nicht. Aber sicher wird Ihnen jemand, der Sie kennt, diesen Artikel zeigen. Wir dulden Ihre Fälschungen nicht, aber wir hoffen, dass Sie uns schreiben und uns ein wenig über Ihre Tätigkeit erzählen. Wie viele gefälschte Drei-Dollar-Münzen von 1882 und 20-Dollar-Münzen von 1907 haben Sie hergestellt, und stellen Sie sie immer noch her? Wir werden Sie nicht um zu viele Details bitten, denn das könnte Sie davon abhalten, uns zu antworten. Aber vor allem, Mister Omega, schreiben Sie bitte!“ [1]

Eine Antwort erhielt der ANACS-Direktor natürlich nicht. Doch welche Geschichte steckte überhaupt hinter dem ungewöhnlichen Aufruf? Und wer könnte der Fälscher gewesen sein?


Titelseite des US-Pressebeitrags über das Auftauchen und

die Merkmale der Omega-Fälschungen [Northeast Mumismatics]


Im Jahre 1907 entwarf der US-Bildhauer Augustus Saint-Gaudens einen neuen Double Eagle, also eine Goldmünze zu 20 Dollar. Der Entwurf wies ein besonders hohes Relief auf, was die Mitarbeiter der Münzprägestätte in Philadelphia vor große Probleme stellte. Auf Drängen von US-Präsident Theodor Roosevelt wurden schätzungsweise 24 Probestücke hergestellt. Die von dem namhaften Künstler entworfene Münze war aber technisch nicht umsetzbar. Der Entwurf musste überarbeitet werden. Bei dieser zweiten Variante des Double Eagle mit leicht abgeflachtem Relief, ebenfalls aus dem Jahr 1907, konnte bereits eine größere Stückzahl gefertigt werden. Doch auch diese Fassung erwies sich als ungeeignet, um Millionen Exemplare anfertigen zu können. Die Prägung der Münzen musste letztlich auf ein relativ flaches Relief umgestellt werden. Die wenigen Exemplare mit besonders hohem Relief werden seither zu exorbitant hohen Preisen angeboten.

Doch vor 50 Jahren kamen plötzlich zahllose dieser Stücke auf den Markt.


Fälschung. USA. 20 Dollars von 1907. High Relief, 900er Gold,

33,4 g, 34 mm [Numismatic Guaranty Corporation]


Bei einer näheren Untersuchung stellte sich heraus, dass ein Teil von ihnen gefälscht war: „Nach genauer Inspektion der Münzen wurde ein mysteriöses Zeichen bemerkt. Auf einigen der Münzen wurde der griechische Buchstabe Omega in der Kralle des Adlers versteckt gefunden. Diese raffiniert gefertigten Münzen gingen auf den ersten Blick erstaunlicherweise als authentische Double Eagles durch. Erst am Zeichen des gewieften Fälschers fiel auf, dass es sich um Falsifikate handelte.“ [2] Die Qualität der Fälschungen war so gut, dass sich selbst die Experten des American Numismatic Association Certification Service anfangs täuschen ließen: „Die Kombination aus Gravur und Fertigungsqualität hat zu Spekulationen veranlasst, dass die Produktion mehrere Personen erfordern würde, um sie aufzuziehen.“ [3]

Um die geschätzten 20.000 Nachahmungen herzustellen, wurde zudem eine große Menge Gold benötigt. Wie die Originale, bestanden die Stücke nämlich aus 900er Gold. Haben der „Omega-Man“ und seine Helfer die Münzen allein auf den Markt geworfen, um Geld damit zu verdienen? Oder spielten auch andere Motive noch eine Rolle?


Ω im Revers-Ausschnitt der 20-Dollars-Fälschung [Numismatic Guaranty Corporation]


Ginge es allein um einen hohen Ertrag aus dem Absatz der Fälschungen, wäre eine Markierung der Münzen entbehrlich gewesen. Über die Beweggründe wurde viel spekuliert: „Die frühen 70er Jahre waren Zeiten des politischen Umbruchs. Vieles davon drehte sich um den Krieg in Vietnam. Der Omega-Buchstabe wurde als Symbol des Widerstands gegen den Krieg verwendet. […] Könnten die Münzen von wohlhabenden Widerständlern hergestellt worden sein, um ihre Ziele zu finanzieren?“ [4] Aber auch andere Fragen wurden diskutiert: „Projekte im Umfang von Omega wurden auch von feindlichen Regierungen durchgeführt. Während der Zeit des Omega-Man war der Kalte Krieg in vollem Gange. Könnte es ein Plan der damaligen Sowjetunion gewesen sein? Russland verfügt über riesige Goldreserven und ist bis heute dafür berüchtigt, Störmaßnahmen gegen fremde Nationen zu ergreifen.“ [5] Worin die Gründe für die massenhafte Fälschung gelegen haben mögen, blieb aber ungeklärt. Der Omega-Man konnte nie ausfindig gemacht werden.


Fälschung. USA. 3 Dollars von 1882. 900er Gold, 5,0 g, 20 mm [Numismatic Guaranty Corporation]


Anstelle dessen konnten aber weitere seiner Fälschungen identifiziert werden: „Später stellte sich heraus, dass dieses Omega-Symbol auch auf anderen Goldmünzen angebracht war. Es scheint, dass die 3-Dollars-Goldmünzen von 1882 ebenfalls die Aufmerksamkeit des Omega-Mannes erregten. Auf dieser Münze befindet sich innerhalb des R des Wortes LIBERTY das gleiche Omega-Symbol.“ [6] Die Markierung wurde auch auf 3-Dollars-Münzen der Jahrgänge 1874, 1878 gefunden. Außerdem konnte sie auf 10-Dollars-Münzen der Jahrgänge 1913 und 1926 gefunden werden.


Vor 50 Jahren waren solche Fälschungen noch nicht einmal strafbar. Erst mit dem Hobby Protection Act von 1973 wurden die Sammler wirksam geschützt. Alle Nachahmungen müssen seither deutlich gekennzeichnet werden. Inzwischen ist sogar ein Sammlermarkt für solche Falsifikate entstanden. Nicht wenige unter den amerikanischen Münzsammlern wollen heute einen Double Eagle mit jenem hohen Relief in der Ausführung des mysteriösen Omega-Man besitzen.


Ω im Avers-Ausschnitt der 3-Dollar-Fälschung [Numismatic Guaranty Corporation]


Quellen

  1. Charles R. Hoskins: "Mister Omega, Write!", in: The Numismatist, Mai 1976, S. 1007.

  2. "Who Was the Mysterious Omega Man?", auf: mysteriouswritings.com

  3. "Notorious Counterfeiters – The Omega Man Mystery", auf: greatamericancoincompany.com

  4. Ebd.

  5. Ebd.

  6. Who Was the Mysterious Omega Man?

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