• Dietmar Kreutzer

Die Metamorphose des Sammlers


Häufig wird beklagt, dass der Sammler vom alten Schlage eine aussterbende Spezies sei. Unter den Jugendlichen in der Schule gibt es keinen einzigen, der Briefmarken sammelt. Vom Büchernarren, der bibliophile Kostbarkeiten hortet, existieren nur noch wenige Exemplare. Auch die Sammlergemeinde bei Sondermünzen ist insgesamt seit Jahren rückläufig. Die Frage steht im Raum: Stirbt der Typ des Sammlers aus oder verändert sich nur die Art des Sammelns?

Münzen im Rezeptionsgefüge zwischen Sammlung und Vermögensbildung. Bildquelle: Peakpx, CC0.

Um die Frage beantworten zu können, muss zunächst geklärt werden, was Sammeln eigentlich ist. Der Philosoph Manfred Sommer hat ein Buch darüber geschrieben: Sammeln – ein philosophischer Versuch (Frankfurt/Main 1999). Darin begibt er sich auf eine Expedition in die Menschheitsgeschichte. Resümierend unterscheidet er den „Freiwildjäger“ vom Kunstsammler: „Wer ökonomisch sammelt, dem genügt, dass das Gesammelte unter seinen Begriff fällt. Es ist ihm gleichgültig, ob die Dinge, die er wegen ihrer Gleichheit seiner Sammlung zuschlägt, trotz dieser Gleichheit auch noch voneinander verschieden sind oder nicht. (…) Ökonomisches Sammeln ist akkumulierend. Ästhetisches Sammeln dagegen ist differenzierend. Wer so sammelt, der sucht und würdigt und bewundert vor allem das begrifflich nur mühsam oder gar nicht Fassbare an den Dingen: ihre Besonderheit und Kuriosität, ihre Individualität und Singularität, ihre Schönheit und ihren Zauber.“ (Manfred Sommer, Eine Phänomenologie des Sammelns und des Sammlers, in: Kunstforum, Band 211, Oktober 2011, S. 45). Allerdings gebe es Schnittmengen.

Der Münzsammler, Gemälde von Hedrik Gerritsz (1580-1657). Bildquelle: Wikimedia, Google Arts Project.

Sammler gab es bereits in der Antike, selbst Münzsammler, wie Plinius der Ältere berichtet. Als erster bekannter Münzsammler der Neuzeit wird zumeist Francesco Petrarca (1304-1374) genannt. Im Jahr 1355 schenkte er Kaiser Karl IV. eine Münze des Augustus und erklärte ihm den Sinn der Sammlertätigkeit: „Für Petrarca bildeten die antiken Münzen eine Galerie von Denkmälern der darauf dargestellten Personen. Sie erinnerten an ihre Taten und veranschaulichten ihren Charakter.“ (Rosemarie Grieco, Anfänge des Münzensammelns und der numismatischen Literatur; in: Money Trend, Heft 4/1994, S. 12). Seither sind die Sammler zumeist in wirtschaftlich und kulturell entwickelten Ländern zu finden. Oft handelt es sich um materiell gut abgesicherte Männer im fortgeschrittenen Alter. Walter Grasser stellte einmal eine Liste wichtiger Sammler aus der Zeit um 1900 zusammen, alles Männer, angeführt vom Marchese Filippo Narignoli in Rom mit 70.000 Objekten (Geschichte des Münzensammelns und bedeutende private Sammlungen, in: Walter Grasser, Münzen, München 1983, S. 143f.). Prof. Andreas Sommer führt den Männer-Überhang auf die instinktive Triebfeder der Jagdleidenschaft zurück: „Welcher moderne Sammler kennt nicht die Inbrunst der Jagd, das ruhelose Durchforsten eines Münzenbörsen-Dschungels, das Auflauern am Tisch eines Händlers, auf dessen Tablett das begehrte Stück nur darauf zu warten scheint, erlegt zu werden, das die Aufplustern vor dem schon sichtlich eingeschüchterten Verkäufer, das Abschütteln der gierigen Konkurrenten, die ebenfalls um den Tisch herumlungern, und schließlich das Zuschlagen, der Panthersprung, der endlich vom Begehrten Besitz ergreift?“ (Andreas Sommer, Die Münze als Sammelgegenstand, in: MünzenRevue, Heft 7+8/2000, S. 28). Dabei sei das Horten von Zahlungsmitteln, die ihrem ursprünglichen Zweck entzogen werden, das eigentlich Spannende. Er schreibt dem Münzensammeln eine bewahrende Funktion zu, mit dem konservative Sammler den Wertverlust des Geldes aufzuhalten suchten. In dem Buch Die Hortung (Düsseldorf 2000) hat er diesen Gedanken ausgeführt.

Reduktion des Gegenständlichen im Wertspektrum der Jugend. Bildquelle: Needpix, Vic Padilla.

Heute streamen junge Leute ihre Lieblingsfilme, stellen sich individuell Musikprogramme zusammen oder sammeln Follower bei Facebook. Hunderte von Büchern oder Fotos sind auf einem Stick gespeichert oder in der Cloud. Oft sind die Medien sogar frei zugänglich. Hat der Sammler alten Schlages etwas mit dem neuen, vermeintlich so anderen Typ des Sammlers zu tun? Um der Art des Sammelns im digitalen Zeitalter näherzutreten, bemühen wir noch einmal den Philosophen. Er erklärt, dass auch die Form der digital verfügbaren Sammlung eine Geschichte hat: „Ich räume gerne ein, dass es auch rein ästhetische Objekte etwa literarischer oder musikalischer Art gibt. Sammlungskundlich ist indes zu bedenken, dass sprachlich inkarnierte Bedeutungsgefüge, wie Romane oder Gedichte, und akustische Sinngebilde, wie Symphonien oder Jazzkonzerte, sich nicht als sie selbst sammeln lassen, sondern immer nur indirekt, nämlich vermittels ihrer materiellen Träger: bedrucktes Papier, magnetisierte Kunststoffbänder, digitale Speicherplatten. Derlei Dinge können wir sammeln und mittels ihrer auch anderes.“ (Manfred Sommer, Eine Phänomenologie des Sammelns und des Sammlers, S. 47).

So differenziert sich die Gemeinde der Sammler also nur weiter auf. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen Werte nicht mehr zwingend materiell in Besitz genommen werden. Neben dem Sammler gegenständlicher Werte tritt ein neuer Typ. Es ist jener, der vordergründig nicht das Objekte anschafft, sondern virtuelle Werte einsammelt. Im Alter greift allerdings selbst dieser neue Typ oft auf „Sachwerte“ zu.