• Dietmar Kreutzer

Das Tauziehen um König Leopold III.


Belgiens König Leopold III. (1901-1983) zum Zeitpunkt der Thronübernahme. Bildquelle: Wikimedia, Nationaal Archief.

Die belgischen Münzen, die unter der Regentschaft von König Leopold III. entstanden, sind außerordentlich vielgestaltig. Ein einheitliches Konzept für ihr Erscheinungsbild war lange Zeit nicht erkennbar. Beinahe jede Münze sieht daher anders aus. So gibt es Ausgaben mit dem Porträt des Königs, andere mit einer Ansammlung von Wappen und wieder andere mit symbolträchtigen Figuren. Mit Marcel Rau (1886-1966) ist immerhin ein renommierter Bildhauer und Zeichner für mehrere der Ausgaben verantwortlich. Auch zahlreiche Standbilder und Fassadenplastiken in Belgien tragen seine Handschrift. Eine attraktive Silbermünze zu 20 Francs, die im Jahr 1934 erstmalig erschien, zeigt erstmals das von ihm entworfene Porträt des neuen Königs.

20 Francs (Belgien, 1935, 680er Silber, 11 g). Bildquelle: 51 Gallery, April 2018, 216.

Nach der Abwertung der belgischen Währung von 1935 entwarf er auch die neuen Nickelmünzen zu 5 Francs. Über lange Zeit hinweg wurden nur noch Geldstücke ab einem Nennwert von 50 Francs aus Silber geprägt. Die Münze zu 50 Francs aus dem Jahr 1939 ist ein Beispiel dafür. Auf der Vorderseite trägt sie das lange unverändert gebliebene Porträt des Königs von Marcel Rau. Die Rückseite zeigt das gekrönte Wappen der neun belgischen Provinzen.

50 Francs (Belgien, 1940, 835er Silber, 20 g). Bildquelle: NumisCorner.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt Rau erneut Aufträgen zur Herstellung von Münzen: „Er entwarf nicht weniger als zehn Münztypen und ist auch der Einzige, der König Leopold III. auf dem belgischen Geld porträtierte.“ (Greet de Lathauwer, Der letzte halbe Belgische Franken, auf: nbbmuseum.be).

100 Francs (Belgien, 1949, 835er Silber, 18 g). Bildquelle: Comptoir des Monnaies.

Während Marcel Rau unter Kunstliebhabern und Numismatikern bis heute geschätzt wird, ist der König, den er wiederholt porträtierte, nahezu vergessen. Das war jedoch nicht immer so. Zu seinen Lebzeiten war Leopold III. eine äußerst umstrittene Persönlichkeit.

Nach dem Tod seines Vaters hatte Leopold im Februar 1934 den belgischen Thron bestiegen. Im August 1935 verlor er bei einem Unfall (Schweiz) seine Frau, die aus Schweden stammende Königin Astrid. Der König hatte bei einer Ausfahrt in Küssnacht am Vierwaldstättersee die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Das Fahrzeug stürzte eine steile Uferböschung hinab. Seine Frau wurde dabei aus dem Wagen geschleudert und prallte gegen einen Baum. Sie starb noch am Unfallort. Die politischen Turbulenzen, in die sich Leopold III. verstrickte, folgten nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Sechs Monate nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen wurde Leopold III. von Adolf Hitler im Berghof empfangen. Der Reichskanzler versprach dem König, der den Eindruck eines Primaners hinterließ, dass er seinen Thron behalten werde. Hitler danach: „Er ist auch nicht besser als die anderen Könige und Fürsten.“ (Raymond Cartier, Nach dem Zweiten Weltkrieg – Mächte und Männer 1945 -1965, München 1976, S. 61). In den folgenden Jahren bewohnte er mit kleinem Gefolge das bei Brüssel gelegene Residenzschloss Laeken. Ohne vorherige standesamtliche Trauung heiratete Leopold dann im September 1941 die bürgerliche Marie Liliane Baels, Tochter eines deutschfreundlichen Gouverneurs. Hitler schickte ein Glückwunschtelegramm und Blumen. Durch diesen Akt wurde in dem notleidenden Land bekannt, dass der angebliche „Kriegsgefangene“ eigentlich gar keiner war. So bestimmte das Parlament nach der Befreiung von Belgien den Bruder des Königs zum Regenten. Ministerpräsident Achille van Acker vor dem Parlament: „Ich werfe dem König nicht vor, das Land verraten zu haben, aber der König hat an einen deutschen Sieg geglaubt und auf die Okkupation nicht wie die übrigen Belgier reagiert. Er genießt nicht mehr das Vertrauen und die Autorität, die zur Ausübung seines hohen Amts nötig sind.“ Sein Minister und Parteigenosse Paul-Henri Spaak setzte nach: „Nehmen Sie an, meine Herren, ein Beamter meiner Abteilung hätte mitten im Krieg mit Hitler bei einer Tasse Tee ein Gespräch geführt. Glauben Sie, die Säuberungskommission würde ihn auf seinem Posten belassen?“ (Ebenda, S. 649). Der Aufforderung zum Thronverzicht widersetzte sich Leopold jedoch.

Ein Teil der Bevölkerung erklärte sich in einer Petition für eine Rückkehr des Königs. So kam es zu einer Volksabstimmung mit der Fragestellung: „Sind Sie der Ansicht, dass König Leopold III. die Ausübung seiner verfassungsmäßigen Rechte wieder übernehmen soll?“ Mit einem Stimmenanteil von 57,6 Prozent antworteten die Belgier mit „Ja“. Problem war jedoch, dass nur die Flamen mit großer Mehrheit für den bisherigen König gestimmt hatten. Die Wallonen hatten sich mit 58 Prozent gegen ihn erklärt. Das Land drohte zu zerreißen. Der starrsinnige König beharrte jedoch auf seinem Recht, auf den Thron zurückkehren zu dürfen. Das Votum der Bevölkerung habe ihn dazu ermächtigt. Als er im Juli 1950 aus dem schweizerischen Exil zurückkehrte, kam es zu Streiks und Demonstrationen im Lande. Die Regierung ließ in Brüssel die Straßen sperren und berief ihre Besatzungstruppen aus Deutschland zurück. Bei Lüttich wurden fünf Demonstranten getötet. Erst jetzt lenkte Leopold ein. In einer Rundfunkansprache gab er seinen Thronverzicht bekannt. Er wolle das Land verlassen. Zum Zeitpunkt der Volljährigkeit, also im Juli 1951, werde sein ältester Sohn Baudouin den Thron besteigen. Der regierte Belgien von 1951 bis 1993.