• Sylvia Karges

Wie ein Säugling russischer Kaiser wurde


Nach dem „Sturz“ des knapp einjährigen Iwan VI. als russischer Kaiser 1741 wurde der Besitz von Münzen in seinem Namen verboten. Sie sollten nach einem Ukas, also Edikt, von Kaiserin Elisabeth I. vom 31. Dezember 1741 innerhalb eines Jahres gegen neue Münzen getauscht werden. Zusätzlich wurde angeordnet, dass die Einbehaltung der Münzen Iwans über den Monat Juni des Jahres 1745 hinaus als Staatsverbrechen bestraft würde – auch wenn Historiker annehmen, dass eine große Menge der Münzen trotz der Strafandrohung einbehalten wurde. Treten die heute seltenen Münzen auf Auktionen auf, erzielen sie außergewöhnliche Preise.

Iwan VI. Antonowitsch (1740–1764) wurde von der kinderlosen Kaiserin Anna (1693–1740) zu ihrem Nachfolger ernannt. Lassen Sie uns „ausklamüsern“ warum, denn auch Anna Petrowna (1708–1728) und Elisabeth Petrowna (1709–1762) hatten als Töchter Peters des Großen Ansprüche auf den Thron.

Um den Weg Iwans VI. zum Thron zu verfolgen, müssen wir bis Zar Fjodor III. (1661–1691) zurückgreifen, denn nachdem dieser starb, stellten sich schnell Machtkämpfe bezüglich des Zarenthrones ein. So hatte einerseits Iwan V. (1666–1696), der oft als „geistesschwach“ beschrieben wird, als Bruder Fjodors und nun letzter männlicher Erbe aus der ersten Ehe seines Vaters Zar Alexejis (1629–1676) Thronansprüche – wie sein Halbbruder Peter I., der aus der zweiten Ehe Alexejs stammte. Beide Parteien, jeweils die Familien der ersten und der zweiten Ehefrau Alexeijs, kämpften also um die Durchsetzung ihrer Ansprüche.

Peter I. wurde kurzerhand von seiner Familie zum Thronfolger ernannt und aufgrund seiner Unmündigkeit wurde seine Mutter, die Zarenwitwe Natalja Kirillowna Naryschkina (1651–1694), zur Regentin erklärt. Daraufhin folgte der Moskauer Aufstand von 1682 bzw. der erste Strelitzenaufstand, der durch Gerüchte, einerseits um eine angebliche Ermordung Fjodors III. und andererseits auch seines Bruders Iwans V. durch die Familie Peters I. mütterlicherseits, entfacht wurde. Die Strelitzen, die Palastgarde, spielten hierbei die größte Rolle und die Folge dieser unbewiesenen Gerüchte war ein Blutbad – Angehörige Peters wurden vor seinen Augen ermordet, obwohl sich schließlich herausstellte, dass beide Gerüchte haltlos waren.

Die Macht der Strelitzen reichte jedoch weit, wie der Kompromiss zur Thronfolge zwischen den streitenden Familien zeigt: Iwan V. wurde trotz seiner Gesundheitsprobleme als Zar gekrönt, wie auch Peter I.; da beide jedoch noch minderjährig waren, übernahm Sophia (1657–1704), die Schwester Iwans V. und Halbschwester Peters I., die Regentschaft. Nachdem Sophia 1689 militärische Niederlagen plagten und sich herausstellte, dass sie zudem einen Anschlag gegen Peter I. plante, der zu diesem Zeitpunkt bald seine Volljährigkeit erreichen sollte, wurde sie von Peter und seinen Anhängern verbannt. Auch Iwan V., kaum an den Regierungsgeschäften beteiligt, stellte sich gegen seine Schwester. Dies und seine Volljährigkeit machten Peter I. nun de facto zum Alleinherrscher, bis Iwan V. schließlich 1696 starb und Peter alleiniger Zar bzw. ab 1721 Kaiser wurde.

Nachfolger Peters des Großen wurde nicht sein Sohn Alexei von Russland (1690–1718), sondern Katharina I. (1684–1727), seine zweite Ehefrau. Dies kam u.a. deshalb, weil Peter 1722 die Nachfolgeregelungen für den Kaiserthron so änderte, dass der oder die Kaiser/in den oder die Thronfolger/in selbst bestimmen sollte; das Erstgeburtsrecht fand also keine Anwendung mehr. Peter machte jedoch nicht wirklich davon Gebrauch – er hinterließ kein Testament. Daraufhin bildeten sich verschiedene Parteien, es wurden Intrigen gesponnen und Peters Frau trat schließlich als Katharina I. die Nachfolge an und regierte für zwei Jahre bis zu ihrem Tod.

Mögliche Thronfolgerinnen nach Katharinas Tod waren nun insbesondere ihre bereits genannten Töchter mit Peter dem Großen: Anna Petrowna und Elisabeth Petrowna. Zum Zaren ernannt wurde jedoch Peter II. (1715­1730), ihr Stiefenkel.

Obwohl Anna und Elisabeth für die vorläufige Abtretung ihrer Thronansprüche entschädigt werden sollten, geschah dies nicht. Und hier kommen wir kurz zu den mannigfaltigen Gestalten im Hintergrund: denn unter anderen war Alexander Danilowitsch Menschikow (1673–1729) für die Durchsetzung der Thronfolge nach Katharinas Tod zuständig, der schon unter ihr die Regierungsgeschäfte führte. Der Staatsmann, Generalissimus und Vertraute Peters I. und Katharinas I. übernahm für den erst zwölfjährigen Peter II. die Regierungsgeschäfte und war so natürlich auch sehr an deren Fortführung interessiert. Jedoch verstarb Peter II. bereits knapp drei Jahre nach der Thronbesteigung, 1730. Da er keine Nachkommen hatte, starben mit ihm auch die männlichen Romanows aus.

Erneut stand Elisabeth Petrowna zur Wahl, denn Anna Petrowna war bereits 1728 gestorben. Jedoch kam es auch dieses Mal wieder ganz anders. Kaiserin wurde Anna Iwanowna, die Tochter Iwans V., der zusammen mit seinem Halbbruder Peter I. als Zar regiert hatte.

Somit gab es nun wieder eine politische Verlagerung zu Gunsten der Nachfahren Iwans V., unter anderem angetrieben von einer weiteren Gestalt im Hintergrund, vom in Deutschland geborenen russischen Diplomaten und Staatsmann Heinrich Johann Friedrich Ostermann (1647–1747) – der im übrigen für diese Lenkung der Ereignisse von der späteren Elisabeth I. zum Tode verurteilt bzw. in die Verbannung geschickt wurde.

Doch bleiben wir bei Anna, was uns nach diesem Exkurs in russischer Thronfolge des 18. Jahrhunderts zu Iwan VI. führen wird. Anna kam als Witwe auf den Thron. Sie war lange vor ihrer Ernennung zur Kaiserin verheiratet worden mit Friedrich Wilhelm Kettler (1692–1711), der jedoch kurz nach der Hochzeit starb. Die Ehe war kinderlos. Als Thronfolger kam wieder nicht Elisabeth Petrowna zum Zuge, sondern Anna bestimmte als Nachfolger einen weiteren Nachfahren ihres Vaters Iwan V. – den Enkel ihrer Schwester Katharina Iwanowna, Iwan VI.

Und auch hier gibt es eine Gestalt im Hintergrund, die vieles lenkte: Ernst Johann von Biron (1690–1772). Diesen brachte Anna mit ihrer Thronbesteigung aus Kurland nach St. Petersburg, wo sie vor ihrer Krönung als, wie oft zu lesen ist, nicht unbestrittene Regentin zu Hause war.

Russland, Iwan VI., Rubel 1741

Foto: Stacks&Bowers, Auktion vom 11.1.2019

Nach dem Tod Annas 1740 wurde also Iwan VI. als Nachfolger ausgerufen und just Ernst von Biron sein Vormund. Dies mischte die Karten am Hof neu; auch bezüglich der unter Anna in hohen Ämtern dienenden deutschen Persönlichkeiten zu Hofe, den Gestalten im Hintergrund. Bereits genannter Ostermann distanzierte sich von Biron und dessen Beziehung zu Generalfeldmarschall Burkhard Christoph Graf von Münnich (1683–1767) verwandelte sich in eine Feindschaft, die darin endete, dass letzterer ihn unter der Zustimmung von Anna Leopoldowna verhaften und anklagen ließ. Die Roulettescheibe drehte sich jedoch schnell weiter. In Kurzform: nach Birons Sturz wurde Münnich Premierminister und die Regentschaft übernahm Anna Leopoldowna. Diese stand einem Verteidigungsbündnis mit Preußen jedoch entgegen, favorisierte vielmehr Österreich und Sachsen, so dass Münnich wiederum von Ostermann abgesetzt wurde.

Für die dynastischen Zusammenhänge ist es nicht unwichtig an dieser Stelle zu erwähnen, dass Anna Leopoldowna, Enkelin Iwans V., durch ihren Vater Karl Leopold von Mecklenburg eine geborene Herzogin zu Mecklenburg-Schwerin war und durch ihre Heirat mit Anton Ulrich, einem Schwager Friedrichs II., ebenso eine Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Elisabeth, nun schon zweimal bei der Thronfolge übergangen, stürzte 1741 mit ihren Anhängern schließlich den nominellen Kaiser Iwan VI. und die Regentin Anna Leopoldowna in einem unblutigen Staatsstreich.

Iwan Antonowitsch wurde mit seinen Eltern zuerst nach Riga gebracht, dann jedoch getrennt in Cholmogroy, in der Oblast Achangelsk im Nordwesten Russlands, in Gefangenschaft gehalten. Elisabeth soll vorgehabt haben, die Familie nach Deutschland ausreisen zu lassen, doch diese Pläne wurden dann aufgrund verschiedener Geschehnisse nicht verfolgt. Vielmehr verblieben Anna Leopoldowna und ihr Mann in Cholmogroy bis zu ihrem Tod. Unter Katharina II. wurde den während der Gefangenschaft geborenen Kindern des Ehepaares 1780 schließlich die Ausreise gestattet. Sie lebten fortan bei der dänischen Königinwitwe Juliane Marie von Braunschweig, ihrer Tante.

Iwan wuchs ohne Angehörige in Gefangenschaft auf. Als er zwölf Jahre alt war, 1756, wurde er in das Gefängnis der Festung Schlüsselburg gebracht, ca. 35 km östlich von St. Petersburg. Er hatte kaum Kontakt zu Menschen, jedoch soll ihm das Lesen der Bibel beigebracht worden sein. 1762 soll er erst von Peter III. und dann etwas später von Kaiserin Katharina II. persönlich besucht worden sein. Über die Gründe dieser Besuche kann nur spekuliert werden. 1764 kam es zu einem Befreiungsversuch durch einen Offizier namens Wassili Mirowitsch, der jedoch scheiterte: für den Fall eines Befreiungsversuches gab es die Anordnung an die Wachen, den Gefangenen sofort zu töten.

In der kurzen „Regierungszeit“ Iwans VI. wurden verschiedene Nominale in seinem Namen geprägt; in Silber und Bronze. So gab es jeweils silberne Rubel, Poltina und Griwenniks. In Bronze waren es Denga und Poluschka. Auch ist ein Probestück für einen Rubel aus dem Jahr 1740 bekannt, das in einer Auktion des Aktionshauses Sincona im September 2012 den unglaublichen Preis von 2,97 Millionen Euro erzielte.

Bild und Text Sincona, Auktion 7 (Oktober 2012), Nr. 227: Pattern Rouble 1740, St. Petersburg Mint. 25,78 g. Bitkin 49 (R4). 1’000 roubles according to Petrov!! 300 roubles according to Iljin!! Ornamented edge. Excessively rare and one of the most desirable coins! One of the greatest russian rarities. The most valuable Russian silver coin alongside with the famous Constantin rouble and a once-in-a-lifetime opportunity to buy this most impressive rarity after more than 40 years. Small collector’s mark „A.T.“ on the rim! Beautiful patina and virtually almost uncirculated.

Literatur:

Peter Hoffmann: Peter der Große als Millitärreformer und Feldherr. Frankfurt 2010.

Elisabeth E. Kwan u. a.: Vergessene Frauen der Welfen (mit Anna Leopoldowna). Göttingen 2008.

Detlef Jena: Zar Iwan VI. Der Gefangene von Schlüsselburg. München 2004.

Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Russlands. Ditzingen 2003.

Silvia Grabler: Russland unter Katharina II. München 2002.

Johannes Volker Wagner (Hrsg.): Ein Deutscher am Zarenhof. Heinrich Graf Ostermann und seine Zeit 1687–1747 (Ausstellung Staatliches Historisches Museum Moskau, 2000, und Stadtarchiv Bochum, 2001). Essen 2001.

Robert R. Massie: Peter der Grosse. Sein Leben und seine Zeit. Frankfurt 1992.

Edith Martha Almedingen. Die Romanows – Die Geschichte einer Dynastie, Russland 1613–1917. Frankfurt 1992.