• Dietmar Kreutzer

Der Kampf ums Silber: Vom Candelaria-Fest in den mexikanischen Dschungel


Den Mann, der unter dem Pseudonym B. Traven weltweit über 35 Millionen Bücher verkaufte, umgibt bis heute ein Geheimnis. Bildquelle: Wikimedia, Schramm

Vom Geschäftssinn der Leute in Mexiko hatte B. Traven (1882–1969) keine sonderlich hohe Meinung: „Der Mexikaner, jedenfalls die große Mehrzahl der Mexikaner, kann es nicht ertragen, Geld in seiner Tasche oder in seinem Kasten zu wissen. Wenn er fünf Pesos am Tag verdient, so bemüht er sich, sieben Pesos auszugeben. Er liebt es, Feste zu feiern und Feste zu geben. Je mehr, desto besser. (…) Es ist keineswegs übertrieben zu sagen, dass der Mexikaner, der es seiner Familie, seinem Vaterlande, seinen Freunden und der katholischen Kirche rechtmachen will, dreitausendsiebenhundert Tage benötigt, um alle die Feste zu geben und zu feiern, die er innerhalb eines Jahres als guter Familienvater, als Patriot und als gläubiger Katholik zu geben und zu begehen verpflichtet ist. Aus diesem Grunde hat er nie Geld, kommt nie zu Geld, und wenn er doch auf irgendwelchen Umwegen zu einem Wohlstand gelangt, gibt er ein großes Bankett für alle seine Freunde, um diesen Vorgang zu feiern – und er steht am nächsten Tag mit so vielen Schulden da, dass er fünf Jahre braucht, um dort wieder hinzugelangen, wo er vor dem Bankett stand.“ (B. Traven: Der Marsch ins Reich der Caoba, Frankfurt/Main 1983, S. 12f.)

20 Pesos (1904, 875er Gold, 33,8 Gramm) waren bis zur Währungsreform von 1905 das wertvollste mexikanische Zahlungsmittel. Bildquelle: Heritage Auctions

Besuchte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Candelaria-Heiligenfest in der Bezirksstadt Hucutsin, sah man zuerst syrische und libanesische Händler. Die waren wesentlich geschäftstüchtiger als die Mexikaner. Innerhalb von fünfzehn Jahren wurden viele von ihnen zu Millionären. Sie waren besser als die Einheimischen über deren Festtage informiert, wussten, welchen Tand man einem Indio für wieviel Geld andrehen konnte, bestachen die Behörden effizient im Ringen um den besten Platz für ihren Marktstand. Die angebotenen Waren ließen sie für einen Hungerlohn von zwanzig oder fünfundzwanzig Centavos pro Tag von mexikanischen Frauen fertigen. Um Kosten für Wachpersonal und eine Herberge zu sparen, nächtigten sie unter freiem Himmel: „Das sicherste Verhütungsmittel gegen Stehlerei war, dass die Händler auf ihren Warentischen und auf ihren Warenballen schliefen, so dass der Zugang zu ihren Reichtümern nur über ihren Leichnam ging. Denn sie alle hatten einen schweren Revolver im Gurt; diesen Gurt lockerten sie zwar etwas für die Nacht, aber sie schnallten ihn nicht völlig los. Das Geld, das sie am Tage vereinnahmt hatten, trugen sie in einem anderen Ledergurt, den sie auf den nackten Körper schnallten. Dieser Gurt war hohl, so dass man die goldenen und silbernen Geldmünzen wie in einen Schlauch hineinfüllen konnte.“ (Ebenda, S. 34f.)

Der Peso (1909, 903er Silber, 27,1 Gramm), auch als Duro bezeichnet, diente lange Zeit als Zahlungsmittel für größere Summen. Bildquelle: DHgate

Besonders locker saß das Geld bei den Finqueros, den mexikanischen Gutsbesitzern. Sie schlossen während der Festwoche alle Verträge, beglichen Rechnungen und ließen sich ihre gesamte Jahreslieferung bezahlen: „Die Finqueros, die sich jetzt im Besitz der Gelder befanden, die sie für Lieferungen einkassiert hatten, waren nach allen Seiten hin freigiebig. Sie ließen ihre Frauen und Töchter einkaufen, soviel diese nur wollten. Sie gaben ihren Söhnen hundert oder zweihundert Pesos in Gold in die Hand, damit sich die Söhne nach dem langen eintönigen Leben auf der fernen Finca einige gute Tage machen sollten. Die Söhne kauften sich große silberne Sporen, mit Gold und Silber ausgelegte Revolver, Lederjacken mit gepunzten und gebrannten Ornamenten, Hosen, mit gigantischen Silberstücken an den Seiten benäht, große Hüte mit echter Goldstickerei, Hüte, von denen einzelne bis zu zweitausend Pesos pro Stück kosteten. Sie kauften rote, gelbe, weiße Hemden aus reiner Seide. Und wenn der Dentist, der während dieser Zeit hier seinen Laden aufgemacht hatte, eine Stunde frei haben sollte, dann gingen die Söhne der Finqueros hin, ließen sich vorn drei oder vier kerngesunde Zähne abschleifen und Goldkappen aufsetzen, um jedes Mädchen sehen zu lassen, dass sie die Söhne schwerreicher Finqueros seien, die es sich leisten konnten, goldene Zähne zu haben.“ (Ebenda, S. 26)

Das praktische Kleingeld des Alltags reichte vom Bronze-Centavo bis zur Silbermünze zu 50 Centavos (1905, 800er Silber, 12,5 Gramm). Bildquelle: SF Coins Collectibles

Betrug war an der Tagesordnung, vor allem gegenüber den einfältigen Indios. Der junge Celso, Hauptfigur des Romans, wird von einem Viehhändler trickreich um den Lohn zweier Arbeitsjahre auf einer Finca gebracht. Um Schulden seines Vaters zu begleichen, händigt er dem Händler seine gesamten Ersparnisse aus: 76 silberne Peso-Stücken sowie 50 Centavos. Der Kredit aus einem Viehkauf war allerdings überhaupt noch nicht fällig. Besonders hinterhältig lief die Jagd auf Indios ab, die für mindestens ein Jahr unter unmenschlichen Bedingungen in den „Monterias“ arbeiten sollten. In diesen Lagern im Dschungel wurde das Mahagoni-Holz für den Export nach Europa geschlagen. Jeder Indio, der mittellos und in finanziellen Schwierigkeiten war, wurde von den gerissenen Agenten geködert und ausgenommen. Auch der Indio Celso muss dringend wieder Geld verdienen, hat er doch die Mitgift für seine Braut aufzubringen. Um nicht in den Monterias zu landen, verdingt er sich zunächst für fünf Pesos als Postbote. Seinen Lohn bekommt er in handlichen Münzen zu 50 Centavos sowie kleinerem Silber- und Kupfergeld ausgezahlt. Letztlich muss er aber doch in die Monterias. Dort in den Wäldern wurde vorzugsweise mit Schecks gehandelt – Bargeld zu transportieren war schwer und viel zu gefährlich. Zurück in der Heimat von Hucutsin jedoch waren die begehrten Silbermünzen das erste, worauf er angesprochen wurde: „Du hör einmal, hast du nicht vielleicht einen Duro, einen schönen blanken Peso übrig, dass ich zum Candelaria-Fest einen trinken kann?“ (Ebenda, S. 138)

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