• Michael Kurt Sonntag

ANTIKE: Die Zähmung des Orontes


Um 83 v. Chr. wandte sich Tigranes II. der Große (95–56 v. Chr.) von Großarmenien gegen das Seleukidenreich und eroberte u. a. Syrien mit der Hauptstadt Antiocheia am Orontes. In der Folge ließ er in Antiocheia Tetradrachmen prägen, die auf ihrer Vorderseite sein nach rechts gewandtes Porträt mit armenischer Tiara und Diadem tragen und auf ihrer Rückseite die Tyche von Antiocheia und den Flussgott Orontes zeigen und die Legende BASILEOS TIGRANOU ([Münze] des Königs Tigranes) nennen.

Sieht man sich die Rückseite dieser Tetradrachme an, so stellt man fest, dass die in einen Tuchmantel gekleidete Tyche nach rechts auf einem Fels sitzt, eine Mauerkrone auf dem Kopf trägt und einen Palmwedel in ihrer Rechten hält. Die Mauerkrone definiert die ansonsten als Schicksals- oder Glücksgöttin bezeichnete Tyche hier eindeutig als Stadtgöttin von Antiocheia. Der junge Mann wiederum, der zu ihren Füßen schwimmt, ist die Personifikation des Flusses Orontes bzw. der Flussgott Orontes.

Schaut man sich die Tyche und den Flussgott allerdings etwas eindringlicher an, dann scheint es, als setze die Tyche ihren rechten Fuß auf die rechte Schulter des Flussgottes. Ist dies nur eine Folge eines etwas ungenauen Stempelschnitts oder tatsächlich so gewollt? Da dies auf allen Münzen im Prinzip so ist, scheint diese „Berührung“ gewollt. Aber warum eigentlich? Nun, vergegenwärtigt man sich, dass Antiocheia am Ufer des Orontes lag, der Orontes als Fluss aber nicht nur segensreich, sondern auch gefährlich sein konnte – vor allem wenn er Hochwasser führte, über seine Ufer trat und die Stadt überschwemmte – dann wird klar, dass die Stadtgöttin Tyche Antiocheia nur schützen konnte, wenn sie dem Orontes Einhalt gebieten, ihn sozusagen zähmen würde. Es ist also diese Zähmung des Orontes, die das Rückseitenbild der Münze detailgetreu veranschaulicht.

Übrigens, dieses Münzbild wurde der antiken Skulptur „Die Tyche von Antiocheia“ (3. Jh. v. Chr.) des griechischen Bildhauers Eutychides nachempfunden (antike Marmorkopie im Vatikan, Quelle: wikipedia).

Antiocheia am Orontes (Syrien). Tigranes II. (95-56 v. Chr.), Tetradrachmon (um 83-69 v. Chr.), Silber, 15,08 g, Ø (Höhe Vs.) 25 mm.

Quelle: Numismatik Lanz, Auktion 162 (6. Juni 2016), Los 169

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