• Jürgen Lorenz

Der Dreißigjährige Krieg – Teil 2: Prager Fenstersturz


Im Mai des Jahres 1618 kam es in der böhmischen Hauptstadt Prag zu einem der folgenreichsten Ereignisse der Geschichte: Dem Prager Fenstersturz. Dieser markiert allgemein anerkannt den Beginn des Dreißigjährigen Kriegs und ist vielen Leuten auch heute noch ein Begriff, wenngleich die eigentlichen Hintergründe den wenigsten geläufig sein sollten. Durch die im 16. Jahrhundert in Gang getretene Reformation hatten sich auch in Böhmen zwei verschiedene religiöse Lager gebildet. Dies waren neben den Katholiken die sogenannten Böhmischen Brüder, die Anfang des 17. Jahrhunderts bereits die böhmische Bevölkerungsmehrheit stellten. Dennoch wurden ihre Mitglieder von Seiten der römisch-katholischen Kirche unter Bann gestellt und hatten mit Verfolgung zu rechnen. Erst als Kaiser Rudolf II. 1609 die Religionsfreiheit verbriefte und nicht katholische Gläubige unter Schutz stellte, verbesserte sich die Lage der Protestantischen Brüder.

Im Jahr 1612 wurde Rudolfs Bruder, der Erzherzog Matthias, römisch-deutscher Kaisers. Unter ihm sollte sich die Lage in Böhmen wieder stärker anspannen, was auch damit zusammenhing, dass er seine Residenz von Prag nach Wien verlegte. Zur wirklichen Eskalation kam es jedoch erst nachdem Erzherzog Ferdinand, der später als Ferdinand II. die Geschicke des Reiches lenken sollte, 1617 das Amt des böhmischen Königs übernahm. Er führte gleich zu Beginn seiner Amtszeit harte Maßnahmen der Re-Katholisierung durch und schränkte die Rechte der protestantischen Stände ein. Dies führte schon bald zu Unruhen auf Seiten der Protestanten, die ihre Religionsfreiheit in ernster Gefahr sahen. Am 23. Mai 1618 eskalierte die Situation nach einer Versammlung der Protestanten endgültig. Ihr Führer Heinrich Matthias von Thurn und rund 200 Vertreter der protestantischen Stände zogen zur Prager Burg, in der die Böhmische Hofkanzlei mit den königlichen Statthaltern ihren Sitz hatte. Nachdem sie sich Zutritt verschafft hatten, trafen sie dort auf die katholischen Statthalter Wilhelm Slavata und Jaroslav Borsita Graf von Martinitz sowie den Kanzlei-Sekretär Philipp Fabricius. Kurzerhand wurde ein Schauprozess improvisiert und alle drei mit Gewalt zum Fenster geschleppt und 17 Meter in die Tiefe geworfen.

Mit viel Glück konnten alle drei Personen den gewaltigen Sturz überleben. Gründe hierfür dürften u.a. die nach außen schräge Wand, ihre dicken Mäntel, welche die Folgen des Sturzes abmilderten und die Tatsache, dass sie sich teilweise noch festklammern konnten, sein. Als eher unwahrscheinlich gilt eine andere Legende, nach der sie auf einem Misthaufen gelandet seien. Als die Aufrührer schließlich sahen, dass alle noch am Leben waren, versuchten sie mit Schüssen ihr Werk zu vollenden, was jedoch ebenfalls scheiterte und so alle drei die Flucht ergreifen konnten. Bei der katholischen Adeligen Polyxena von Lobkowicz, welche ihnen Schutz gewährte, konnten sie sich anschließend verstecken. Von den Stürzen gibt es (spätere) drastische Berichte, wie folgender von Graf von Martinitz über den Sturz Wilhelm Slavatas:

"Sie haben erst die Finger seiner Hand, mit der er sich festgehalten hat, bis aufs Blut zerschlagen und ihn durch das Fenster ohne Hut, im schwarzen samtenen Mantel hinab geworfen. Er ist auf die Erde gefallen, hat sich noch 8 Ellen tiefer als Martinitz in den Graben gewälzt und sich sehr mit dem Kopf in seinen schweren Mantel verwickelt."

Obwohl der Fenstersturz wie eine spontane Tat aussah, war er wohl von langer Hand geplant. Den böhmischen Protestanten war sicher bewusst, dass der Kaiser dies als Herausforderung ansehen und mit harten Strafmaßnahmen beantworten würde. Der Kaiser sah im Prager Fenstersturz einen Angriff auf sich selbst und wertete ihn daher auch entsprechend als Kriegserklärung. Die ersten Kampfhandlungen sollten nicht lange auf sich warten lassen. Die bis dato größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte hatte begonnen: Der Dreißigjährige Krieg.