• Jürgen Lorenz

Agrippa als Nachfolge-Kandidat des Augustus


Marcus Vipsanius Agrippa (64/63 – 12 v. Chr.) war eine Schlüsselfigur im nahen Umfeld des ersten römischen Kaisers Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.). Er entstammte einer politisch wenig bedeutenden Familie, die dem Ritterstand angehörte. Bereits während seiner Jugendzeit knüpfte er freundschaftliche Beziehungen zu Octavian, dem späteren Augustus. Als es nach der Ermordung Caesars an den Iden des März 44 v. Chr. zu Bürgerkriegen kam, stand Agrippa seinem Freund treu zur Seite. Er befahl die Flotte und war wesentlich am Sieg Octavians in der Seeschlacht von Actium im Jahr 31 v. Chr. gegen Marc Anton und Kleopatra beteiligt. Schwerpunkt dieses Beitrags ist jedoch die innenpolitische Rolle Agrippas seit dem Beginn der Alleinherrschaft des Augustus ab 27 v. Chr.

Während Augustus von 27 bis 24 v. Chr. in Spanien Krieg führte, verwaltete Agrippa Rom und widmete sich einem ehrgeizigen Bau- und Verschönerungsprogramm. Das sumpfige Marsfeld ließ er entwässern und in eine Park-Landschaft mit prunkvollen, öffentlichen Gebäuden umgestalten. In seiner Verantwortung entstand dort die Saepta Iulia, die große Versammlungshalle. In deren unmittelbarer Nähe ließ er 25 v. Chr. als Erinnerung an den Sieg bei Actium den Vorläufer-Bau des heutigen Pantheons errichten. Agrippa ließ seinen Bau auf dem Marsfeld auf dem Gelände errichten, welches zuvor Pompeius, dann Marcus Antonius gehört hatte.

Das Pantheon Agrippas nahm in Grundzügen die Anlage Hadrians vorweg. Auch Aquädukte wie die Aqua Virgo, welche die von ihm gebauten Thermen auf dem Marsfeld versorgte und noch heute das Wasser für den Trevi-Brunnen befördert, gehen auf Agrippa zurück. Er trug so dazu bei, dass Augustus sich am Ende seiner Regierungszeit rühmen konnte, eine Stadt, die er aus Ziegeln vorgefunden hatte, als eine marmorne Stadt zu hinterlassen, wie er in seinem Tatenbericht (Res Gestae) anführte. Agrippa blieb Augustus’ engster Vertrauter, obwohl er, wie Velleius Paterculus berichtet, fürchtete, gegenüber dessen Neffen Marcellus zurückgesetzt zu werden. Im Jahr 24 v. Chr. erkrankte Augustus schwer, sodass Agrippa einen Teil seiner Aufgaben übernahm. Durch die Übertragung verschiedener privilegia, u. a. eines unbefristeten Imperiums für das gesamte Reich 23 v. Chr. und der tribunicia potestas für fünf Jahre 18 v. Chr., wurde er als Vertreter des Augustus und dessen mutmaßlicher Nachfolger herausgestellt. Nach Marcellus’ Tod ließ er sich 21 v. Chr. auf Augustus’ Drängen hin von dessen Nichte Marcella scheiden, von der er mehrere Kinder hatte, darunter Vipsania Marcella, die spätere Ehefrau des Publius Quinctilius Varus, und heiratete in dritter Ehe Augustus’ Tochter, Marcellus’ Witwe Iulia. Damit war die engstmögliche Verwandtschaft zu Augustus hergestellt. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Gaius Caesar, Iulia, Lucius Caesar, Agrippina und Agrippa Postumus, der erst nach Agrippas Tod geboren wurde. Die beiden älteren Söhne adoptierte Augustus bald nach ihrer Geburt und erklärte sie damit zu seinen Nachfolgern.

Im Jahr 13 v. Chr., als seine Schwiegersöhne Tiberius und Varus Konsuln waren, kehrte er nach Rom zurück, da sein Kommando und die tribunicia potestas ausliefen, die jedoch umgehend um fünf Jahre verlängert wurden. Bei seinem Aufenthalt in Rom beaufsichtigte Agrippa den Fortschritt seiner ehrgeizigen Bauvorhaben, u. a. den Bau der Porticus Vipsania in der Nähe der Ara Pacis. Dort ließ er eine in Marmor gravierte Weltkarte anbringen, die Plinius in seiner Naturalis historia als Grundlage seiner Geographie angibt. Den Bau ließen nach seinem Tod seine Schwester Vipsania Polla und Augustus vollenden.

Im darauffolgenden Jahr, 12 v. Chr, kämpfte Agrippa in Illyrien gegen aufständische Stämme. Dort erkrankte er jedoch und kehrte nach Italien zurück, wo er überraschend starb, zweieinhalb Jahrzehnte vor dem oft kranken Augustus. Seinen Besitz vermachte er Augustus. Daneben hinterließ er einen Fonds, der sicherstellen sollte, dass der Besuch der von ihm erbauten Thermen kostenlos bleiben sollte. Um Agrippas Bemühungen um die Wasserversorgung der Stadt Rom fortzuführen, richtete Augustus nach seinem Tod offiziell das Amt des curator aquarum, des Wasserbeauftragten von Rom, ein. Agrippa wurde im Mausoleum des Augustus bestattet. Agrippa war zunächst während der Bürgerkriegszeit nach der Ermordung Caesars in den militärischen Auseinandersetzungen enorm bedeutend für den Aufstieg Octavians. Daneben war er eine wesentliche innenpolitische Stütze des Augustus, indem er wichtige baupolitische Projekte in Rom realisierte und auch für einen reibungslosen Ablauf der Verwaltung sorgte. Insofern hielt er Augustus innenpolitisch den Rücken frei. In der Regierungszeit des Caligula (37–41) wurden Asse mit dem Porträt des Agrippa ausgegeben, die mit der Darstellung der corona rostrata (ein mit Schiffsschnäbeln geschmückter Kranz) und Neptuns deutlich auf die erfolge Agrippas als Flottenkommandant anspielen. Diese Münze gehört zu einer Serie von Prägungen, die Familienmitgliedern des Kaisers, wie beispielsweise Agrippina, dem vergöttlichten Augustus sowie den Schwestern des Kaisers, gewidmet sind.