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Myrina – Porträts zweier Göttinnen auf ein und derselben Münze

Bei Myrina handelt es sich um eine antike Hafenstadt an der kleinasiatischen Westküste an der Mündung des Pythikos. Sie liegt in der Provinz Aiolis, die im Norden an Mysien, im Osten an Lydien und im Süden an Ionien grenzt (siehe Karte).

Karte des nordwestlichen Kleinasien in der Antike. [Bildquelle: Eva und Wolfgang Szaivert nach David R. Sear: Griechischer Münzkatalog, Bd. 2: Asien, München 1983, S. 82]

Dem antiken Autor Eusebios zufolge wurde Myrina 1046 v. Chr., also in spätmykenischer Zeit, von griechischen Siedlern gegründet. Der Name der Stadt geht wohl auf die Amazone Myrina zurück. „Nach Xenophon […] schenkte [der persische Großkönig] Dareios die Stadt dem Gongylos von Eretria, dessen Dynastie wohl bis ins 4. Jh. v. Chr. in Myrina und Gryn(e)ion herrschte.“ (Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, Bd. 8, Sp. 596) Seit der Mitte des 5. Jh. v. Chr. war Myrina Mitglied im Attisch-Delischen Seebund. Nach der Schlacht von Kurupedion (281 v. Chr.) gelangte die Stadt in den Herrschaftsbereich der Seleukiden und blieb seleukidisch bis 252 v. Chr., als sie an das pergamenische Reich fiel. Da der letzte pergamensiche König Attalos III. sein Reich 133 v. Chr. testamentarisch an Rom vererbte, kam auch Myrina in römischen Besitz und wurde ab 129 v. Chr. Bestandteil der neu eingerichteten römischen Provinz Asia.

In Myrina setzte eine eigene Silberprägung zum einen recht spät ein, erst um 300 v. Chr., und beschränkte sich dann zum anderen auch nur auf ein einziges Nominal – die Hemidrachme.

Hemidrachme, um 300 v. Chr., Myrina (Aiolis), Silber, 1,84 g, Ø 13 mm. [Bildquelle: MA-Shops, Munthandel G. Henzen (NL)]

Betrachtet man diese Hemidrachme etwas eingehender, so erkennt man vorderseitig das nach rechts gewandte Porträt einer jungen Frau bzw. jungen Göttin mit greifengeschmücktem attischem Helm. Da es in der Antike jedoch keine wehrfähigen Frauen gab, der antiken Mythologie zufolge aber eine Göttin, die ausschließlich mit Helm dargestellt wurde, ist klar, die Gezeigte ist eindeutig Athena. Bei der rückseitig Dargestellten mit Ohrringen, Halskette und geschultertem Köcher ist die Zuweisung allerdings nicht ganz so einfach. Vergegenwärtigt man sich nämlich, dass die Namenspatronin der Stadt die Amazone Myrina war und Amazonen kämpferische Frauen waren, dann könnte der geschulterte Köcher doch als Hinweis auf eine Amazone interpretiert werden. Dazu würde auch das Buchstabenkürzel M – Y für den Amazonennamen Myrina passen. Und doch ist es nicht die Amazone Myrina, die uns hier begegnet, sondern die Göttin Artemis. Der geschulterte Köcher bzw. Bogen und Köcher ist in der Ikonografie der antiken Numismatik nämlich immer das Attribut der Jagdgöttin Artemis. Amazonen dagegen wurden so nie dargestellt, zumal die rückseitig Porträtierte in der gesamten griechischen Welt sofort mit Artemis assoziiert worden wäre. Und auch beim Buchstabenkürzel M – Y ist nicht der Name der Amazone gemeint, sondern jener der münzprägenden Stadt.

Dass die beiden Göttinnen allerdings Vorderseite und Rückseite derselben Münze im Porträt zieren, ist eher ungewöhnlich, zumal die meisten antiken griechischen Münzen ein vorderseitiges Götterporträt mit einem rückseitigen ganzfigurigen Götterbildnis, wenn überhaupt, kombinieren.

Interessant ist übrigens, dass nach der Emission dieser Hemidrachmen gut 100 Jahre keine Silbermünzen mehr geprägt wurden. Erst in der Periode 200-100 v. Chr. setzt die Silbermünzprägung erneut ein und es entstanden Tetradrachmen und Drachmen, aber keine Hemidrachmen mehr, mit völlig neuen Bildmotiven. Doch das ist eine andere Geschichte.

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