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Monumentaler antiker Tempel in der Türkei entdeckt

Archäologen der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster haben im vergangenen Sommer bei Ausgrabungen in der antiken Stadt Doliche im Südosten der Türkei ein bislang unbekanntes Heiligtum aus römischer Zeit entdeckt. Über einen Zeitraum von neun Wochen legte das Team um Prof. Dr. Engelbert Winter und Prof. Dr. Michael Blömer von der WWU-Forschungsstelle Asia Minor Teile eines großen Tempels frei, der sich nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch seine ungewöhnliche Form auszeichnet. Für die Kenntnis der Entwicklung antiker Tempelarchitektur im Nahen Osten ist dieser Fund von großer Bedeutung. Vor Beginn der Grabungsarbeiten deutete wenig auf die Existenz eines antiken Großbaus an dieser Stelle hin. Auf dem sanft abfallenden, mit Trauben bepflanzten Feld waren keine Spuren antiker Architektur zu erkennen. Georadar-Messungen, die unterirdische Strukturen sichtbar machen, hatten jedoch bereits im Vorfeld der Kampagne Hinweise auf unter der Oberfläche verborgene Mauerzüge gegeben. Ihre Dimensionen verrieten zudem, dass sie dem öffentlichen Raum der antiken Stadt zuzurechnen sind. Die Grabungen konnten die Vermutungen der Wissenschaftler bestätigen.

Ein Mitarbeiter bei der Untersuchung eines Gebälkteils des Tempels. [Bildquelle: Forschungsstelle Asia Minor].

Soweit bislang erkennbar, liegt im Zentrum des Feldes ein ost-west orientierter Tempel von rund 35 Meter Breite. Sein Innenraum schließt im Westen mit einer Apsis, einem halbrunden Raum, ab, deren Breite etwa zwölf Meter beträgt. Die seitlich angrenzenden Bereiche sind noch nicht vollständig untersucht. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich jeweils kleine Seitenräume anschlossen, die von der Apsis aus zu erreichen waren. „Trotz starker Zerstörungen durch eine lange Nachnutzung und Steinraub vermitteln die freigelegten Reste des Tempels auch heute noch einen guten Eindruck von seiner Monumentalität. Zudem erlauben zahlreiche Kapitell- und Gebälkfragmente von beachtlicher Größe, den Aufbau des Gebäudes schon jetzt genau zu rekonstruieren", betont Grabungsleiter Engelbert Winter.

Grabungsarbeiten in der Apsis des Tempels. [Bildquelle: Forschungsstelle Asia Minor].

Die Erforschung des Tempels steht nach Angaben der münster‘schen Wissenschaftler erst am Anfang. Nach ersten Einschätzungen zeichnet sich ab, dass er sich durch seine eigenwillige Gestaltung des Innenraums mit großer Apsis von den üblichen Tempelbauten des östlichen Mittelmeerraums unterscheidet. Er steht allerdings nicht alleine da, sondern findet Parallelen in Palmyra und im südlichen Syrien. „Wir hoffen, Hinweise auf die Entwicklung der Tempelarchitektur des antiken Syrien zu bekommen", sagt Michael Blömer. Wer in dem neu entdeckten Tempel verehrt wurde, weiß das Team allerdings noch nicht. Dazu sind weitere Forschungen in den kommenden Jahren notwendig. Möglich scheint aber nach Einschätzungen der Wissenschaftler, dass es sich um eine Anlage des römischen Kaiserkultes handeln könnte. Die Entdeckung unterstreicht, dass Doliche ein Ort ist, an dem die religiösen Entwicklungen des antiken Nahen Osten besonders gut archäologisch untersucht werden können. So hat das münster‘sche Team in der Vergangenheit bereits das außerhalb der Stadt gelegene Heiligtum des Iuppiter Dolichenus, ein unterirdisches Heiligtum des Gottes Mithras und eine große frühchristliche Basilika des 4. Jh. n. Chr. freigelegt. In den kommenden Wochen bereiten die Wissenschaftler die Veröffentlichung ihrer Forschungserkenntnisse für die Fachwelt vor. Dazu haben sie unter anderem eine eigene Buchreihe begründet, die sich den Ergebnissen der Grabung widmet, und deren erster Band im Frühjahr 2022 erscheinen wird. 25-jähriges Grabungs-Jubiläum Die Arbeiten in Doliche werden seit 25 Jahren unter der Leitung von Prof. Dr. Engelbert Winter in Kooperation mit der türkischen Antikenverwaltung durchgeführt. In diesem Jahr waren eine internationale Gruppe von 43 Wissenschaftlern und Studenten sowie 25 Grabungshelfer an den Arbeiten in der Türkei beteiligt. Wichtigster Förderer ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

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