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Lübecker Kurantgeld: Ein Schock für Johann Buddenbrook

„In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt waren, stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch. Der Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, dass Herr Grünlich die drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, als bald entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene Geschäftsbriefe und abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszügen bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfass aus Metall. […] Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln des Papiers, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen der Regen das einzige Geräusch.“ (Thomas Mann: Buddenbrooks – Verfall einer Familie, Frankfurt/Main 1957, S. 200f.).

Buddenbrooks-Haus in Lübeck. [Bildquelle: Wikimedia, Ogawa].

Die Zusammenkunft von Konsul Buddenbrook, seinem Schwiegersohn Grünlich und Bankier Kesselmeyer ist einer der dramatischen Höhepunkte in diesem Roman von Weltgeltung. Die Forderung des Bankiers an Grünlich beträgt 60.000 Kurantmark: „Mit den rückständigen Zinsen 68.755 Mark und 15 Schillinge.“ (Ebenda, S. 203). Doch Konsul Johann Buddenbrook weigert sich, für die Schulden seines bankrotten Schwiegersohnes einzustehen. Mit insgesamt 120.000 Mark steht jener in der Kreide. Da platzt die Bombe. Bankier Kesselmeyer packt über Grünlichs betrügerische Methoden aus: „Schon vor vier Jahren, als uns schon einmal das Messer an der Kehle stand – der Strick um den Hals lag – wie wir da plötzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook an der Börse ausschreien ließen, noch bevor sie wirklich stattgefunden hatte.“ (Ebenda, S. 206). Doch das ist nicht alles: „Wie haben wir das eigentlich gemacht? Wie haben wir es angefangen, das Töchterchen und die 80.000 Mark zu ergattern? Oho! Das arrangierte sich. Wenn man auch nur für einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hübsche Bücher vor, allerliebste, reinliche Bücher, in denen alles aufs Beste bestellt ist – nur dass sie mit der rauen Wirklichkeit nicht völlig übereinstimmen. Denn in der rauen Wirklichkeit sind drei Viertel der Mitgift schon Wechselschulden!“ (Ebenda).

Mark lübisch (1549, 903er Silber, 18,6 Gramm, 35 mm). [Bildquelle: Künker, Summer Auction Sales 293-294, Los 986].

Doch was ist die Kurantmark eigentlich? In welcher Währung hat sich Grünlich derart verschuldet? Und wie hoch wäre eine solche Schuld in heutigem Geld? Die Rolle der Mark im Währungssystem der Lübecker geht auf das frühe 16. Jahrhundert zurück. Innerhalb der Lübischen Währungsunion von 1501/02 war ein „status marce lubicensis“ festgelegt worden, die Mark lübischer Währung. Einer Mark wurden 21,69 Gramm Silber in einer Legierung von 0,9375 fein zugeordnet. Erste Entwürfe für Münzen zu 1 ½ Mark datieren von 1502. Im Jahr 1506 wurde das Gewicht mit 19,19 Gramm und 0,9375 fein neu bestimmt. Nicht nur Rechnungen lauteten auf Mark lübisch. Die Markstücke wurden auch eine Zeit lang ausgeprägt: „Mit der Jahreszahl 1549 sind in Lübeck die letzten Markgepräge und ihre Teilstücke geprägt worden, vermutlich nicht in der hohen Anzahl wie die jahresgleichen Taler. Der Feingehalt von 14 ½ Lot (0,906 fein) ist ein letztes Zeichen der Beständigkeit der Mark, ein Feingehalt, das sei rückblickend vermerkt, der nach Beschlüssen der Jahre 1506 bis 1514, schon zwischen 15 und 14 ½ Lot schwankte. Hochgeachtet verblieben die Mark und ihre Teilstücke über viele Jahrzehnte bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts im allgemeinen Zahlungsverkehr.“ (Dieter Dummler: Siebenhundert Jahre Geldwesen in Lübeck, Lübeck 2015, S. 41).

Kurantmark (16 Schilling, 1728, 750er Silber, 9,2 Gramm, 32 mm). [Bildquelle: Ebay, Constantin-Coins].

Im Jahr 1727 schloss sich Lübeck der Hamburger Kurantwährung an, die im 34-Mark-Münzfuß ausgebracht wurde. Das bedeutete, dass 34 Mark „Courant“ aus einer Kölner Gewichtsmark Feinsilber von etwa 234 Gramm geprägt werden sollten. Die hergestellten Münzen lauteten auf die Bezeichnung Schilling, wobei 16 Schilling eine Mark ergaben. Das höchste ausgeprägte Nominal des Lübecker Kurantgeldes war ein 48-Schilling-Stück, entsprechend drei Mark. Das Raugewicht der als „Couranttaler“ bezeichneten Münzen lag bei 27,5 Gramm. Es wurde jedoch nur einmal geprägt. Als weitere Nominale sind eingeführt worden: 32 Schilling (zwei Mark), 16 Schilling (eine Mark), 8 Schilling, 4 Schilling und 2 Schilling. Von den Münzen zu zwei Kurantmark hat man immerhin 243.300 Exemplare geschlagen. Die zugehörigen Scheidemünzen mit einem reduzierten Silbergehalt waren der Schilling, der Sechsling und der Dreiling. Das Vordringen des preußischen Talers im Wert von 48 Schilling bewirkte, dass die Lübecker Gepräge im Zahlungsverkehr zurückgedrängt wurden. Als Rechnungseinheit blieb die Mark jedoch erhalten. So wird klar, dass die Buddenbrooks um 1850 noch in Kurantmark rechneten: „Die Markstücke blieben bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Verkehr. Infolge ihrer Abnutzung wurden sie um einen Schilling mehr auf die Mark verrechnet (35 Markfuß, ab 1856). Die letzten Exemplare hat die Stadtkasse 1874 gegen Reichsgeld eingetauscht. In Anlehnung an die lübische Mark wurde das 1873 eingeführte Reichsgeld als Mark bezeichnet. Für eine Mark lübisch erhielt der Bürger 1,2 Mark neuer Währung.“ (Ebenda, S. 68).

Mark (1873, 900er Silber, 5,5 Gramm, Dm. 24 mm). [Bildquelle: Künker, Auktion 286, Los 2044].

Um den Wert einer Kurantmark abzuschätzen, sind zeitgenössische Preisangaben hilfreich. Um 1800 kostete ein Scheffel Weizen mit einem Rauminhalt von 23 Litern etwa sieben Kurantmark. Ein Paar Schuhe kostete 96 Schilling. Ein Pfund Butter war für 14 Schilling zu haben. Für eine ärztliche Visite waren 12 Schilling zu berappen. Geht man davon aus, dass eine Mark lübisch für eine Kaufkraft von etwa zehn Euro steht, hat die Gesamtschuld des Herrn Grünlich einen Gegenwert von etwa 1,2 Millionen Euro. An Bankier Kesselmeyer wären 680.000 Euro zu zahlen. Angesichts der heutigen Höhen einiger Vermögen und Schuldenlasten mögen diese Beträge eher unbedeutend erscheinen. In Anbetracht der niedrigen damaligen Kapitalausstattung waren sie jedoch exorbitant hoch. #Buddenbrook #ThomasMann #Lübeck #LübeckerKurantgeld #Schilling #Schillinge #Kurantmark #KölnerMark #Gewichtsmark #Silber #Feinsilber #Schulden #Bankier #Kuranttaler #Münzfuß #DietmarKreutzer

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