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Karl I. von Österreich-Ungarn: Der glücklose Kaiser, der selig gesprochen wurde

Im Rahmen seiner Sommer-Auktionen versteigert das Osnabrücker Auktionshaus Künker die einzige Goldmünze des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn, die auf dem freien Markt verfügbar ist. Johannes Nollé erzählt die Geschichte der Münze und ihres Prägeherrn, der im Alter von nur 35 Jahren auf Madeira starb.


Am Donnerstag, dem 20. Juni 2024 versteigert das Auktionshaus Künker eine ganz besondere numismatische Rarität. Es handelt sich um ein 20 Kronen-Stück von 1918 des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn: Karl I. Das Besondere daran ist die Tatsache, dass nur wenige Goldmünzen unter diesem Herrscher entstanden, und von den wenigen ist das bei Künker angebotene Stück, das einzige, das sich nicht in einem Museum befindet. Man sagt, dass Karl I. sich mit dieser Münze auf seinem Totenbett bei seiner Pflegerin für ihre Fürsorge bedankte.

Karl I., 1916-1918. 20 Kronen 1918, Kremnitz. Von allergrößter Seltenheit. Wohl einziges im Handel befindliches Exemplar. Aus Auktion Rauch 73 (2004), Nr. 3404. Vorzüglich. Taxe: 150.000 Euro. Aus Auktion Künker 409 (20./21. Juni 2024), Nr. 2052.


Eine ungarische Münze

In Österreich-Ungarn gab es österreichische / cisleithanische Geldstücke, deren Legenden in Latein abgefasst waren und in ihrem Münzbild den doppelköpfigen Reichsadler herausstellten; dazu kamen ungarische / transleithanische Prägungen, die sich der ungarischen Sprache bedienten und die Stephanskrone in den Mittelpunkt rückten. Eine solche ungarische Münze ist das 20-Kronen-Stück Karls I. von Österreichs bzw. Karls IV. von Ungarn aus dem Jahr 1918. Es ist so selten, dass es wahrscheinlich nicht so schnell wieder eine Chance geben wird, es für eine Sammlung zu gewinnen.



Karl IV. von Ungarn leistet seinen Krönungseid in Budapest am 30. Dezember 1916. Zu seiner Linken Kardinal János Csernoch, Erzbischof von Esztergom und Primas der ungarischen Kirche.


Mit dem Tod von Kaiser Franz Joseph I. am 21. November 1916 wurde sein Großneffe Karl automatisch Kaiser von Österreich-Ungarn. Die Ungarn legten größten Wert darauf, dass er in Budapest mit der Stephanskrone gekrönt würde und einen Eid auf die ungarische Verfassung leiste. Die nationalstolzen Ungarn wollten damit verhindern, dass Karl Vorstellungen des in Sarajewo ermordeten Franz Ferdinands umsetzen würde und die deutsch-ungarische Doppelmonarchie in eine deutsch-ungarisch-slawische Tripelmonarchie umwandelte. Bei einer solchen Reform des Habsburgerreiches wären slawische Gebiete, die der ungarischen Krone unterstanden, aus dem Königreich Ungarn ausgegliedert worden. Karls Krönung zum ungarischen König erfolgte deshalb schon am 30. Dezember 1916 in Budapest.



Das Wappen der ungarischen Krone, das vom 6. November 1915 bis zum 29. November 1919 benutzt wurde. cc-by 1.0 Jozsef Sebestyén / Thommy.


Das extrem seltene ungarische 20-Kronenstück zeigt also nicht ohne Grund Karl bei dieser Krönung mit der Stephanskrone. Die ungarische Legende lautet  "KÁROLY, I(sten) K(egyelméböl) A(usztria) CS(ászára) ÉS M(agyar-), H(orvát-), SZ(lavon-) D(almátországok) AP(ostoli) KIR(álya)", in Übersetzung: Karl, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn, Kroatien, Slawonien und Dalmatien.

Auf der Rückseite ist das von zwei Engeln gehaltene und mit der Stephanskrone überkrönte Wappen des Königsreichs Ungarn zu sehen: Der sechsgeteilte Wappenschild zeigt von oben nach unten die Wappen von Dalmatien (3 Löwenköpfe), Kroatien (rot-weißes Schachbrettmuster), Slawonien (Marder zwischen Save und Drau), Siebenbürgen (Schwarzer Adler und sieben Burgen), Bosnien-Herzegowina (Arm mit Schwert) und Fiume / Rijeka (Doppelköpfiger Adler auf ausfließender Amphora). Darübergelegt sind in einem gespaltenen Herzschild die beiden Wappen Ungarns: links der Schild Alt-Ungarns (ungarisches Flachland), der in insgesamt sieben waagerechte rote und weiße Streifen unterteilt ist; rechts der Schild Neu-Ungarns mit dem auf einem grünen Dreiberg (Tátra, Fátra, Mátra) stehenden weißen Patriarchenkreuz, das die apostolische Würde Ungarns symbolisieren soll.


Unter dem Wappen ist der Prägeort Kremnitz auf ungarisch angeführt: "K(örmöcz)B(ánya)". Die Legende lautet: "MAGYAR KIRÁLYSÁG", in Übersetzung: Ungarisches Königreich. Auf dem Rand steht "HARCBAN ÉS BÉKÉBEN A NEMZETTEL A HAZÁÉRT", in Übersetzung: Im Kampf und im Frieden mit dem Volk für die Heimat. Auf den österreichischen Münzen entspricht der ungarischen Randschrift das lateinische Motto "PACE BELLOQVE OMNIA PRO PATRIA CVM POPVLO MEO".


Ein überforderter Herrscher und der Untergang eines Reichs

Der bei der Thronbesteigung noch nicht dreißigjährige Karl, den der alte Kaiser zu spät in die Regierungsgeschäfte eingeführt hatte, war angesichts der verzweifelten Situation, in der sich Österreich inmitten des Ersten Weltkriegs befand, völlig überfordert. Er war nicht in der Lage, die immer spürbarer werdende wirtschaftliche und soziale Krise zu lindern. Gegen den Widerstand des Deutschen Reiches, das einen Siegfrieden anstrebte, gelang es ihm nicht, Friedensverhandlungen in Gang zu bringen, zumal auch er nicht bereit war, Gebietsverluste (etwa das Trentino an Italien) in Kauf zu nehmen. So war der völlige Zusammenbruch seines Reiches im Oktober 1918 nicht aufzuhalten.


Nachdem am 9. November in Berlin die Republik ausgerufen worden war, wurde der Druck auf Karl, ebenfalls abzudanken, immer größer. Am 11. November 1918 musste er in Schönbrunn eine Verzichtserklärung unterschreiben. Am 13. November erzwangen auch die Ungarn einen förmlichen Verzicht Karls auf die Ausübung von Regierungsgeschäften. Am 23. März 1919 sahen Karl und seine Familie sich gezwungen, in die Schweiz auszureisen, allerdings nutzte Karl dies, um am 24. März 1919 seine Abdankung zu widerrufen. Daraufhin erließ der österreichische Nationalrat das Habsburgergesetz, das insbesondere Karl und seiner Frau Zita die Rückkehr nach Österreich untersagte, aber auch anderen Familienangehörigen, die sich weigerten, die Republik Österreich anzuerkennen. Der Habsburger Familienfond wurde beschlagnahmt und alle Adelstitel abgeschafft.


Ostern 1921 und im Oktober desselben Jahres ein weiteres Mal versuchte Karl vergebens, wenigstens den ungarischen Königsthron für sich zurückzugewinnen. Da vor allem die Siegermächte des Ersten Weltkriegs nicht an einer erneuten kriegerischen Auseinandersetzung in Europa interessiert waren, wollte man sich nunmehr Karls entledigen. Das ungarische Parlament erklärte am 6. November 1921 die Habsburger für abgesetzt. Nach einer kurzen Inhaftierung wurde Karl mit seiner Frau Zita am 1. November auf ein britisches Donauschiff verbracht, das sie zum Schwarzen Meer schaffte. Dort nahm ein englisches Kriegsschiff sie an Bord und brachte sie in die Verbannung nach Madeira.



Der letzte Kaiser von Österreich-Ungarn ruht nicht in der Kapuzinergruft, sondern in der Kirche Nossa Senhora do Monte in Funchal. Foto: Johannes Nollé.


Das Ende auf Madeira

Karl und Zita erreichten die Insel am 19. November 1921. Dort lebten sie und die nachgereisten Kinder zunächst in einem Annex des berühmten Hotel Reid’s in Funchal, doch ging dem abgesetzten Kaiserpaar bald das Geld für die kostspielige Unterkunft aus. Eine Bankiersfamilie gewährte Karl und seiner Familie Unterkunft in der Quinta do Monte, einem Herrenhaus oberhalb von Funchal. Das dort herrschende feuchte Klima setzte der Gesundheit Karls so stark zu, dass er am 1. April 1922 in Monte 34-jährig verstarb.

Am 4. April 1922 wurde er in einer Seitenkapelle der Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Monte beigesetzt. Eine Statue Karls schaut vom Platz vor der Kirche auf Funchal hinab. Versuche seiner Gattin Zita, ihn in die Wiener Kapuzinergruft zu überführen, konnten nicht realisiert werden. Allerdings erreichte sie mit Unterstützung des umstrittenen Bischofs Krenn im Jahre 2003 die Seligsprechung Karls durch Papst Johannes Paul II. Angeblich hätte Karl sich unaufhörlich für den Frieden eingesetzt und nach seinem Tod auf Anrufung hin mehrere Wunder getan.


Mehr Informationen zu dieser Münze und zu den Künker Auktionen 408 und 409 vom 18. bis 21. Juni finden Sie auf www.kuenker.de.


Johannes Nollé

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