• Michael Kurt Sonntag

Iris auf Silbermünzen von Kaunos

Iris, wer ist das? Nun, in der Theogonie des Hesiod heißt es diesbezüglich: „Thaumas verband sich sodann mit des tiefen Okeanosstromes Tochter Elektra, und diese gebar die eilige Iris, lockenschön die Harpyien, Aello auch und Okypete, die zugleich mit dem Wehen der Winde, dem Fluge der Vögel eilen auf raschen Schwingen dahin…“ (Hesiod, Theogonie, 265ff.).


Iris, griechisch „Regenbogen“, war also die Schwester der windschnellen Harpyien, und wegen ihrer eigenen Schnelligkeit auch Götterbotin. In der Ilias Homers beispielsweise ist sie diejenige, die den Trojanern Botschaften von Zeus bringt. „Doch den Troern kam als Botin die windfüßige schnelle Iris von Zeus, dem Aigishalter, mit der schmerzlichen Botschaft.“ (Homer, Die Ilias, 2,786 f.). In der nachhomerischen Dichtung teilt sie sich die Funktion als Götterbote mit Hermes in der Weise, dass sie vor allem Hera und Hermes dem Zeus zugeordnet ist. Beim antiken römischen Dichter Ovid tritt die Botin der Hera, Iris, als vergöttlichter Regenbogen in Erscheinung. „Iris aber legt ihr tausendfarbiges Gewand an, zieht einen weitgeschwungenen Bogen über den Himmel und sucht, wie [von Juno (Hera)] befohlen, den unter den Wolken verborgenen Königspalast auf.“ (Ovid, Metamorphosen, 11,589 ff.).


Ruinen einer antiken Tempelanlage in Kaunos. Bildquelle: Hans-Heinrich Hoffmann, Wikimedia Commons.

Und Kaunos? Ja Kaunos war eine Küstenstadt im Grenzgebiet zwischen Karien und Lykien, am Kalbis gelegen – eine Stadt, die heute Dalyan çayi heißt, verlandet ist und sich etwa 3 km vom Meer entfernt befindet. Um 546 v. Chr. wurde Kaunos vom medischen Feldherrn Harpagos, der im Dienste Kyros II., des Großen stand, erobert. Laut Herodot war die Stadt am Ionischen Aufstand beteiligt und später Mitglied des Attisch-Delischen Seebundes. Unter der Herrschaft der karischen Satrapen Hekatomnos und Maussollos wurde Kaunos nach 387/86 v. Chr. zur griechischen Stadt ausgebaut. Die kaunische Sprache aber war dem Karischen ähnlich. Als Hauptgott galt Basileus Kaunios (Zeus Kaunios). 333 v. Chr. besetzten Ptolemaios und Asandros die Stadt. 313 v. Chr. eroberte sie Antigonos I. Monophthalmos und 309 v. Chr. Ptolemaios I. Soter. 287/86 v. Chr. wurde Kaunos von Demetrios I. Poliorketes, 285 v. Chr. von Lysimachos und danach von den Ptolemaiern beherrscht. 197 bzw. 195 v. Chr. kaufte Rhodos die Stadt für 200 Talente. Von 189/185-167/165 v. Chr. wurde Kaunos von einem rhodischen Gouverneur regiert. 167 v. Chr. fiel es von Rhodos ab, wurde aber bald darauf zurückerobert. Ein Jahr später musste die rhodische Garnison Kaunos auf Anordnung des römischen Senats allerdings verlassen. Ab 129 v. Chr. war Kaunos Bestandteil der römischen Provinz Asia, genoss jedoch den Status einer civitas libera. Weil die Stadt seit 88 v. Chr. aber auf der Seite des pontischen Königs Mithradates VI. Eupator stand und auch dessen „Blutbefehl von Ephesos“ befolgte, unterstellte sie der römische Senat 81 v. Chr. wieder Rhodos. Vor 51/50 v. Chr. fand sie jedoch wieder Aufnahme in die Provinz Asia.


Zu den Silbermünzen, die Kaunos zwischen 490 und 390 v. Chr. prägte, gehören Trihemiobole, Hemidrachmen, Drachmen und Statere. Während die Vorderseiten all dieser Münznominale motivgleich sind – sie alle zeigen die geflügelte Iris mit nach rückwärts gewandtem Kopf im Knielaufschema nach links oder rechts hin –, weisen die Rückseiten der Nominale unterhalb des Staters einen nach rechts oder links stehenden Greif im Qudratum incusum auf, und die Staterrückseiten zeigen einen konischen bzw. dreieckigen Baitylos im vertieften Quadrat.


1. Trihemiobol (490-470 v. Chr.), Silber, 1,27 g, Münzstätte Kaunos. Bildquelle: Künker, Auktion 153 (14. März 2009), Los 8432.

3. Hemidrachme (um 490-470 v. Chr.), Silber, 2,49 g, Münzstätte Kaunos. Bildquelle: Leu Numismatik AG (1992-2005), Auktion 81 (16. Mai 2001), Los 285.

4. Drachme (um 470 v. Chr.), Silber, 5,89 g, Münzstätte Kaunos. Bildquelle: LHS Numismatik AG, Auktion 103 (5. Mai 2009), Los 130.
5. Stater (um 470-450 v. Chr.), Silber, 11,73 g, Münzstätte Kaunos. Bildquelle: Numismatik Lanz, Auktion 131 (27. November 2006), Los 196.

6. Stater (um 410-390 v. Chr.), Silber, 11,70 g, Münzstätte Kaunos. Bildquelle: Gorny & Mosch, Auktion 169 (12. Oktober 2008), Los 514.

7. Stater (um 410-390 v. Chr.), Silber, 11,95 g, Münzstätte Kaunos. Bildquelle: Gemini, LLC, Auktion I (11. Juni 2005), Los 169.

Betrachtet man die Vorderseiten etwas eindringlicher, so erkennt man, dass Iris auf den frühen Ausgaben außer den sichelförmigen Rückenflügeln auch noch Flügel an den Füßen hat und zudem eine Kopfbedeckung (Haube) trägt, die mit zwei „antennenähnlichen“ Spiralen ausgestattet ist. Auf den späteren Ausgaben scheinen ihre Haare am Hinterkopf bisweilen flügelartig auzulaufen, zudem bemerkt man, dass sie in ihrer Rechten einen Heroldsstab (Kerykeion) und in ihrer Linken einen Kranz hält.


Da der Heroldsstab das Abzeichen der Boten ist, findet er sich nicht allein bei Iris, sondern ist auch das Attribut des Hermes. Der Greif auf den Nominalen unterhalb des Staters hat immer eine Vorderpranke erhoben und steht stets in einem geperlten Quadrat, das sich seinerseits wiederum in einem Quadratum incusum befindet. Bei dem konischen bzw. dreieckigen Baitylos auf der Rückseite der Statere handelt es sich um die Darstellung eines heiligen Steins, der in Kaunos den altanatolischen Wettergott Tarhunt symbolisiert, der später mit Zeus gleichgesetzt wurde. Der Baitylos ist bisweilen an seiner Spitze mit zwei „Henkeln“ versehen und findet sich immer in einem vertieften Quadrat. Während er manchmal bloß von kaunischen Buchstaben flankiert wird, flankieren ihn in anderen Fällen Weintrauben oder geperlte vogelförmige Figuren.