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Guatemalas Quetzales: Die Münzen mit dem Göttervogel

Die Bautätigkeit, die Präsident José Reina Barrios entfaltete, war beeindruckend. Zahlreiche Infrastrukturprojekte schob er an, insbesondere den Ausbau von Straßen, Eisenbahnstrecken und Telegrafenverbindungen. Die Central American Expo von 1897 holte er nach Guatemala-City. Die Hauptstadt gestaltete er für die Ausstellung nach Pariser Vorbild um. Die Umsetzung dieser Pläne verschlang allerdings Unsummen. Die Schuldenlast stieg unaufhörlich. Bald wurde die Situation bedrohlich. Die Gehälter der Beamten konnten nicht mehr bezahlt werden: „Barrios gelang es, ein gewisses Maß an Dynamik aufrechtzuerhalten, indem er die Banken Guatemalas dazu brachte, ihm Kredite zu gewähren. […] Barrios lieh sich im Mai 1897 etwa anderthalb Millionen Pesos von diesen Banken, um die laufenden Kosten der Regierung zu decken. Er versprach, die Darlehen innerhalb eines Jahres zurückzuzahlen, einschließlich einer monatlichen Zinsbelastung von etwa einem Prozent. Gleichzeitig wurden die Banken vorübergehend von ihrer Verpflichtung entbunden, ihre Banknoten in Gold- und/oder Silbermünzen einzulösen. Bis zum Jahresende hatte die Regierung ihre Kredite jedoch nicht zurückgezahlt.“[1] Hatte der Wert des ungedeckten Papiergeldes zunächst nur 10 Mio. Pesos betragen, verdoppelte er sich bis Ende 1900. Ende 1908 war die Summe der ungedeckten Banknoten auf 60 Millionen Pesos angestiegen. Und im Jahre 1923 befanden sich über 410 Mio. dieser Banknoten im Umlauf. Alle Gold- und Silbermünzen waren längst aus dem Umlauf verschwunden. Zugleich sank der Wert des Pesos gegenüber dem Dollar ins Bodenlose.


Guatemaltekischer Göttervogel Quetzal [Wikimedia, Quapan]


Um den Teufelskreis zu durchbrechen, holte die Regierung den namhaften US-Finanzexperten Edwin Walter Kemmerer ins Land: „In seinem im September 1919 vorgelegten Bericht kritisierte Kemmerer die bisherige Politik Guatemalas und brachte das hohe Zinsniveau mit der ungeordneten Ausgabe von Papiergeld in Verbindung und schlug eine Rückkehr zum Goldstandard vor, die durch die Einrichtung einer Zentralbank gewährleistet werden sollte, die für alle ausgegebenen Banknoten und das Funktionieren des Goldstandards verantwortlich wäre.“[2] Zunächst geschah nicht viel. Erst als der Präsident, der das Land 20 Jahre lang regiert hatte, abgesetzt wurde, konnte das Projekt realisiert werden: „Nach verschiedenen Verzögerungen und Hindernissen aufgrund der Vielzahl der an den Verhandlungen beteiligten Parteien wurde am 26. November 1924 eine neue nationale Währung, der Quetzal, eingeführt, dessen Goldgehalt dem des US-Dollars entsprach. Im Februar 1925 verlangten die neuen Bankvorschriften, dass alle Banknoten durch eine Reserve von 40 Prozent Gold gedeckt sein mussten.“[3] Das Wappentier des Landes, der Göttervogel Quetzal, gab der Währung ihren Namen. Eine komplette Nominalkette aus Gold- und Silbermünzen mit einem Bildnis des landestypischen Vogels mit den prachtvollen Schwanzfedern erschienen, außerdem Kleingeld aus unedlem Metall. Die von der Philadelphia Mint geprägten Goldmünzen entsprachen in Gewicht und Legierung jenen, die in den USA umliefen. Bei den im Lande hergestellten Silbermünzen war es ähnlich. Sie galten aber nur bis zu einer Summe von zehn Quetzales als gesetzliches Zahlungsmittel.



Ein sofortiger Umtausch aller Zahlungsmittel zum offiziellen Kurs von einem Quetzal für 60 alte Pesos war jedoch nicht möglich: „Nach dem Regierungsdekret Nr. 879 vom 26. November 1924, bestätigt durch das Gesetzesdekret Nr. 1379 vom 2. Mai 1925, existierte der Peso noch einige Jahre lang neben dem Quetzal. Der Quetzal wurde hauptsächlich für Handelsgeschäfte verwendet, der Peso zur Bezahlung von Arbeitern und in der lokalen Wirtschaft. Der Peso wurde schließlich während der Präsidentschaft von Jorge Ubico abgeschafft.“[4]


Kaffee war das wichtigste Exportgut des Landes. Die hohen Kaffeepreise der Jahre 1924 bis 1928 auf dem Weltmarkt hielten die Währung eine Zeit lang stabil: „Die Preise stiegen von 13,5 US-Dollar pro Zentner in den Jahren 1920 bis 1921 auf 24,5 US-Dollar in den Jahren 1924 und 1925 und pendelten sich danach zwischen 22 und 24 US-Dollar ein.“[5] Ab 1925 wurde mehr als ein Drittel des Kaffes nach Deutschland exportiert. Der im Kaffeehandel engagierte Deutsche Friedrich Köper prangerte jedoch die Gefahren einer einseitigen Abhängigkeit des Landes vom Kaffee in einem Brief an einen Geschäftspartner an: „Durch schlechte Rechtspflege und einseitige Produktion wiederholt sich in Guatemala immer wieder dasselbe Schauspiel, dass der durch hohe Kaffeepreise in das Land fließende Segen respektable Überfluss, diesem eben nicht zum Segen gereicht.“[6] Exzessive Staatsausgaben und eine darauffolgende Finanzkrise während der Regierung von Lázaro Chacón ab 1926 sowie Korruption und Misswirtschaft ließen ahnen, dass auf die Konjunktur im Kaffee- und Bananenhandel ein Absturz folgen würde.


Guatemala. ¼ Quetzal von 1929. 720er Silber, 8,3 g, 27 mm [Numismatic Guaranty Company]


So kam es auch. Die auf den „Schwarzen Freitag“ folgende Weltwirtschaftskrise von 1929 traf das Land heftig: „Im Laufe der Krise verfielen die Kaffeepreise um fast 42 Prozent. Sie sanken von 24 US-Dollar pro Zentner im Erntejahr 1927/28 auf 14 Dollar pro Zentner 1930/31. Deshalb nahmen die staatlichen Einnahmen dramatisch ab, und im Parlament scheiterte der Versuch Chacóns, die Neuaufnahme eines Kredites durchzusetzen.“[7] Bei den Wahlen im Februar 1931 siegte der Extremist Jorge Ubico. „Trotz Ubicos energischem Vorgehen erreichte die Krise im Juni 1931 einen weiteren Höhepunkt, als große Teile der Bevölkerung ihr Geld von den Bankkonten abhoben. Vier wichtige Banken gingen pleite.“[8] Die Betriebe mussten rationalisieren, Arbeiter entlassen, die Löhne senken. Das Land war faktisch zahlungsunfähig. Im Jahre 1933 schaffte es zugleich mit den USA den Goldstandard ab. Mit der Abwertung der Währung gelang Guatemala die wirtschaftliche Erholung. Erst danach wurde der Quetzal zu einer relativ stabilen Währung in Lateinamerika.


Guatemala. 10 Quetzales (Token). Kupfer-Nickel, 18.7 g, 38 mm [NumisCorner]


Quellen

  1. Brian R. Stickney: „Central America – Attempts at Monetary Unification“, in: American Numismatic Society 2018/1, S. 24f.

  2. Gilles Bransbourg: „US money doctors in Latin America – Between War and Depression, The Short-Lived Reinstatement of the Gold Standard“, in: American Numismatic Society 2017/4, S. 17ff.

  3. Ebd.

  4. David Carey Jr.: Engendering Mayan History. New York 2006, S. 265, Fußnote 85.

  5. Christiane Berth: Biografien und Netzwerke im Kaffeehandel zwischen Deutschland und Zentralamerika 1920–1959. Hamburg 2014, S. 155.

  6. Ebd., S. 159.

  7. Ebd., S. 197.

  8. Ebd., S. 199.

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