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Der Münztaucher von Santa Catalina

Im ersten Teil seiner Romantrilogie Fluss ohne Ufer schreibt Hans Henny Jahnn über namenlose Münztaucher, die als Blickfang für Touristinnen dienten: „Es standen immer ein paar junge Männer auf der Mole Sta. Catalina. Sie konnten Koffer tragen, Feigen oder Mandeln feilbieten, betteln oder einfach dastehen und die Blicke einfangen. Einige saßen nackt umher, nur mit einem Tuch um die Lenden. Sie waren immer bereit, ins Wasser zu springen. Dafür schenkte man ihnen Zigaretten und kleine Geldstücke. Man schenkte sie ihnen, wenn sie wieder aus dem Wasser stiegen. Es kam darauf an, dass man sie nackt und feucht, mit glänzender beperlter Haut, mit dem aufgeweichten, fast durchsichtigen Lendentuch wieder am Kai oder auf dem Gitter einer Reling sah. Sie waren schön gewachsen. Sie unterschieden sich voneinander; aber wiederum war der Unterschied nicht bemerkenswert. Sie waren einander fast so gleich, wie ihr Alter gleich war. Manchmal freilich warf man die Geldstücke ins Meer; dann tauchten die Schwimmer danach und holten sie herauf. Sie hielten die Münzen zumeist zwischen den Lippen, wenn sie wieder auftauchten. Sie pressten die Lippen mit eigenartigem Vergnügen zusammen; sie bedienten sich nicht der Zähne.“ [1] Oft kamen die Taucher den einlaufenden Dampfschiffe ganz nah, dicht an die strudelnden Schiffschrauben. „Das alles war sehr erregend. Niemand dachte daran, dass die Armut diese gefährlichen Künste erfunden hatte, und dass die kleinen Münzen, die die Männer ernteten, Brot bedeuteten.“ [2]


Münztaucher in Nassau, Bahamas, ca. 1930 [Pizuki, Carribean Photo Archive]

Jahrzehntelang wurde dieses Coin Diving vor Santa Catalina betrieben. Auf dem Webportal Islandpedia schreibt der Historiker Chuck Lidell, dass man von den Tauchgängen zum Dampfer Catalina bis zu 15 Dollar am Tag mitbringen konnte, was für drei Mahlzeiten reichte. Viele Geschichten sowie alte Fotos und Postkarten mit Münztauchern haben sich erhalten. Der polnische Autor Andrzej Bobkowski etwa berichtet in seinen unter dem Titel Hinter dem Wendekreis erschienen Erinnerungen, wie er im Jahr 1948 nach Guatemala auswanderte. An Bord des polnisch-italienischen Kreuzers Jagiełło landete er zunächst im Hafen von Madeira: „Die Jagiełło wird immer noch von Händlern belagert, Münztaucher versuchen auf unser Motorboot zu gelangen, springen ins Wasser und tauchen mit silbernen Scheiben im Mund wieder auf. Zwei Italienerinnen schmeißen silberne Geldstücke ins Wasser, lachen, wie sie so mit Souvenirs behangen dasitzen, summen vor sich hin, Platscher im veilchenblauen Wasser – das ist … dafür habe ich keine Worte.“ [3] Auf den Bahamas galt das Münztauchen sogar zeitweilig als ein lebensnotwendiger Erwerbszweig: „In den späten 1920er Jahren zerstörten Hurrikane die Schwammbänke, und der wirtschaftliche Aufschwung der Prohibitionszeit, gefolgt vom Wall Street Crash, führte zu einer Depression, die sich direkt auf die Tourismusindustrie der Bahamas auswirkte. Die Arbeitslosigkeit war so hoch wie nie zuvor und das soziale Gefüge von New Providence verschlechterte sich. […] Während die Aktivitäten offenbar für ein Einkommen notwendig waren, wurden sie wahrscheinlich auch mithilfe von Postkarten, Filmen und Werbung gefördert, um den Tourismus auf den Bahamas anzukurbeln – und so wurden diese Aktivitäten schließlich zu einem Bedürfnis, das auch der Unterhaltung diente.“ [4]


Historisches Kleingeld vom halben Dollar bis zum „Nickel“, USA [White’s Collectibles]

Sozialwissenschaftler charakterisieren jene Touristenattraktionen früherer Jahrzehnte inzwischen als eine Spielart des Neokolonialismus: „Beim Einlaufen ihres Schiffes im ersten Hafen, sei es Nassau, Bridgetown, Kingston oder Colón, bot sich den Passagieren oft ein vergleichbarer Anblick: kleine Einbäume und Kanus, die von schwarzen Jungen und jungen Männern gesteuert wurden. Völlig nackt oder spärlich mit einem Lendenschurz bekleidet, begrüßte sie die hellhäutigen Ankömmlinge, die über die Reling schauten. Die Weißen wussten, was gespielt wird, und warfen Münzen in die wartenden Boote unter ihnen. Als die Nickels und Pennies in die aquamarinblaue Brandung fielen und die jungen Taucher ihnen hinterher sprangen, nahmen sie an einem Schauspiel teil, das die aufkommende Welt der Tropenreisen kennzeichnete.“ [5] Die Eingeborenen sollten eine Show abziehen, in der die wohlhabenden Touristen den Wert eines amerikanischen Fünf-Cent-Stückes oder eines britischen Pennies für die Einheimischen auskosteten: „Sie unterstrichen auch die Bedeutung der Sexualität für die entstehende Welt des Tourismus. Im Hafenviertel, in dem neben Prostituierten auch andere Sexarbeitern tätig waren, wurden die Münztaucher auch wegen ihrer sexuellen Anziehungskraft für die Touristen interessant. In einer Spielart des Rassismus waren ihre nackten oder fast nackten Körper ein erotischen Blickfang für die US-Reisenden, noch verstärkt durch den Reiz der Brandung. Dennoch wurden sie vom Schiff auf sichere Distanz gehalten.“ [6]


Großbritannien. Penny von 1936. Bronze, 9,4 g, 31 mm [Numismatic Guaranty Corporation]

In seiner Geschichte aus Fluss ohne Ufer ist sich der Schriftsteller Hans Henny Jahnn all dieser Umstände bewusst. Sein Erzähler geht an der Mole von Santa Catalina auf einen der jungen Männer zu und drückt ihm statt eines Pennies ein ganzes Pfund Sterling in die Hand. Der namenlose Taucher glaubt daraufhin, der Weiße wolle Sex von ihm. Anstelle von Freude war nun Trauer in sein Gesicht geschrieben. Er öffnete den Mund: „Wohin gehen wir?“ [7] Doch der Weiße, der ihn bewunderte, wollte lediglich mit ihm reden. Er schreibt: „Manchmal bat er mich, eine Münze ins Wasser zu werfen. Allmählich kam ich darauf, größere Münzen zu wählen, Und so ernährte ich ihn, ohne dass er beschämt wurde.“ [8] Eines Tages wollte der Taucher ein gewagtes Kunststück vorführen, warf sich rücklings über den Rand seines Bootes, spielte den Delphin. Beim Tauchgang unter dem Kiel des Schiffes geriet er in die Nähe der Schiffsschraube. Doch wo blieb er? Dem Erzähler raste das Herz. Ein dunkler Filter legte sich über seine Augen. Bald färbte eine rote Spur das Wasser …


Postkarte Diving Pennies, 1936 [Ebay, Umpteen Postcards]

Quellen

  1. Hanns Henny Jahnn: 13 nicht geheure Geschichten. Hamburg 1954, S. 118.

  2. Ebd.

  3. Auf der Jagiełło; auf: aufbau-verlage.de.

  4. Jodi Minnis: "Investigative Introspective", auf: terngallery.com

  5. Stanley Fonseca: "Coin Diving, Tourism, and Colonialism in the Caribbean, 1890–1940"; in: Journal of Social History, Januar 2023, S. 1f.

  6. Ebd., S. 3.

  7. Jahnn, S. 119.

  8. Ebd., S. 120.

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