• Dietmar Kreutzer

Amerikanisches Kleinsilber: Hochwürden greift durch


Fotografie von Harper Lee in der ersten Edition von „Wer die Nachtigall stört“, fotografiert von Truman Capote (1960). Bildquelle: Wikimedia.

Während der Sonntagsmesse der Methodisten-Episkopalkirche von Maycomb (US-Staat Alabama) wird die Kollekte eingesammelt. Einer nach dem anderen treten die Gläubigen vor. Fünf- und Zehn-Cent-Stücke klimpern in der Opferkanne aus Emaille. Zum Erstaunen der erstmals hier sitzenden weißen Kinder Jem und Scout stellte der Pfarrer das Gefäß am Ende des Opferganges jedoch nicht einfach zur Seite. Hochwürden Sykes stülpt die Kanne um und zählt das Geld! „Es langt noch nicht“, sagt der Priester. „Wir müssen zehn Dollar haben.“ (Harper Lee, Wer die Nachtigall stört (How to kill a Mockingbird), Berlin 1968, S. 159f.).


In der Kirche wird es unruhig. Man sammle für die Frau von Tom Robinson, eines des schuldlos inhaftierten Schwarzen, erklärt Hochwürden. „Wenn jeder noch zehn Cent gibt, wird es reichen.“ Sykes hebt die Hand, damit ihn der Kirchendiener besser sieht: „Alex, schließ die Tür zu! Keiner verlässt den Raum, bis wir zehn Dollar haben.“ Die Köchin Calpurnia hat schon ein blankes 25-Cent-Stück aus ihrem Beutel hervorgekramt, da flüstert der 13-jährige Jem seiner jüngeren Schwester zu: „Gib mir deine zehn Cent, Scout.“ Am Altar bildet sich eine zweite Schlange. Die Prozedur zieht sich hin. In der Kirche wird es inzwischen unerträglich heiß. Da ruft der Geistliche in strengem Ton: „Carlow Richardson, dich habe ich noch nicht hier vorn gesehen.“ Reumütig kommt ein magerer Mann in grauen Khakihosen nach vorn und wirft eine Münze auf den Tisch. Doch noch immer reicht es nicht. „Ich möchte, dass alle, die kinderlos sind, ein Opfer bringen und nochmals zehn Cent geben.“ (Ebenda). Endlich ist es geschafft. Zehn Dollar! Die Kirchentür öffnet sich. Ein frischer Lufthauch lässt die Gemeinde aufatmen.


Harper Lee bei der Überreichung der Presidential Medal of Freedom (2007). Bildquelle: Wikimedia, Draper.

In dem berühmten Roman von Harper Lee (1926-2016) geht es um den perfiden Umgang der Weißen mit einem schwarzen Mitbürger in einer Kleinstadt im Süden der USA. Erzählt wird die in den dreißiger Jahren angesiedelte Geschichte von Scout, der achtjährigen Tochter eines anständigen, aber umstrittenen Rechtsanwaltes. Die Hauptfiguren sind realen Personen nachempfunden, mit denen die Autorin Harper Lee in ihrer Jugend zu tun hatte. In ihrem Spielgefährten Dill etwa ist der Schriftsteller Truman Capote zu erkennen, mit dem die Autorin schon als Kind befreundet war. Doch auch das Kleingeld, das während der Weltwirtschaftskrise in den USA umlief, spielt eine Rolle.


25 Cent, Silber, Denver, USA, 1932. Bildquelle: Coinshome.

Als Scout zur Schule kommt, wundert sich die junge Lehrerin, dass der barfüßige Walter Cunningham keine Frühstücksbrote dabei hat. „Hier hast du fünfundzwanzig Cent“, sagte sie zu Walter. „Geh heute zum Essen in die Stadt. Du kannst es mir morgen zurückgeben.“ (Ebenda, S. 28). Doch Walter nimmt die Münze nicht an. Scout weiß warum: „Wahrscheinlich hatte er noch nie in seinem Leben drei Fünfundzwanzigcentstücke zusammen gesehen.“ (Ebenda, S. 29). Als die Cunninghams einmal Probleme mit ihrer Erbpacht hatten, bezahlten sie die anwaltliche Vertretung durch den Vater von Scout über Monate hinweg in Naturalien ab. Den anderen Dienstleistern in der Stadt ging es nicht besser, wird Scout erklärt: „In Maycomb County gebe es viel Landwirtschaft, deshalb hätten die Ärzte, Zahnärzte und Juristen es schwer, zu ihren Fünf- und Zehncent-Stücken zu kommen.“ (Ebenda, S. 30). Eine Köchin bekam etwas mehr als einen Dollar pro Woche. Auf einen Kinobesuch wurde mitunter ein Jahr gespart.


10 Cents, Silber, 1930, West Point, USA. Bildquelle: Heritage Auctions.

Umso erstaunter sind die Kinder des Rechtsanwaltes, wenn sie an „Radleys Eichen“ immer wieder Geschenke eines mysteriösen Nachbarn finden. Als sie am letzten Schultag nach Hause gehen, wartet in einem präparierten Astloch ein Kästchen auf die beiden, das mit Samt ausgeschlagen und mit einem Schnappschloss versehen ist. Jem lässt das Schloss aufspringen. Sie finden zwei glänzende Cent-Stücke: „Indianerköpfe“, sagte er. „Neunzehnhundertsechs und – du Scout, stell dir vor, der andere ist von neunzehnhundert. Die sind ja richtig alt.“ (Ebenda, S. 48). Solche Münzen gelten als Talisman. Jem muss seiner achtjährigen Schwester Scout die Bedeutung erklären: „Na, Indianerköpfe – die kommen von den Indianern und haben ganz starke Zauberkraft. Sie bringen Glück. Nicht so, dass es abends Brathuhn gibt, wenn man’s nicht erwartet, sondern solche Sachen wie langes Leben und Gesundheit und das Examen bestehen (…) Die Münzen sind für irgendjemand sehr wertvoll.“ (Ebenda, S. 49).


1 Cent, Bronze, 1900, (Philadelphia) USA. Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.

Tatsächlich haben die Cent-Stücke eine besondere Geschichte. Die Münzen wurden 1858 von James Barton Longacre entworfen, dem Chef-Designer der Philadelphia Mint. In einem Brief an den Direktor der Prägestätte begründete der, warum er einen Indianer wählte: Er sei ein Symbol für die Vereinigten Staaten und Teil des nationalen Erbes. Die Gesichtszüge des Indianers ähneln allerdings denen der Tochter von Longacre. Die Legende besagt, dass Sarah Longacre zu dieser Zeit einmal in der Prägestätte war und den Kopfschmuck einer Reihe von Indianern anprobierte, die sie besuchten. Ihr Vater habe sie bei dieser Gelegenheit skizziert. Der Wohltäter, der Jem und Scout die Cents schenkt, ist Boo Radley, der mysteriöse Sohn eines Nachbarn, den seit Jahren kein Mensch in Maycomb gesehen hat. Die Stücke werden ihre Zauberkraft bald schon entfalten. Boo Radley wird den Kindern das Leben retten …